Sascha Bluma ist Geschäftsführer der Signion GmbH, einer Tochter der Kraftwerk Software Gruppe. Das Unternehmen entwickelt die Asset-Management-Software LCC Nion.

Sascha Bluma ist Geschäftsführer der Signion GmbH, einer Tochter der Kraftwerk Software Gruppe. Das Unternehmen entwickelt die Asset-Management-Software LCC Nion.

Bild: © Signion GmbH

Verteilnetzbetreiber müssen den Ausbau ihrer Stromnetze planen und zugleich entscheiden, wie sie mit ihren Gasnetzen umgehen. Dafür brauchen sie Daten zum Zustand der Anlagen, zu künftigen Belastungen und zu den Kosten verschiedener Szenarien. Sascha Bluma, Geschäftsführer der Kraftwerk-Tochter Signion, erläutert, welche Entscheidungen eine Asset-Management-Software vorbereiten kann – und wo ihre Grenzen liegen.

Herr Bluma, Netzbetreiber stehen unter erheblichem Investitionsdruck. Erneuerbaren-Zubau, Wärmepumpen, Elektromobilität und neue Industrieansiedlungen treffen auf ein Netz, das dafür nicht ausgelegt ist. Wie hilft eine Lösung für das strategische Asset Management, Investitionsentscheidungen nachvollziehbar und wirtschaftlich belastbar zu treffen?

Der entscheidende Vorteil liegt darin, dass alle für das Asset Management relevanten Informationen in einem System zusammenfließen: technische Daten aus der GIS-Umgebung, Netzberechnungsinformationen, wirtschaftliche Parameter aus dem ERP, Verbrauchsdaten, punktuelle Sichtungen von Assets vor Ort sowie Abschreibungsvarianten aus dem Anlagevermögen. Über diese Bandbreite lässt sich ganzheitlich auf die Datenlage schauen, anstatt sich auf Einzelmeinungen oder Bauchgefühl zu verlassen.

Wichtig ist dabei: Es geht nicht nur um harte, systemisch vorliegende Daten. Durch den engen Austausch mit der Kundenseite fließt auch das Erfahrungswissen von Technikern, Meistern und Monteuren vor Ort in die Bewertungsstruktur ein. So entstehen Investitionsentscheidungen, die fundiert, regelbasiert und wirtschaftlich belastbar sind, weil sie auf einer wirklich breiten Informationsbasis fußen. Denn Netzbetreiber müssen sich häufig intern rechtfertigen, warum welche Entscheidung getroffen wurde und welche eben nicht.

Netzbetreiber verfügen oftmals über große Mengen technischer, wirtschaftlicher und regulatorischer Daten, die in unterschiedlichen Systemen liegen. Sie sprechen davon, "alle Daten miteinander sprechen zu lassen". Was bedeutet das konkret?

Signion übernimmt initial die Aufbereitung der Schnittstellen zu den relevanten Systemen des Kunden – GIS, ERP, Netzberechnung. Das läuft über APIs, und einmal aufgesetzt bestehen diese Schnittstellen automatisiert fort. Die Anbindung ist bidirektional gedacht: Was wir einlesen, können wir auch wieder ausspielen. Unsere Lösung steht also nicht isoliert daneben, sondern führt die Daten aus den unterschiedlichen Quellen tatsächlich miteinander zusammen und ist dabei vollumfänglich in die bestehende Systemlandschaft integrierbar.

Entscheidend ist, dass das Ganze regelbasiert und ohne Blackbox erfolgt. Es muss jederzeit erkennbar sein, welche Informationen und welche Betrachtungsweise zu einer konkreten Entscheidung führen. Man kann diese Verfahrensweise natürlich später überdenken und anpassen. Aber man hat immer die Möglichkeit zu sagen: Wieso, weshalb, warum treffe ich eigentlich diese Entscheidung? Und mit welcher konkreten Konsequenz? Genau das fehlt der Branche heute oft noch.

Netzbetreiber müssen heute nicht nur den Zustand ihrer Anlagen kennen, sondern auch zukünftige Belastungen durch Wärmepumpen, Elektromobilität und Batteriespeicher berücksichtigen. Wie verändert das die Anforderungen an ein strategisches Asset Management?

Ehrlich gesagt weniger, als man vermuten würde. Themen wie Wärmepumpen, Elektromobilität oder neue Industrieansiedlungen sind letztlich weitere Informationsbausteine, die wir in die Gesamtbetrachtung aufnehmen. Für das strategische Asset Management verändert das bis auf sogenannte Objekttypen nichts, Tooling und Betrachtungsweise bleiben gleich. Das eigentliche Neue passiert in der dynamischen Netzberechnung, die diese Parameter zusätzlich beachten muss.

Wichtig ist hier die Abgrenzung: Unsere Lösung ist kein Ersatz für eine dynamische Netzberechnung. Wir simulieren keine konkreten Netzflüsse oder Auslastungen und legen nicht fest, wie eine Kabel- oder Rohrleitungsstruktur dimensioniert sein muss. Aber wir haben Schnittstellen zur Netzberechnung. Wenn etwa eine Station im Strombereich besonders ausgelastet ist – ein typisches Ergebnis der Netzberechnung –, ziehen wir das für unsere Asset-Bewertung heran, weil das natürlich etwas mit den Assets macht. Wir bereiten auch strategische Entscheidungen vor. Beispielsweise, dass eine Gasleitung durch eine lokale Häufung von Wärmepumpen oder eine mögliche Fernwärmeanbindung zum Rückbaukandidaten wird. Die technische Auslegung einer neuen Leitung bleibt aber Aufgabe der klassischen Netzberechnung.

