Chirine Etezadzadeh, Leiterin des SmartCity.institute

Chirine Etezadzadeh, Leiterin des SmartCity.institute

Bild: © SmartCity.institute

Welchen Beitrag können Stadtwerke zur Smart City leisten?
Stadtwerke als Infrastrukturanbieter der Gegenwart verfügen über zahlreiche Kompetenzen, die wir für Smart-City-Maßnahmen benötigen. Diese Kompetenzen sollten im Bereich der Digitalisierung ergänzt werden. Einerseits, um sich verändernde klassische Wertschöpfungsbereiche zu modernisieren und zu integrieren, andererseits, um neue Wertschöpfungsbereiche, u.a. im Bereich der Daseinsvorsorge, zu erschließen. Ihre Gemeinwohlorientierung ohne eine strenge Gewinnmaximierungspflicht prädestinieren sie, diese Position zu bekleiden. Im Buch stellen wir kommunale Unternehmen vor, die sich überzeugend auf den Weg gemacht haben, das Thema Smart City zu adressieren.

Welche Technologien werden vorrangig in der Smart City genutzt?
Angesichts der Vielfalt der Sektoren einer Kommune ist das eine sehr weit gefasste Frage. Jeder Sektor braucht seine individuellen Lösungen: Wir sehen Nachbarschaftsplattformen in der Smart Community, Verfahren zur regenerativen Energieerzeugung und Smart Grits im Energiesektor oder vernetzte Mobilitätsplattformen. Smart Cities werden verschiedenste Technologien nutzen. Das diese Lösungen verbindende Element ist die Digitalisierung.

Welche Rolle spielt die Digitalisierung?
Die Idee ist, die Digitalisierung und die Künstliche Intelligenz (KI) im Bereich der Smart City zu instrumentalisieren, um zukunftsfähig zu werden. Wir werden KI nutzen müssen, um die vielfältigen Systeme und die resultierenden Datenmengen zu vernetzen und zu beherrschen. Dabei müssen wir aber auch die Beherrschbarkeit der Technik im Auge behalten. Hierzu zeigt in dem Buch das Interview mit Wolfram Geier vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe die zu berücksichtigenden Grenzen in nachdrücklicher Weise auf.

Wie muss sich die Mobilität wandeln, damit Städte wieder lebenswerter werden?
Wir brauchen eine vollständige Reorganisation des Verkehrssystems. Es gilt, alle verfügbaren Transportmittel integriert nutzbar zu machen. Das Schlüsselelement bildet ein Hochleistungs-ÖPNV mit lebensnahen Services, der so attraktiv ist, dass die Menschen auch freiwillig auf öffentliche Verkehrsmittel umsteigen würden. Das kostet Geld, schafft aber auch Jobs.
In der Studie haben wir verschiedenste Verkehrsträger und Lösungen des Personen- und Gütertransports technologieoffen diskutiert. Es wurde ersichtlich, dass wir alles haben, was eine Verkehrswende erfordern würde, außer der Absicht sie einzuleiten.

Wie verändert sich die Ökonomie in der smarten Stadt?
Die Ökonomie einer durchtechnisierten Stadt oder Gemeinde wird sich vollständig verändern. Der Handel mit Daten, die ohne unser Zutun erhoben, gehandelt und verwertet werden, wird unsere Ökonomie massiv expandieren lassen und potenziell zu einer noch intensiveren Kommerzialisierung unserer Lebenswelt führen. Die sich wandelnde Ökonomie beleuchten wir in der Studie unter verschiedenen Gesichtspunkten.

Welche Unternehmen sind Vorreiter bei der Entwicklung von Smart-City-Strukturen?
In unserer Untersuchung haben wir in 18 verschiedenen Infrastruktursektoren und Querschnittsthemen deutsche marktführende Unternehmen und Start-ups sowie vier europäische Unternehmen mit ihren Lösungen vorgestellt. Damit haben wir gezeigt, dass, neben den großen Infrastrukturanbietern und Technologiekonzernen, auch andere Unternehmen selbstverständlich auf dem Smart-City-Markt in Erscheinung treten können. Leider fehlt es uns in Deutschland noch an Kooperation, Vision und Investition, um mit internationalen Akteuren mithalten zu können.
Innerhalb Deutschlands sehe ich, wie gesagt, die EVU und Stadtwerke als zentrale Akteure bei der Schaffung von entsprechenden Strukturen. Sie sind diejenigen, die mit der Gestaltung beginnen, aber sie sind nicht marktführend hinsichtlich des Lösungsangebots.

Ein Teil der Studie behandelt das Thema Kunst. Was hat das mit Smart City zu tun?
Die Untersuchung gliedert sich in soziale und technische Themengebiete. Kunst bildet dabei ein wichtiges Element, unter anderem als Verknüpfung des Sozialen mit dem Technischen. So thematisieren wir zahlreiche Funktionen der Kunst in einer Kommune und wie sie Teil einer Smart City werden kann. Interessanterweise hat gerade die Zweckungebundenheit der Kunst eine instrumentelle Funktion. In einem System, das auf das Vermessen, Bewerten und Optimieren angelegt ist, bildet sie gewissermaßen die Phalanx des Menschlichen. Die (freie) Kunst gehört als Teil unseres Seins in die Stadt oder Gemeinde, jedenfalls in eine lebenswerte, von Vielfalt geprägte Kommune. Das haben wir beleuchtet.

Das Interview führte Elwine Happ-Frank. Das gesamte Interview können Sie in der Februar-Ausgabe der ZfK lesen.

Infos zum Buch: "Smart City – Made in Germany": Das deutsche Standardwerk zum Thema Smart City, welches in 90 Kapiteln themenbezogene Haltungen, Aktivitäten und Lösungsansätze der deutschen Wirtschaft und Gesellschaft vorstellt. 142 Mitwirkende haben in 90 Kapiteln zum Erfolg der umfassenden Untersuchung beigetragen. Der Autorenkreis rekrutiert sich aus Vorsitzenden, Geschäftsführern und Experten deutscher marktführender Konzerne und Unternehmen, Vorsitzenden von Stiftungen, Verbänden und Vereinen sowie aus hochrangigen Vertretern der verschiedenen Verwaltungsebenen (Bund, Land, Kommunen) und weiteren stadtbezogenen Organisationen. Die Vorworte wurden von den Geschäftsführern der kommunalen Spitzenverbände und des VKU verfasst. Die Studie erscheint als Hardcover- und E-Book im Springer Nature Verlag.

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