Herr von Bechtolsheim, die Studie Energy retailers: Facing the toughest transition in the energy sector von Arthur D. Little fordert klare Entscheidungen eines Energieversorgers in der heutigen Zeit. Dazu seien Antworten auf die Fragen Welche Rolle spiele ich im Energiesystem? Was biete ich an? Warum gibt es uns? ausschlaggebend. Warum ist das so wichtig?
Viele Menschen wünschen sich ein nachhaltiges Agieren von Unternehmen – da werden Energieversorger oft noch mit der konventionellen CO2-intensiven Erzeugung in Verbindung gebracht. Hingegen spielen sie bei Überlegungen der Verbraucher beim Thema solare Eigenerzeugung bislang so gut wie keine Rolle. Bei der Frage nach dem „Warum?“ haben sich Energieversorger in der Vergangenheit über die Versorgungssicherheit definiert. Vor allem die Generation Y stellt die Frage nach dem Warum – im Sinne einer Existenzberechtigung durch konsequente Nachhaltigkeit – immer stärker. Aber auch die anderen Generationen beziehen diese Aspekte in ihre Kaufentscheidungen mit ein, z.B. beim Bau des Eigenheimes.
Wichtig ist auch laut Studie, die eigene Organisation "wahrhaft digital" werden zu lassen. Wie gehen Energieversorger diese Herausforderung am besten an?
Die meisten Energieversorger betreiben heute eine Vielzahl von Projekten, die sich mit Digitalisierung beschäftigen, aber in der Mehrzahl eine weitergehende Automatisierung des bestehenden Geschäftsmodells darstellen. „Wahrhaft digital“ heißt hingegen: Das Geschäftsmodell wird radikal auf den Prüfstand gestellt und in der Digitalwelt neu gedacht. Vereinfacht gesagt: wie würde ein Internet-Player an Herausforderungen herangehen? Was würden Google, Amazon, Tesla & Co. tun? Womit würden diese Player Geld verdienen? Was würde er mit den Daten machen? Wie würde er Daten gewinnen? Welche Partner würde er in sein Ökosystem einbeziehen? Aus diesen Überlegungen entsteht eine digitale Vision, ein Zielbild und ein Fahrplan, wie man da hinkommen will, neudeutsch: Transformation. Das Wichtigste ist, dass die Grundeinstellung der Schlüsselpersonen digital ist – also von den Daten her denkend: den digitalen Kunden ständig im Blick, in Geschäftsmodellen handelnd.
Als Schlüsselbereiche, in die EVU investieren sollen, identifiziert Arthur D. Little drei Bereiche: Dezentralisierung, Telekommunikation und Energieeffizienz. Warum sind gerade diese drei Punkte so erfolgsversprechend? Und: So richtig neu ist das ja nicht?
Neu ist das nicht, aber integrierte Lösungen werden kaum angeboten. Die meisten Aktivitäten bleiben Stückwerk: Ladesäule hier, Glasfaseranschluss dort und dann noch der Komplex Smart Home. Investieren heißt zunächst einmal, mehr Daten zu bekommen. So dass man die Probleme des Kunden versteht und ihm maßgeschneiderte Lösungen vorschlagen kann. Dazu muss der Versorger beim Kunden digital präsent sein, mit ihm interagieren, ihn verstehen. Die Energie muss digital werden: Die Smart Meter könnten ein Ansatz zur Datengewinnung sein, aber in Deutschland werden die meisten Haushalte davon ausgeschlossen sein. Zudem wird das Gas als Energieträger ausgeklammert. Das ist die Chance für Smart Home: Die anstehenden CO2-Aufschläge beim Gas werden das Heizen verteuern, so dass eine intelligente Steuerung der Thermostate sich rechnen kann. Mit attraktiven Paketen können Energieversorger das bislang dahindümpelnde Smart Home in eine wahre Datenquelle verwandeln. Zugleich werden Ersparnisse den Kunden für die Chancen sensibilisieren.
Neu ist es auch nicht, dass Google, Amazon und Co. das Geschäft der EVU bedrohen. Bislang bekommt man hier aber noch nicht viel mit, bzw. halten sich diese Konzerne noch sehr zurück?
Die Internetriesen agieren global und scheuen sich bislang vor der kleinteiligen und unberechenbaren Regulierung, den technischen Standards usw. in Europa. Noch sind die Erträge aus dem klassischen Werbedatengeschäft ordentlich, aber auch dort ist irgendwann mal eine Sättigung abzusehen. Wenn sich Smart Home aus den genannten Gründen für den Kunden rechnen wird, werden sie aufspringen. Dann haben sie das Potential, das datengetriebene Geschäft binnen kurzer Zeit zu dominieren, die Strom- und Gaslieferung werden sie vermutlich den heutigen Playern überlassen.
Die Studie ergibt auch, dass Start-ups die neuen EVU-Geschäftsfelder bedrohen. Derzeit arbeiten jedoch viele EVU mit Start-ups zusammen, es scheint hier schon ein Weg gefunden worden zu sein?
Startups sind mittlerweile ein gängiger Weg zur Innovation, der intern so meistens gar nicht möglich wäre. In den meisten Fällen sind die Start-up-Modelle eher eine Ergänzung des Portfolios. Es ist eine Win-Win-Situation: hier die große Zahl von Kunden, dort die disruptiven Ideen und Macher. Bedrohung entsteht eher durch Neulinge von ganz anderer Seite, beispielsweise durch Autohersteller wie VW, die neben Ladesäulen auch eine eigene Strommarke anbieten und eine große Zahl von Kunden haben.
Beschleunigt die Corona-Krise den Druck, dass ich mich als Energieversorger neuen Geschäftsfeldern zuwenden muss?
Die Corona-Krise führt zum Revival des eigenen Heims, fast im biedermeierhaften Sinne. Getrieben durch Home-Office-Nutzung werden das Haus oder die Wohnung als „my castle“ viel mehr als früher genutzt. An den Wochenenden bleiben die Menschen eher zu Hause statt herumzureisen. Das steigert den häuslichen Energieverbrauch und rückt schon bald das Thema Energieeffizienz stärker ins Bewusstsein. Wer sich die ganze Woche in seinem Heim aufhält, wird zudem mehr „Convenience“ erwarten im klassischen Sinne des Smart Home. Auch wird der Bedarf an Internetbandbreite nachhaltig ansteigen, was den Absatz von Glasfaseranschlüssen fördern wird. Die virensichere Fahrt wird durch das eigene E-Auto CO2-frei sein und schafft zusätzlich ein gutes Gewissen. Smart Home, Glasfaseranschluss und Ladesäule in Kombination mit der PV-Anlage sind das perfekte „Corona-Paket“. Es ist eine Riesenchance für Energieversorger, das eigene Heim „neu zu denken“ und sich als „Rundum-Kümmerer“ zu positionieren. Die Frage nach dem „Warum?“ dürfte sich damit dann beantwortet haben.
Die Fragen stellte Stephanie Gust
