"Wir gingen von Anfang an strenger vor als es die Allgemeinempfehlungen vorsahen: So erklärten wir Südtirol gleich nach den Faschingsferien und auch Österreich viel früher zu Risikogebieten", gibt Bernd Calaminus, Leiter Arbeitssicherheit, Krisenmanagement und Umwelt bei EnBW, Einblick in die Abläufe des Konzerns. Ebenso habe man sehr früh möglichst viele Mitarbeiter ins Homeoffice geschickt, große Meetings, Fortbildungen oder Veranstaltungen abgesagt. Kollegen im Außendienst werden so eingesetzt und die Schichten so organisiert, dass direkte Kontakte so weit wie möglich vermieden werden. Das gelte auch im Umgang mit Fremdfirmen – vor allem beim Netzbau.
Entwicklung bei aktuellen Projekten
Der Konzern aus Baden-Württemberg arbeitet derzeit mit über 7000 Lieferanten und Dienstleistern zusammen, "deren Geschäft teils dramatisch von der Corona-Epidemie beeinflusst wird", sagt Calaminus. "Auch deshalb setzen wir, wo es möglich ist, geplante oder begonnene Projekte weiter um. Aktuell sei kein Fall bekannt, wo ein Projekt im Bereich Erzeugung oder Netze wegen Corona komplett eingestellt worden wäre, auch wenn es zu Beeinträchtigungen komme. Die Drewag aus Dresden verschiebt derzeit nichtzeitkritische Vorhaben. Allerdings würden bislang alle notwendigen Investitionsvorhaben noch planmäßig ablaufen. Der Einbau intelligenter Zähler sei mangels Zutrittsmöglichkeiten stark eingeschränkt.
Darauf verweist auch die Rheinenergie: "Kunden reagieren aktuell höchst sensibel auf 'Hausbesuche', wir versuchen das auf ein Mindestmaß zu beschränken." Ebenso EWE: Vor allem Projekte mit direktem Kundenkontakt müssten derzeit größtenteils pausieren: Dazu zählen die Geräteerhebungen der L/H-Gasumstellung, der Einbau intelligenter Zähler, der Turnuswechsel von Zählern und der Bau von Glasfaserhausanschlüssen bzw. die Erneuerung von Hausanschlüssen bei Bestandsgebäuden. Der österreichische Konzern Verbund verweist darauf, dass derzeit alle Wartungen Vorrang haben, die den sicheren Betrieb der Anlagen bei Hochwasser sicherstellen. Dabei stehe die Versorgungssicherheit im Vordergrund. Weniger dringliche Arbeiten würden zurückgestellt.
Smart-Meter-Rollout
Die Stadtwerke München erklärten, dass sich durch den Rückzug von Baufirmen Zeitpläne von Infrastruktur-Baumaßnahmen verzögern. Stromnetz Hamburg kann derzeit die Auswirkungen auf größere laufende Investitionsprojekte aktuell nur schwer abschätzen, dies sei von der Dauer der restriktiven Maßnahmen abhängig. Aktuell seien die Verzögerungen durch Umplanung der Arbeitsabläufe auf den Baustellen, Terminverschiebungen in der Anlagenfertigung und im Transport gering. Außerdem geht der Hamburger Verteilnetzbetreiber davon aus, dass man – je nachdem wie lange die aktuelle Situation anhalte – die geplante Stückzahl an modernen Messeinrichtungen in diesem Jahr voraussichtlich nicht erreichen könne. "Das BSI lässt aber in der aktuellen Situationen Ausnahmeregelungen zu. Daher prüfen wir gerade wie wir unter Einhaltung der Regularien des Informationssicherheitsmanagementsystems eine Bedienung realisieren könnten", heißt es aus Hamburg.
Mainova hat zumindest schon die Quote beim Einbau der modernen Messgeräte erreicht: "Beim iMSys-Rollout profitieren wir von unserer bisherigen Geschwindigkeit. Hier haben wir beispielsweise die gesetzlich geforderte Zehn-Prozent-Quote bei der Umrüstung der Zähler bereits erfüllt", heißt es aus Frankfurt. Auch alle anderen Projekte und Maßnahmen laufen dort derzeit im Regelbetrieb. Möglich sei aber auch hier, dass die für Mainova tätigen Fremddienstleister durch behördliche Auflagen oder eigeninitierte Vorsichtsmaßnahmen die bisher gewohnte Arbeitskapazittät nicht mehr gewährleisten können. Hier sei man vorbereitet.