Parallel zur Debatte über den Stromnetzausbau rückt die Zukunft der Gasnetze in den Fokus. Welche Fragestellungen beschäftigen Ihre Kunden aktuell am stärksten?

Aus meiner Erfahrung sind es vor allem drei. Erstens: Wie wirken sich regulatorische Entscheidungen – KPI- und kennzahlengetrieben betrachtet – konkret auf das bestehende Gasnetz aus? Zweitens: Inwieweit lassen sich Abschreibungsprozesse für Gasnetz-Assets gezielt optimieren, wobei diese Entscheidung wiederum auf dem Verständnis fußt, wie sich einzelne Maßnahmen tatsächlich auf die Kennzahlen des Gasnetzes auswirken. Und drittens: Lassen sich auf Basis von Verbrauchsentwicklungen sowie der Zunahme von Wärmepumpen und Fernwärme Rückbaustrategien für Gasleitungen ableiten oder kommt eher eine Umnutzung der bestehenden Leitungen in Frage? Denken Sie an H2-Ready, an das Einziehen von Inlinern für Trinkwasser oder ähnliche Konzepte.

Strategisches Asset Management liefert damit die daten- und kennzahlenbasierte Grundlage, um zwischen Erhalt, Umbau und Stilllegung zu differenzieren, statt diese Entscheidung auf Basis von Vermutungen zu treffen.

Der Begriff "stranded assets" macht die Runde. Wie können Netzbetreiber vermeiden, dass Investitionen in Gasnetze später wirtschaftlich wertlos werden?

Das ist eine schwierige Frage, auch weil der Wertbegriff nicht sauber definiert ist. Wenn Kunden mich fragen, was ihr Netz denn wert sei, frage ich zurück: Von welchem Wert reden wir: Tagesneuwert, Sachzeitwert, Materialwert, Restbuchwert? Da gibt es Dutzende Varianten.

Aber auch wenn ein Netzbetreiber plant, bis 2045 komplett vom Gas wegzukommen, kann er gezwungen sein, auch 2040 noch eine neue Gasleitung in Betrieb zu nehmen. Denn Netzbetreiber sind ja weiterhin verpflichtet, in ihre Gasnetze zu investieren, auch wenn eine Abschaltung absehbar ist. In diesem Fall bleibt eigentlich nur die Stellschraube der Abschreibungsvariante: Man passt die buchhalterische Nutzungsdauer so an, dass die Leitung bis 2045 vollständig abgeschrieben ist. Das hat allerdings nichts mit der tatsächlichen technischen Nutzungsdauer des Assets oder seinem eigentlichen Wert zu tun. Es ist eine notwendige Reaktion auf den bestehenden Investitionszwang bei gleichzeitig absehbarem Enddatum.



Unternehmen müssen oftmals gleichzeitig in Stromnetze investieren und den Rückbau von Gasnetzen finanzieren. Wie lassen sich diese Entwicklungen gemeinsam planen?

Zunächst gibt es sparteneigene strategische Entscheidungen: Gasrückbau, Stromausbau, Fernwärme jeweils für sich betrachtet. Die eigentliche Qualität entsteht aber erst, wenn man diese Sparten gemeinsam betrachtet. Ob eine Gasleitung rückbaubar erscheint oder eine Umnutzung erfahren sollte, hängt maßgeblich davon ab, wie sich Strom- und Fernwärmesituation vor Ort darstellen. Umgekehrt gilt das genauso: Sind Gas und Fernwärme vor Ort bereits vorhanden, stellt sich ganz anders die Frage, wie sinnvoll der Einsatz von Wärmepumpen wäre.

Viele Kunden bezeichnen diese Betrachtung inzwischen als Wärmewende-Projekt. Das ist mittlerweile State of the Art: Alle Gesichtspunkte der unterschiedlichen Sparten werden thematisch und visuell übereinandergelegt, um daraus abzuleiten, was sich sinnvoll anstellen lässt. Nur so entsteht am Ende eine gemeinschaftlich optimierte Entscheidungsfindung.

Sehen Sie die Gefahr, dass politische Entscheidungen schneller getroffen werden als belastbare wirtschaftliche Bewertungen möglich sind?

Ich sehe die Gefahr vor allem darin, dass politische Entscheidungen in relativ kurzen Abständen revidiert oder neu ausgerichtet werden. Während die daran hängenden Investitionsentscheidungen im Netzbereich, denken Sie an eine Gasleitung mit 50 Jahren Nutzungsdauer, sehr langfristig angelegt sind. Es entsteht ein Mismatch bei der Geschwindigkeit: Die Politik kann schneller ihre Richtung ändern, als Netzbetreiber technisch und wirtschaftlich reagieren können.

Genau hier können datenbasierte Analysen eine Rolle spielen. Mit einer belastbaren Datengrundlage lassen sich Szenarien durchspielen und Entscheidungen deutlich schneller neu bewerten, wenn sich die politischen Rahmenbedingungen ändern. Netzbetreiber können zumindest schneller reagieren, als es ohne eine solche Grundlage möglich wäre.

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