Dem größten deutschen Übertragungsnetzbetreiber Tennet drohen nach Informationen des "Handelsblatts" bedeutende Umstrukturierungen. Interne Unterlagen würden verdeutlichen, dass die deutsche Tochter Tennet von ihrer Muttergesellschaft aus den Niederlanden entmachtet werden soll. Mitarbeiter würden sogar von einer "feindlichen Übernahme" sprechen. Auf Anfrage der ZfK bestätigte das Unternehmen die Umstrukturierungspläne. Ziel der Maßnahmen sei aber lediglich die Modernisierung und Steigerung der Effizienz und Synergie durch länderübergreifende Zusammenarbeit, von denen die niederländische und die deutsche Seite profitieren soll.
Laut "Handelsblatt" würden durch die Pläne absichtlich der Einfluss deutscher Manager verringert und die Konzernführung der Tennet Holding eine Konzentration der wesentlichen Unternehmensfunktionen im niederländischen Arnheim anstreben. Schon jetzt ist nur einer von vier Vorstandsposten mit einem Deutschen besetzt, obwohl die deutsche Tochter über 70 Prozent zum Ergebnis des Konzerns beitrage.
"Deutsches Personal abschütteln"
Um das Interesse von Deutschen an Positionen ab einer bestimmten Hierarchieebene zu verringern, sollen deutscher Manager zukünftig einige Wochen pro Monat in Arnheim arbeiten. Es gehe dabei darum, deutsches Personal "abzuschütteln", schreibt das "Handelsblatt" unter Berufung auf Quellen aus dem Umfeld des Unternehmens. Durch die geplante Steigerung der länderübergreifenden Zusammenarbeit der länderspezifisch aufgebauten Strukturen könnten künftig sogar nur noch fünf der 22 Geschäftsbereiche von Deutschen geleitet werden.
Der deutsche Betriebsrat sei mit den Plänen "absolut nicht einverstanden." Das gehe aus einem offenen Brief an die Belegschaft und den Geschäftsführer der deutschen Tochter und CFO der Holding, Otto Jager, hervor. Der Verlust von Arbeitsplätzen und die Verschlechterung von Arbeitsbedingungen würden drohen, so das "Handelsblatt". Tennet teilte der ZfK allerdings mit, dass die geplanten Maßnahmen lediglich zu einer Steigerung der Funktionalität führen sollen, da das Unternehmen in den letzten Jahren stark gewachsen sei. Außerdem wolle man weiter an der Unternehmenszentrale in Bayreuth bauen und kurzfristig sogar 250 zusätzliche Arbeitsplätze schaffen.
Wer bezahlt den Netzausbau?
Im Kern der Umstrukturierung gehe es nach Einschätzung des "Handelsblatts" hingegen letztendlich um die Frage, "wer die erforderlichen Investitionen stemmt, damit der Netzausbau vorankommt." Die Tennet Holding gehört zu 100 Prozent dem niederländischen Staat und das Interesse dessen Finanzministers den deutschen Netzausbau zu finanzieren, sei sehr begrenzt. Der deutsche Netzausbau würde Tennet laut eigenen Angaben 23 Mrd. Euro kosten. Das Unternehmen bezeichnet sich daher als „größten Investor in die deutsche Energiewende."
Manon van Beek, CEO der Tennet Holding, sagte dem "Handelsblatt", es gehe "nicht nur um den adäquaten Netzausbau in den einzelnen Ländern, sondern um ein intelligenteres, länder- und sektorenübergreifendes Netz." Um diese Herausforderung zu bewältigen, müssten die Netzbetreiber ihre Strukturen anpassen. (pm)