KRITIS-Bereiche
"Diese Krise ist kein technisches Problem, sondern hängt von der Gesundheit unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ab", verdeutlicht zudem Karin Pfäffle, Geschäftsführerin Strometz Hamburg. "Alle unsere Maßnahmen, frühzeitiges Homeoffice, Einlasskontrollen, Separierung des Schlüsselpersonals, vernünftige und ausreichende Ausstattung von Schutzmateralien und selbstverständlich die tägliche Information zielt genau darauf ab. Uns allen ist bewusst, dass wir nur mit einsatzfähigem und fittem Personal weiterhin die Versorgungssicherheit in Hamburg gewährleisten können." Daher wird die Netzführung in Hamburg über zwei Standorte organisiert: Die Teams sind damit in sich geschlossen. Eine potenzielle Ansteckung über die ganze Mannschaft sei somit deutlich reduziert und damit derzeit eine Arbeitsfähigkeit garantiert. Weitere Mitarbeiter befinden sich in ständiger Einsatzbereitschaft und können je nach Lage hinzugeholt werden. Bislang gebe es keine Überlegungen, kranke Mitarbeiter von der häuslichen in die betriebliche Isolation zu überführen.
Anders EnBW: Hier hat man sich auch auf einen Einsatz von infizierten oder in Quarantäne befindlichen Mitarbeitern vorbereitet – natürlich mit entsprechenden Hygienemaßnahmen und persönlicher Schutzausrüstung, verdeutlicht Calaminus. Allerdings unternehme man alles, um dieses Szenario zu vermeiden. In den Leitstellen werde eine konsequente dienstliche Separierung nach außen und innen praktiziert. So haben etwa abteilungsfremde Personen ein Zugangsverbot, am Kantinenstandort werden die Kollegen mit Essen beliefert, ÖPNV wird unterlassen, wobei man hier auch Poolfahrzeuge bereitstelle.
Ähnlich Mainova: Hier dürfen Dienstfahrzeuge mit nach Hause genommen werden, um aus der Fläche heraus zu agieren und Arbeitswege zu verkürzen. "Intern haben wir unter anderem in unseren Kantinen die Essensausgabe auf Abholung umgestellt. Im Bereich kritische Infrastrukturen gibt es ebenfalls, neben Zutrittsbeschränkungen und räumlicher Trennung von Warten und Leitständen, einen ausgearbeiteten Notfallschichtplan für das Personal. Zum Beispiel stellte man auf einen Zwei-Schicht-Betrieb um, um Schichtwechsel zu minimieren. Beim Auftreten eines Verdachtsfalls könne das Personal im Team aus getrennten Räumen heraus arbeiten. Und falls nötig, werde Fachpersonal für den Betrieb sensibler Bereiche isoliert.
In Nürnberg ließ N-Ergie in den Leitstellen die Telefonapparate durch persönlich zugeordnete Headsets ersetzen, der Bewegungsradius der Mitarbeiter wurde ebenfalls auf den jeweiligen Funktionsbereich beschränkt. Darüber hinaus wurden alle mit Schutzmasken und Desinfektionsmaterial ausgestattet. Ein Teil des Teams ist in räumlich entfernte Ersatzleitstellen ausgelagert. Für sämtliche Schüsselfunktionen in der Netzleistelle setzt man ein rollierendes Präsenzkonzept um: Jeweils die Hälfte der Mitarbeiter ist in der Leitstelle für eine Woche tätig und wird von der anderen Hälfte in der kommenden Woche abgelöst. Die Teams bleiben dabei fest und wechseln nicht.
Sollten im Extremfall alle Redundanzen aufgebraucht sein, werde es notwendig, dass auch Covid-19-infizierte Personen, die keine Symptome aufweisen und arbeitsfähig sind, unter den gesetzten hohen Sicherheitsmaßnahmen an Schlüsselpositionen einzusetzen. Dazu würden derzeit Abstimmungen zwischen der Branche, dem Bundeswirtschaftsministerium und den Gesundheitsämtern laufen. Man mache derzeit in Nürnberg jedoch alles, damit es gar nicht erst so weit komme.
