Mut ist bei der Entwicklung neuer Geschäftsmodelle zentral – aber auch das richtige Timing. Die Stadtwerke Münster beteiligten sich 2024 an dem Start-up "Enytime Green", das Home-Energiesysteme baut. Das Produkt: eine App, mit der sich Elektroautos und Wärmepumpen über dynamische Tarife steuern lassen. Ziel war, das Geschäftsmodell gemeinsam mit anderen Stadtwerken zu skalieren.
Doch der Smart-Meter-Rollout kam nicht schnell genug voran, die Nachfrage blieb zurück. Zu wenige Stadtwerke wollten sich beteiligen. "Irgendwann haben wir entschieden, es dauert zu lange. Die Cash-Burn-Rate war höher als die Skalierung und das Wachstum", erklärte Sebastian Jurczyk, Geschäftsführer der Stadtwerke Münster, beim VKU-Stadtwerkekongress in Berlin. Die Beteiligten führten das Unternehmen schließlich planmäßig in die Insolvenz. Die Stadtwerke Münster mussten kleinere Abschreibungen vornehmen.
Das richtige Timing entscheidet
Jurczyks Fazit: "Die Idee war gut, aber vielleicht waren wir zu früh dran und zu ambitioniert." Wer aber nie etwas Mutiges versuche, werde aber wahrscheinlich auch immer nur Mittelmaß bleiben.
Im Mittelpunkt von Jurczyks Ausführungen in Berlin standen aber zwei erfolgreiche und damit auch besser übertragbare Geschäftsmodelle. Der Geschäftsführer sprach im Rahmen des Kongressformats "Von Tankern und Beibooten: Geschäftsmodelle unter der Lupe". Darin präsentieren Stadtwerke erfolgreiche und weniger erfolgreiche Geschäftsmodelle in drei Minuten. Das Format gilt als Trendbarometer.
Zwei Modelle mit Wachstumspotenzial
In Münster entsteht unter anderem ein Batteriespeicher mit einer Leistung von 16 Megawatt (MW) und einer Kapazität von 32 Megawattstunden (MWh). Die Stadtwerke bringen ihr Wissen über Auslastung, Netzanschlüsse und Grundstücke ein. Für die Vermarktung gründeten sie mit der Verbund AG ein Joint Venture.
Die Investition liegt bei rund elf Millionen Euro. Der Speicher nimmt Strom bei niedrigen Preisen auf und speist ihn bei hohen Preisen wieder ein. Jurczyk rechnet mit rund zwei Millionen Euro an Erlösen pro Jahr; die Investition könne sich in zehn Jahren amortisieren. Weil massiv neue Speicher auf den Markt kommen, dürften die Spreads in den nächsten Jahren schrumpfen. Wer einsteigen wolle, müsse deshalb jetzt beginnen, so Jurczyk.
Agri-PV-Anlage verbindet mehrere Partner
Auf Kooperation setzten die Münsteraner auch beim Bau einer Agri-PV-Anlage. Partner ist ein landwirtschaftlicher Betrieb, ergänzt wird das Projekt durch eine Bürgerbeteiligung. Die Anlage umfasst mehr als 13 Hektar, leistet fünf Megawattpeak und produziert rund 5,7 Gigawattstunden pro Jahr. Zwischen den Modulreihen bleiben 15 Meter Platz für landwirtschaftliche Fahrzeuge. Überbaut werden lediglich rund zehn Prozent der Fläche. Bürger in der Region konnten von einer Rendite von vier Prozent profitieren.
Der Strom wird über einen Stromabnahmevertrag direkt an die Batterieforschungsfabrik in Münster geliefert – über eine Direktleitung am Dortmund-Ems-Kanal. Die Anlage kostet rund 3,8 Millionen Euro; 580.000 Euro förderte das Land Nordrhein-Westfalen. Die verbleibende Investition soll sich über einen Stromabnahmevertrag mit einer Laufzeit von zehn bis 20 Jahren amortisieren. "Das Projekt rechnet sich, erhöht aber auch die Akzeptanz für die Energiewende vor Ort“, sagte Jurczyk.

Geesthacht: Langer Atem beim Glasfaserausbau
Auch Dennis Ressel, Prokurist und Bereichsleiter Media & IT der Stadtwerke Geesthacht, stellte beim Kongress erfolgreiche Geschäftsmodelle vor – drei Projekte aus dem Bereich Glasfaser. 2012 starteten die Stadtwerke mit dem eigenwirtschaftlichen Ausbau. Sie gingen dabei sehr kleinteilig und clusterweise vor und investierten nur, wenn der Business Case positiv war.
Ein zentraler Erfolgsfaktor war der Haustürvertrieb. Er habe jenseits der etablierten Stadtwerke-Strukturen schnell die notwendigen Kunden akquirieren können. "Die Akzeptanzquote lag anfangs bei 30 bis 40 Prozent, mittlerweile liegen wir im innerstädtischen Bereich bei 60 bis 80 Prozent", erklärte Ressel. Die Sparte leiste mittlerweile einen wichtigen Ergebnisbeitrag neben dem Kerngeschäft der Stadtwerke.
Open Access erhöht die Ertragskraft
Der zweite Baustein war die freiwillige Öffnung des Netzes für weitere Anbieter im Rahmen von Open Access. Vorbild sei hier das Nachbarland Dänemark gewesen, in dem teilweise 15 bis 18 Anbieter auf einem Glasfasernetz ihre Bandbreiten anbieten.
Für die Stadtwerke Geesthacht sei dabei das Loslassen die größte Hürde gewesen, nicht die Technik. Die Ertragskraft des eigenen Netzes sei durch die Öffnung gestiegen.
IT-Sicherheit als neues Geschäftsfeld
Im vergangenen Jahr beteiligten sich die Stadtwerke an einem Rechenzentrum und einem Systemhaus in ihrer Region. Über die Glasfaser hatten sie bereits Zugang zu Gewerbekunden. Aus den Beteiligungen soll nun ein weiteres Geschäftsmodell entstehen: IT-Sicherheit. "Die Bedrohungslage wird immer größer, die Nachfrage nach Sicherheit steigt nicht nur bei uns, sondern bei allen Unternehmen in der Region", sagte Ressel. Die Akzeptanz für IT-Sicherheit sei hoch; an der Ertragskraft der Beteiligung müsse man aber weiter arbeiten.