Im Energiedatenraum bleiben die Daten bei den Akteuren, die sie erzeugen, und werden nur über gemeinsame Regeln geteilt. (Symbolbild)

Im Energiedatenraum bleiben die Daten bei den Akteuren, die sie erzeugen, und werden nur über gemeinsame Regeln geteilt. (Symbolbild)

Bild: © Julian Korb/KI-generiert

Wenn in Deutschland ein neues Stromprodukt auf den Markt kommt, beginnt überall gleichzeitig die gleiche Arbeit. Über 800 Netzbetreiber müssen ihre Systeme anpassen, jeder für sich: Schnittstellen neu programmieren, testen, mit Marktpartnern abstimmen. Dann kommt die nächste Änderung, und alles beginnt von vorn.

Die digitale Infrastruktur dahinter – die sogenannte Marktkommunikation (MaKo), über die Belieferung, Messwesen und Abrechnung laufen – ist für diesen Aufwand nicht gebaut. Sie gerät mit immer mehr Anwendungsfällen an ihre Grenzen.

Die Berliner Deutsche Energie-Agentur (Dena) will das ändern. Sie hat eine Studie in Auftrag gegeben, die ein neues Leitbild für den Datenaustausch beschreibt: den Energiedatenraum 2032. Dahinter steckt nicht weniger als ein Systemwechsel.

Der Zugriff auf Daten ändert sich

Das Grundprinzip klingt einfach. Daten sollen nicht mehr zwischen einzelnen Unternehmen kopiert und verschickt werden, sondern an der Quelle bleiben. Berechtigte Marktakteure greifen über geregelte Zugänge und standardisierte sogenannte Softwarekonnektoren darauf zu.

Wer Daten erzeugt, soll künftig auch ihre Richtigkeit verantworten. "Entscheidend ist, wie die Daten zwischen den Akteuren fließen und wie effizient der Austausch gelingt", sagt Philipp Richard, Bereichsleiter Digitale Technologien & Start-up-Ökosystem bei der Dena.

Heute werden identische Informationen meist in mehreren Systemen gleichzeitig gehalten. Bei jeder Änderung entstehen Abgleiche und Rückfragen. Der Abstimmungsbedarf zwischen den Marktakteuren ist enorm.

Unternehmensübergreifender Austausch

Andreas Kubis von der energiewirtschaftlichen Fach- und Managementberatung c.con Management Consulting, die die Studie gemeinsam mit dem Fraunhofer IEE erarbeitet hat, sieht im Energiedatenraum keine Alternative zu bestehenden ERP- oder Fachsystemen. Diese bleiben weiterhin die Grundlage für die internen Prozesse und die Haltung der Quelldaten. Der Energiedatenraum ergänzt die bestehenden Systeme um eine gemeinsame Infrastruktur, über die Daten sicher und kontrolliert bereitgestellt, genutzt und in unternehmensübergreifende Prozesse eingebunden werden können.

Anpassungen müssten bei regulatorischen Änderungen dann nur noch an dem zentral bereitgestellten "Fachprozess als Service" im Datenraum vorgenommen werden, nicht bei jedem einzelnen der über 800 Betreiber. Das verspricht nicht nur weniger Abstimmung, sondern auch weniger Personalaufwand.

Wie hoch der Druck in der Branche ist, zeigt beispielsweise eine Studie der Beratung Valantic und des Marktforschers Techconsult von 2026: 53 Prozent der befragten Energie- und Wasserunternehmen stecken in einem laufenden SAP-Umstellungsprojekt, 63 Prozent halten die Kosten dafür für zu hoch. Der Walldorfer Softwareanbieter SAP ist der größte Anbieter von ERP-Systemen am Markt.

Bundesnetzagentur hat andere Priorität

Doch beim künftigen Energiedatenraum bleiben auch Fragen offen. Am stärksten wiegt das Thema Sicherheit. Gemeinsame Basisdienste für Identitäten und Zugriffsrechte müssten auch bei hoher Kritikalität verlässlich funktionieren. Eine gemeinsame Plattform ist eben auch eine gemeinsame Schwachstelle.

Die Bundesnetzagentur schaue derzeit mit anderer Priorität auf das Thema, räumt Richard von der Dena ein. Andere Fragen, etwa zum Schutz kritischer Infrastruktur, stünden dort aktuell im Vordergrund. Man komme aber besser ins Gespräch.

Sichtbar wird der Konflikt am geplanten MaBiS-Hub. Diese zentrale Plattform für die Bilanzkreisabrechnung Strom soll einen Teil der Marktkommunikation bündeln – und Daten an einer Stelle abspeichern. Doch die Bilanzkreisabrechnung ist eben nur ein Teil der Marktkommunikation. Richard sieht darin deshalb nur eine Teillösung. Mögliche Parallelität und entsprechende Schnittstellen zwischen MaBiS-Hub und Energiedatenraum müssten noch geklärt werden.

Finanzierung und Betreibermodell noch offen

Auch die Finanzierung blieb beim Pressetermin offen. Eine konkrete Summe konnte die Dena auf Nachfrage nicht nennen. Richard schlägt vor, dass alle mit wirtschaftlichem Interesse an den Energiedaten beitragen sollen, und plädiert dafür, auch eine staatliche Beteiligung zu prüfen, weil es sich bei dem Energiedatenraum um eine Basisinfrastruktur handele.

Kubis verweist darauf, dass die Umsetzung einzelner Konnektoren mit vergleichsweise geringem Aufwand möglich sei. Wer den Datenraum betreibt, soll im Anschluss entschieden werden. Die Studie sieht einen federführenden Betreiber (Lead Operator) und regionale Knotenbetreiber vor.

Geht es nach der Dena, könnte der Datenraum bis 2032 konkret werden, erste Pilotprojekte könnten zeitnah starten. Ein Blick ins Gesundheitswesen zeigt, wie lang solche Wege dauern können: Die Verordnung über den Europäischen Gesundheitsdatenraum (EHDS) trat im März 2025 in Kraft, die wichtigsten Pflichten gelten aber erst ab März 2029. Für den Strommarkt fehlt ein vergleichbares politisches Mandat bislang.

Die Studie empfiehlt deshalb einen schrittweisen Einstieg: Pilotbetrieb, dann Parallelbetrieb, dann Migration. "Der Übergang erfolgt nicht in einem Schritt", sagt Richard. Corinna Enders, Vorsitzende der Geschäftsführung der Dena, macht den Druck deutlich: "Was es jetzt braucht, ist eine gemeinsame strategische Richtungsentscheidung von Politik und Branche." Diese Entscheidung müsse in den kommenden Monaten fallen.

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