Homeoffice
Von den 3400 Mitarbeitern der Drewag sind aktuell rund 1600 im Homeoffice mit mobilen Endgeräten oder Citrix-Zugängen mobil ausgestattet. Die Ausstattungsgröße soll auf 2500, also 73 Prozent, steigen. Bei EnBW sind es 10.000 und damit 80 Prozent Homoefficer in den Kerngesellschaften. "Generell ist unsere IT-Landschaft darauf eingestellt und die Mitarbeiter sind aufgrund der regelmäßigen Pflichtunterweisungen mittels E-Trainings entsprechend sensibilisiert", sagt der EnBW-Leiter Krisenmanagement Calaminus. Für die 1500 Mitarbeiter, die bislang wenig oder gar kein Homeoffice machten, konnte man kurzfristig die technischen Voraussetzung schaffen. "Das Ganze lässt sich durachaus messen: So stiegen die MS-Teams-Konferenzen um 170 Prozent – demgegenüber ist die interne Auslastung der Netzwerke an den Standorten auf 20 Prozent gesunken".
Bei N-Ergie aus Nürnberg arbeitet derzeit rund die Hälfte der Mitarbeiter von zu Hause aus. Die IT-Sicherheit und der Datenschutz sind durch virtuelle PC gewährleistet, die direkt auf den Servern im Rechenzentrum laufen und die Bildschirminhalte über eine abgesicherte Verbindung übertragen. Alle Daten und Programme würden dabei im Rechenzentrum liegen. Beim österreichischen Energiekonzern Verbund betreten nur noch einzelne Personen die Bürogebäude, die überwiegende Mehrheit des Verwaltungspersonals ist schon im Homeoffice. Um bei den eigenen Mitarbeitern auch das Bewusstsein über Risiken und Gefahren im Cyberraum zu schärfen, arbeite man hier zudem kontinuierlich an der Aus- und Weiterbildung der Mitarbeiter im Bereich IT-Nutzung und IT-Sicherheit. Mittels kurzer Informationskanäle informiere man darüber, wie sich die Mitarbeiter vor Cyberangriffen schützen können.
Vorstellungsgespräche via Skype
Von den knapp 10.000 Mitarbeitern der Stadtwerke München arbeiten etwa rund 3000 ganz oder teilweise im Homoeffice. Der sichere Zugang von außen werde über VPN gewährleistet. Zudem führen die Münchner Vorstellungesgespräche seit 16. März nur noch über Skype oder Telefon durch. Mitarbeiter von Stromnetz Hamburg sind zu 75 Prozent im Homoeffice. Entweder arbeiten sie mit Firemennotebooks – 75 Prozent davon sind Notebooknutzer, 25 Prozent sind Desktopnutzer – oder wählen sich remote über den Webbrowser auf einem virutellen Arbeitsplatz ein. Für die IT-Sicherheit hatte man eine Sensibilisierungsschulung der Mitarbeiter im Intranet abgehalten.
Bei der niederrheinischen NEW haben sich insgesamt 1200 Mitarbeiter für das mobile Arbeiten registriert. Im Rahmen der Digitalisierungsstrategie von NEW – die unabhängig von der Krisensituation entwickelt wurde – seien die Einhaltung von Datenschutz und IT-Sicherheit selbstverständlich. Dazu gehört, dass alle Mitarbeiter ein Diensthandy haben und über eigens entwickelte Mitarbeiter-Apps zahlreiche Vorgänge digital abgebildet werden, beispielsweise Zeiterfassung, Buchung von Urlaubstagen oder Krankmeldung. Von rund 2700 Mitarbeitern bei Mainova arbeiten inzwischen mehr als 1000 in den eigenen vier Wänden. Auf Datenschutz und IT-Sicherheit werde größter Wert gelegt, es würden verschiedene Maßnahmen ergriffen, um die Systeme zu schützen.
