Zeitvariable Netzentgelte nach § 14a EnWG, das sogenannte Modul 3, sollen Haushalte mit steuerbaren Verbrauchern wie Wärmepumpen oder Wallboxen dazu anreizen, Strom stärker in netzschonenden Zeiten zu nutzen. In der Praxis zeigt sich jedoch: Modul 3 ist kein einfacher Tarifschalter. SWM Infrastruktur setzt den Wechsel seit April automatisiert um und zeigt, worauf es dabei ankommt.
Ein Lieferant will für einen Kunden in Modul 3 wechseln. Der Kunde hat eine steuerbare Verbrauchseinrichtung, die Voraussetzungen sind geprüft, die Marktkommunikation soll den Rest erledigen. So einfach klingt es zumindest auf dem Papier.
Tatsächlich greift der Wechsel tief in IT-Systeme, Stammdaten, Zählzeiten, Abrechnungsprozesse und die Kommunikation zwischen Marktrollen ein. Wenn die Prozesse automatisiert aufgesetzt sind, entscheidet nicht allein der Netzbetreiber darüber, ob der Wechsel funktioniert, sondern die gesamte Kette aus Netz, Messstellenbetrieb, Lieferant und Marktkommunikation.
SWM Infrastruktur verweist darauf, Modul 3 seit Mitte April generell umsetzen zu können. Nach eigenen Recherchen gehöre man bei der Prozessautomation zu den führenden Netzbetreibern in Deutschland. Interessant ist der Münchner Fall vor allem deshalb, weil er zeigt, warum es trotz funktionierender Umsetzung an anderer Stelle haken kann.
Was "vollautomatisiert" konkret heißt
Entscheidend ist dabei der Begriff "vollautomatisiert". SWM Infrastruktur versteht darunter nicht, dass Modul 3 über Sonderwege oder manuelle Eingriffe abgewickelt wird. Vielmehr setze man auf den regulären Meldeweg der Marktkommunikation.
Grundlage seien die Prozessschritte aus der BDEW-Anwendungshilfe zum Lieferantenwechsel 24 Stunden Strom, insbesondere Kapitel 8. "In diesem Sinne bedeutet vollautomatisiert, dass alle Mako-Nachrichten ohne manuelle Eingriffe im Standardfall verarbeitet und beantwortet werden", erklärt SWM Infrastruktur. Mako steht für Marktkommunikation, also den standardisierten Datenaustausch zwischen den Marktrollen.
Seit Mitte April stehe die Funktionalität generell zur Verfügung. Bei einer ersten Lieferantenanmeldung Anfang Mai seien noch technische Störungen im Produktivsystem aufgetreten, die anschließend behoben worden seien. Modul 3 wird damit nicht als individueller Kundenwunsch behandelt, der im Netzbetrieb manuell abgearbeitet werden muss.
Warum Modul 3 kein einfacher Wechsel ist
Die technischen Voraussetzungen beginnen vor dem eigentlichen Wechsel. Für Modul 3 braucht es eine steuerbare Verbrauchseinrichtung und ein intelligentes Messsystem. Der Einbau des iMSys liegt aus Sicht von SWM Infrastruktur in der Verantwortung des Betreibers der steuerbaren Verbrauchseinrichtung und dessen Messstellenbetreibers.
Als Netzbetreiber prüfe SWM Infrastruktur diese Voraussetzung ebenso wie das Vorliegen eines angemeldeten Moduls 1 oder Moduls 2. Erst nach positiver Prüfung würden die weiteren Prozesse automatisch angestoßen. "Die Prüfung der Voraussetzungen ist Bestandteil einer automatischen Verarbeitung im ERP-System des Netzbetreibers", teilt das Unternehmen mit.
Komplex wird es auch deshalb, weil SWM Infrastruktur in einer Drei-Systemlandschaft arbeitet. Neben dem ERP-System des Netzbetreibers ist auch das ERP-System des Messstellenbetreibers betroffen, einschließlich Smart-Meter-Infrastruktur, Meter-Data-Management und Gateway-Administration.
Der Lieferant stößt den Wechsel an
Der Wechsel in Modul 3 erfolgt nach Darstellung der SWM Infrastruktur am schnellsten und kundenfreundlichsten durch den Anstoß des Lieferanten über die Marktkommunikation. Konkret läuft der Prozess nach den Mako-Schritten der BDEW-Anwendungshilfe, beginnend mit der "Bestellung der erforderlichen Zählzeiten beim NB". Die vorhergehenden Prozessschritte seien bereits Bestandteil der initialen Modulanmeldung für Modul 1 und 2.
Auf einen späteren Prozessschritt, die "Änderung der Abrechnungsdaten des NB", verzichtet SWM Infrastruktur nach eigener Darstellung, weil dieser keinen Mehrwert liefere. Ein Lieferant könne deshalb nach der "Änderung Daten der Marktlokation" durch den Messstellenbetreiber direkt mit der Bestellung der Netznutzungs-Abrechnungsvariante Modul 3 fortfahren. "Der gesamte Wechselprozess kann somit über den Lieferanten und die Marktkommunikation abgewickelt werden", heißt es von SWM Infrastruktur.
