- ZfK: Welche Herausforderungen müssen Stadtwerke jetzt konkret bei der Umstellung ihrer IT im Zuge der Digitalisierung meistern?
Kösesoy: Bei den Stadtwerken dreht sich viel um mehr Effizienz: Einige Unternehmen sind stark gefordert, einen Onlinevertriebskanal aufzubauen, um schneller am Markt zu sein und so die Vertriebsprozesse insgesamt effizienter zu gestalten. Da besteht enormes Potenzial, Abläufe zu vereinfachen, beispielsweise auf der Wegstrecke vom Angebot für den Kunden bis zur Abrechnung (Offer2Cash). Technisch geht es darum, dass viele Stadtwerke darüber nachdenken, einige Alt-IT-Systeme (Legacy IT), die hohe Prozesskosten erzeugen, durch moderne Lösungen zu ersetzen.
Parallel arbeiten die Stadtwerke daran, ihr persönliches Gesicht gegenüber den Kunden zu modernisieren. Dafür passen sie ihre Kundenportale an den Servicestandard an, den Kunden aus dem Onlinehandel und inzwischen auch von Banken gewohnt sind. Ein Beispiel sind mehr Self-Service-Leistungen und übersichtlichere Kundenplattformen. Alles auf einmal umzusetzen, wird allerdings nicht funktionieren. Das ist ein Programm für die nächsten Jahre, um wieder fit zu sein für die Zukunft.
- Inwiefern verlangt die neue Energiewelt nun heterogene, agilere Hybrid-IT-Infrastrukturen wie etwa Cloud-Lösungen?
Cloud-Lösungen sind heute flexibler und meist kostengünstiger als die eigenen Inhouse-Lösungen. Die Komplexität der IT-Infrastruktur lässt sich so deutlich reduzieren. Ein zusätzlicher Vorteil: Heutzutage bieten Cloud-Anbieter kalkulierbare Full-Service-Leistungen. Viele Energielieferanten sind sich über die Vorteile im Klaren. Sie fordern bei der Implementierung neuer Lösungen nur noch solche, die auf Cloud-Basis verfügbar sind. Mit SaaS-Lösungen können Energieversorger ihre Budgets optimaler einsetzen. Damit werden Mittel frei, die in Vorhaben investiert werden, die enorm wichtig sind, beispielsweise digitale Netze und neue Dienstleistungen.
- Wie weit sind die deutschen Stadtwerke derzeit darauf vorbereitet?
Die großen Stadtwerke sind hier auf einem guten Weg. Sie können ihre Standortvorteile gut nutzen und haben früher mit dem Umbau ihres Geschäfts und ihrer IT-Landschaften begonnen als mittlere und kleinere Stadtwerke. Für die kleinen Unternehmen ist der Spagat zwischen Investitionen in die digitale Transformation und dem immensen Kostendruck schwieriger.
- Wie hoch schätzen Sie den finanziellen und zeitlichen Aufwand für Stadtwerke in diesem Prozess ein?
Die Digitalisierung ist sicher ein kontinuierlicher Prozess, der keinen echten Endpunkt hat. Die wichtigen Modernisierungsprogramme werden zirka zwei bis drei Jahre in Anspruch nehmen, wobei die Energieversorger nicht in jedem Projekt gleich von Null auf Hundert kommen müssen. Der finanzielle Aufwand ist abhängig von der Größe des Stadtwerks. Aufwand im ein- bis zweistelligen Millionenbereich sind im Durchschnitt eine realistische Rechengröße.
- Welchen personellen/strukturellen Wandel erfordert dieser Prozess für Stadtwerke?
Ein großer Teil der nötigen Effizienzsteigerung wird durch die weitgehende Automatisierung und kostengünstigere modernere IT-Lösungen erzielt. Dadurch werden Backoffice- und Frontoffice-Prozesse personell sicherlich anders aufgestellt, als zuvor. Das bedeutet, dass Unternehmen Freiräume für neue zukunftsfähige Ideen und innovative Marktlösungen haben werden. Dafür brauchen sie allerdings auch neue Strukturen und Menschen mit neuen Kompetenzen. Die Aufgabenprofile werden sich mehr in Richtung Gestaltung bewegen, weg vom reinen Abarbeiten.
- Welche Einspareffekte ergeben sich für Stadtwerke durch die Digitalisierung?
Das lässt sich nicht seriös für die gesamte Branche beziffern. Das hängt von der künftigen Margensituation der Strom und Gaspreise ab. Klar ist aber: Wenn die Energiebranche den Weg der Digitalisierung nicht geht, sind negative Folgen vorgezeichnet, beispielsweise in Form von Kundenverlusten sowie von Margenverlusten durch zu hohe Kosten.
- Welche neuen Produktwelten/Vorteile beim Vertrieb erwachsen für Stadtwerke durch die Digitalisierung?
Der Umbau zu einem digitalen Energieversorger wird bewirken, dass die Kundenbindung stärker wird. Unternehmen werden viel schneller neue innovative Angebote über das Internet vorschlagen können, auch deutlich mehr Produktvarianten und Dienstleistungen rund um die Themen Energieberatung und Smart Home.
Die Prozesse werden durch den Onlinekanal schneller. Mit intelligenten IT-Lösungen im Hintergrund lassen sich Angebote schnell auf unterschiedlichen Plattformen platzieren. Zudem werden Transaktionen im Vertriebsprozess automatisiert. Von dieser Flexibilität profitieren Kunden und Vertrieb. Kunden erleben einen Energieversorger, der mehr als Rundum-Dienstleister auftritt. Der Vertrieb bekommt mehr Kontaktmöglichkeiten und wird effizienter. (hil)