50 Mitarbeiter isoliert im Kraftwerk
"Wir hatten schon vor der Krise klare Homeoffice-Regelungen und -Möglichkeiten, die wir nun deutlich ausgewietet haben", sagt auch die Rheinenergie. Viele Mitarbeiter, die ins Homeoffice können, würden dieses Angebot auch annehmen. So habe man erst vor Kurzem rund 600 Menschen an den Arbeitsplätzen vor Ort gehabt, während bis zu 2200 im Homeoffice waren. Die IT-Systeme seien für die Telearbeit konzipiert und datensicher. Eine andere Art von Homeoffice haben die Wiener Stadtwerke: Dort sind über 50 Mitarbeiter in ein Kraftwerk eingezogen, um den sicheren Betrieb der kritischen Infrastrukturen zu gewäherleisten. "Diese Mitarbeiter befinden sich zwar nicht im Homeoffice, verbreiten aber das Virus auch nicht weiter", sagt Generaldirektor-Stellvertreter Peter Weinelt.
Finanzielle Auswirkungen
"Eine seriöse Bezifferung der Auswirkungen durch zu viel beschaffte Energiemengen, Insolvenzen, aus Investitionsverzögerungen und durch künftige zusätzliche Personal-/Fremdleistungskosten aus Nacharbeiten sind zum jetzigen Zeitpunkt nicht möglich. Sie werden aber einen deutlichen Umfang erreichen", prognostiziert die Drewag. Ähnlich sehen es die meisten von der ZfK befragten Unternehmen. EWE will die Situation genau beobachten. Ein aktives Liquiditätsmanagement soll die finanzielle Handlungsfähigkeit jederzeit sicherstellen. Mainova plant derzeit für das Geschäftsjahr 2020 mit einem leicht unter dem Vorjahresniveau liegenden bereinigten EBT. Inwieweit diese Prognose aufgrund der Corona-Pandemie im Jahresverlauf anzupassen sei, könne man erst bewerten, wenn mehr Klarheit über die Situation bestehe.
Stromnetz Hamburg geht derzeit davon aus, dass man den anvisierten Kurs nicht wesentlich korrigieren müsse. Die Wiener Stadtwerke, deren Umsatz zu rund zwei Dritteln aus dem Energiegeschäft kommt, sagen, ein milder Winter treffe sie härter als das, was man bisher dato aus der Coronakrise an Einbußen herauslesen könne. In anderen Bereichen, etwa der Garagierung, gebe es aber herbe Einahmenausfälle. Die Stadtwerke München gehen davon aus, dass sich die Corona-Krise spürbar auf das finanzielle Ergebnis 2020 auswirken werde. Für eine präzise Prognose sei es aber noch zu früh. In Österreich macht der Verbund eine sinkende Stromnachfrage in der Größenordnung von 10 bis 15 Prozent aus. Verursacht wird dies vor allem durch die bereits teilweise umgesetzten Produktionsrückgänge vor allem in der Industrie und die Einschränkungen des öffentlichen Lebens. An den Strombörsen sind die Preise für Stromlieferungen dementsprechend gesunken, stark korrelierend mit Preisrückgängen im Öl- und Gasgeschäft und bei CO2-Zertifikaten.
Chancen und Herausforderungen
"Trotz aller Tragik und Risiken sehen wir die Chance, dass wir als Gesellschaft und jeder einzelne unseren/seinen Werte-Kanon überdenkt, ergänzt, neu ordnet", zieht NEW dennoch etwas Positives aus der Krise. Zudem würden derzeit im betrieblichen Umfeld Prozesse entstehen, die, wenn "wir es gut machen", auch in der Zeit nach Corona Bestand haben werden. Man sei überzeugt, dass durch die positiven Erfahrungen der Kollegen beim mobilen Arbeiten auch der interne Change-Prozess neuen Schwung erhalte. Die Drewag aus Dresden weist darauf hin, dass nun die Chance bestehe, dass man sich die gegenseitige Unterstützung, unkomplizierte Arbeitsweise und Solidarität für die Zukunft bewahre. Und auch, dass die flexiblen Arbeitsformen, gestraffte Prozesse, zügige interne und externe Kommunikation und die jetzt notwendige Konzentration auf Wesentliches in den darauffolgenden "Normalbetrieb" mitgenommen werden.
"Momentan erleben viele Menschen, dass der Verzicht auf persönliche Freiheit das Leben anderer schützen kann. Daraus können wir lernen – auch für andere Herausforderungen", beobachtet Rheinenergie. "In einer Situation, die vielen Menschen Sorgen bereitet, wollen wir Sicherheit geben", betont der österreichische Verbund die wichtige Rolle der Versorger. (sg)