Wenn ein Kunde trotz umgesetzter Prozesse beim Netzbetreiber nicht in Modul 3 kommt, muss die Ursache also nicht zwingend dort liegen. Auch Lieferanten müssen die vorgesehenen Mako-Prozessschritte korrekt einhalten.
Wenn nach der Rückmeldung nichts passiert
SWM Infrastruktur verweist auf einen konkreten Fall mit einem überregional tätigen Stromanbieter für dynamische Tarife. Nachdem SWM Infrastruktur zurückgemeldet habe, Modul 3 umsetzen zu können, sei aus Sicht des Netzbetreibers nichts weiter passiert.
Woran solche Fälle scheitern können, beschreibt das Unternehmen vorsichtig, aber deutlich. "Meistens an der externen wie internen Kommunikation. So auch leider in diesem Fall geschehen", teilt SWM Infrastruktur mit. Die Kundenkommunikation habe in diesem Kontext generell "eine neue Dimension erreicht, die es zu bewältigen gilt".
Der Münchner Fall zeigt: Selbst wenn ein Netzbetreiber automatisierte Prozesse aufgebaut hat, muss der Lieferant den Wechsel korrekt auslösen. Für Endkunden ist diese Unterscheidung kaum sichtbar.
Die größte Hürde heißt Ressourcenmangel
Die Umsetzung selbst war auch bei SWM Infrastruktur kein Selbstläufer. Als größte Hürde nennt das Unternehmen den Mangel an IT-Ressourcen. Parallel mussten weitere Anforderungen der Marktkommunikation umgesetzt werden, insbesondere der Lieferantenwechsel 24 Stunden. Aus Sicht des §-14a-Projekts sei Modul 3 ursprünglich deutlich früher geplant gewesen.
Hinzu kamen hausinterne Anforderungen aus der Drei-Systeme-Landschaft. Wer Netz, Vertrieb und Messstellenbetrieb getrennt abbildet, muss Prozesse über mehrere Systeme hinweg stabil aufsetzen.
SWM Infrastruktur sieht auch für die Branche noch offene Punkte. Die Marktkommunikation spiele bei Modul 3 eine sehr wichtige Rolle, weil sie in einem komplexen Vorgehen die automatisierte Abwicklung sicherstellen könne. Anmeldungen zum Wechsel in Modul 3 über den Netzbetreiber würden dagegen unnötige und teilweise manuelle Prozessschritte auslösen.
Wo die Branche noch Spielräume hat
Als Herausforderungen nennt SWM Infrastruktur unter anderem offene Fragen bei der Messwertbereitstellung, die Anwendung der Tarifanwendungsfälle TAF 2 und TAF 7, die damit verbundenen Prozessschritte in der Marktkommunikation sowie die einheitliche Anwendung vorgegebener Mako-Prozesse. Anwendungshilfen ließen Spielräume, die in der Praxis unterschiedlich interpretiert werden könnten.
Auch regulatorische Detailfragen tauchen aus Sicht von SWM Infrastruktur teilweise erst während der Umsetzung auf. Das Unternehmen nennt etwa die Verrechnung der Konzessionsabgabe, den Umgang mit Korrekturmengen oder die Einordnung von Speicherheizungen beim Zubau einer steuerbaren Verbrauchseinrichtung.
"Prinzipiell" sollten aus Sicht von SWM Infrastruktur "weniger Optionen in der Umsetzung" zugelassen werden, etwa bei Meldewegen, der Anwendung von TAF 2 und TAF 7 sowie bei Mako-Prozessen. Um offene Umsetzungsfragen schneller zu klären, hält das Unternehmen einen gemeinsamen Expertentermin mit der Bundesnetzagentur und weitere FAQ für sinnvoll.
Erst testen, dann skalieren
Die bisherigen Erfahrungen aus dem Produktivbetrieb sind nach Angaben von SWM Infrastruktur noch überschaubar. Ein Lieferant habe aber bereits angekündigt, nach eigener Prüfung der Voraussetzungen seine §-14a-Kunden demnächst in größerer Stückzahl per Marktkommunikation für Modul 3 anzumelden.
Anderen Netzbetreibern empfiehlt SWM Infrastruktur, das Thema hoch zu priorisieren und sich intensiv mit den Mako-Verantwortlichen auszutauschen. Modul 3 sei "ein sehr herausforderndes und komplett neues Thema", bei dem sehr viele Prozessschritte aufzubauen oder anzupassen seien.
Ein pragmatischer Einstieg könne ein Produktivtest mit einem Lieferanten und einer kleinen Stückzahl sein. Erst in der echten Prozesskette zeigt sich, ob Stammdaten, Nachrichten, Zählzeiten, Messwerte und Abrechnung tatsächlich zusammenspielen.

