Das Herzstück der Braunschweiger Energieversorgung: Eine Luftaufnahme des Heizkraftwerks Mitte. Die beiden Säulen der Versorgung sind das neue Biomasse-Kraftwerk und eine neue GuD-Anlage.

Das Herzstück der Braunschweiger Energieversorgung: Eine Luftaufnahme des Heizkraftwerks Mitte. Die beiden Säulen der Versorgung sind das neue Biomasse-Kraftwerk und eine neue GuD-Anlage.

Bild: © BS Energy

Fernwärme kann in dicht bebauten Gebieten eine wichtige Säule der Wärmewende sein. Damit Kunden sich dafür entscheiden, müssen Versorger allerdings nicht nur Ausbaupläne vorlegen, sondern auch Preise, Regeln und langfristige Vorteile nachvollziehbar machen, sagt Jens-Uwe Freitag, der Vorstandsvorsitzende von BS Energy, im ZFK-Interview.

"Für die meisten Kunden ist bei der Entscheidung für die Fernwärme derzeit der Preis und nicht die Treibhausgasneutralität oder die langfristigen Vorteile entscheidend", sagt Freitag. In den dicht bebauten Gebieten ist Fernwärme gegenüber der Wärmepumpe bei der Bezahlbarkeit absolut konkurrenzfähig. Voraussetzung seien entsprechende Rahmenbedingungen für einen wirtschaftlichen und bedarfsgerechten Fernwärmeausbau. Dazu gehöre auch, dass der Staat in den wirtschaftlich geeigneten Fernwärmegebieten keine konkurrierende Versorgungsstruktur parallel fördert.

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Jens-Uwe Freitag ist Vorstandsvorsitzender des Braunschweiger Energieversorgers BS Energy.Bild: © Nils Hendrik Müller/BS Energay

Die Fernwärme wird eine stärkere Preisüberwachung bekommen.

Jens-Uwe Freitag

Vorstandsvorsitzender von BS Energy



Antworten auf ein "besonderes Abhängigkeitsgefühl"

Für die Akzeptanz sei es zudem entscheidend, dass der Kunde die Preisbildung verstehen kann. "Wer sich für Fernwärme entscheidet, bindet sich langfristig an einen Versorger. Daraus erwächst für uns eine besondere Verantwortung. Unsere Preise und Vertragsbedingungen müssen transparent, verständlich und nachvollziehbar sein", betont der BS-Energy-Chef. Auf dieses besondere Abhängigkeitsgefühl müssten Versorger entsprechende Antworten finden.

"Die Fernwärme wird eine stärkere Preisüberwachung bekommen“, ist Freitag überzeugt. Transparenz und die Nachvollziehbarkeit von Preisgleitklauseln im Sinne des Verbraucherschutzes seien zentral, um hier das Vertrauen in die Fernwärme aufzubauen und zu stärken. Eine Monopolaufsicht und regulierte Fernwärmepreise lehnt Freitag allerdings ab.


Eine Formel für den Wettbewerb

BS Energy hat seine Preisgleitklausel im Zuge des Kohleausstiegs angepasst. Sie orientiere sich vor allem an Biomasse und Erdgas als wesentlichen Energieträgern. "Mit dieser Formel sehen wir uns für die Zukunft wettbewerbsfähig aufgestellt", ist er überzeugt. Weitere Anpassungen machten erst dann Sinn, wenn der Hochlauf der Fernwärme neue Technologien erfordere, die den Versorgungsmix in der Wärme veränderten. Als Beispiel nennt er Geothermie. "Auch wenn diese als eine zukünftige Wärmequelle geprüft wird, erwarte ich dadurch keine Änderung in naher Zukunft."


Für Freitag steht die Fernwärme nicht mehr vor allem im Wettbewerb mit Gas. Die entscheidende Frage lautet vielmehr, ob Kunden in einem bestimmten Gebiet an das Wärmenetz angeschlossen werden oder eine Wärmepumpe installieren. Welche Lösung sinnvoll ist, hängt aus seiner Sicht von der Bebauungsdichte, dem Platz, der vorhandenen Infrastruktur und den Kosten ab.


Zwischen Wärmenetz und Wärmepumpe

Die zusätzliche Diskussion um die Grüngasquote wirkt sich nach Freitags Einschätzung auf die Entscheidungen der Kunden aus. Unklar sei, welche Mengen an Biogas, Wasserstoff oder synthetischen Gasen künftig verfügbar sein werden und welche Vorgaben gelten. Manche Kunden hielten deshalb länger an ihrer Gasheizung fest.

Freitag sieht darin mehr Entscheidungsfreiheit, aber auch eine Verlangsamung des Umbaus. "Es ist eher eine Verlangsamung", sagt er mit Blick auf die Wirkung der aktuellen Regelungen auf den Ausbau erneuerbarer Wärme. Kunden könnten ihre Entscheidung verschieben und auf künftig andere Technologien und Preise hoffen.


Wärmeplanung soll Orientierung geben

BS Energy versucht deshalb, Informationen möglichst früh bereitzustellen. In den Stadtbezirken finden zurzeit gemeinsam mit der Stadt Braunschweig Infoveranstaltungen statt, bei denen die Ergebnisse der kommunalen Wärmeplanung und der Transformationsplan von BS Energy vorgestellt werden. Zusätzlich gibt es ein Abfrage-Tool auf der Website, auf der Kunden straßenscharf sehen können, welchen Status die Wärmeversorgung ihres Gebiets hat und ob und wann ein Ausbau geplant ist.

Lernkurven bei der Baustellen-Kommunikation

Zur Akzeptanz gehört für Freitag auch der Umgang mit den Belastungen des Netzausbaus. Baustellen, gesperrte Straßen und fehlende Parkplätze könnten in dicht bebauten Gebieten zu erheblichen Belastungen führen. "Wir lernen im Bereich der Baustellenkommunikation hinzu", erklärt Freitag. "Es ist wichtig, frühzeitig und sachlich zu erklären, was und warum gemacht werden muss. Beschönigen hilft niemandem. Das beginnt beim Baustellenschild und zieht sich durch alle Kommunikationsmaßnahmen."

Die Bürger hätten nicht per se etwas gegen Baustellen. Wichtig für sie sei es vielmehr, dass der Verkehr möglichst wenig beeinträchtigt werde und das Parkplatzangebot nicht zu sehr eingeschränkt werde. "Das können wir als Unternehmen aber nicht allein lösen", betont er. BS Energy koordiniert bereits heute die Ausbauplanung mit weiteren Tiefbauarbeiten der Stadt. Wenn die Wärmeplanung in Gänze umgesetzt werde, werde sich die Zahl der Baustellen in Braunschweig mindestens verdoppeln.


Akzeptanz endet nicht an der Haustür

Am Ende entscheidet sich die Akzeptanz der Fernwärme aus Freitags Sicht nicht allein an der Klimabilanz. Die Lösung müsse langfristig wettbewerbsfähig und bezahlbar sein. "Wir brauchen einfach eine bezahlbare Wärmewende", sagt er. Wie schnell sie umgesetzt wird, hängt damit auch davon ab, ob Kunden den Preis, die Regeln und den Nutzen der Fernwärme nachvollziehen können.

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