An der diesjährigen BTU-EVU-SLP-Studie haben 37 Unternehmen in der Sparte Strom teilgenommen. Befragt zu den laufenden Risiken und Herausforderungen des Energiedatenmanagements äußerten sich die Netzbetreiber offen über ihre Erfahrungen. Der überwiegende Teil der Energiedatenerfassung, Weiterleitung, Bilanzierung und Abrechnung von Energie und Netznutzung funktioniert automatisiert und definitionsgemäß.
Jedoch verursachen fehlerhafte Werte aus intelligenten Messsystemen einen unvertretbar hohen Erkennungs- und Behebungsaufwand, vor allem, da die Werte bei Summenbildungen benötigt werden. Die Folgefehler beeinträchtigen Monats- und Jahresabschlüsse negativ.
Risiken durch intelligente Messsysteme
Probleme bei intelligenten Messsystemen bestehen nach Angaben der Studienteilnehmer beispielsweise in den Stammdaten, in der Marktkommunikation, beim Zählertausch, in der Erreichbarkeit der Messtechnik, aber auch bei Marktpartnern, in fehlenden oder fehlerhaften Werten, in der Ersatzwertbildung sowie in der darauf aufbauenden Netznutzungs- und Lieferantenrechnung.
Eine mögliche Verweigerung der Mitwirkung des Bilanzkreisverantwortlichen, wenn neue Werte nur mit dessen Zustimmung Eingang in die Abrechnung finden können, bedeutet eine hohe Belastung der Verantwortlichen sowie ein hohes wirtschaftliches Risiko der Verteilnetzbetreiber. Aus einem Praxisfall ist bekannt, dass eine einzige Zeitreihe intelligenter Messsysteme einen finanziellen Schaden von 40.000 Euro pro Tag verursacht hat, was aufgrund der derzeitigen MaBiS-Konzeption rasch erkannt und dem begegnet werden konnte.
Herausforderungen durch wettbewerblichen Messstellenbetrieb
Die Rolle des Messstellenbetreibers liest die Daten aus den Zählern aus und verteilt diese an die Marktpartner. Die Datenempfänger tragen das finanzielle Risiko für die Richtigkeit der Werte. Von den Netzbetreibern wird nicht selten von mangelhafter Arbeitserbringung und dem fehlenden Problembewusstsein der Messstellenbetreiber, vor allem wettbewerblicher Messstellenbetreiber, berichtet.
Auf Rückfragen und Kritik wird zu spät, und meist erst mit der Androhung der Kündigung des Rahmenvertrages oder der Einschaltung der Bundesnetzagentur reagiert. Da die Verteilnetzbetreiber mit diesem ausgeübten Druck fast alle Fälle vorab klären, sind der Bonner Behörde möglicherweise bisher nur wenige Probleme und auch nicht der Umfang der Bereinigung bekannt, was bei der Konzeption des MaBiS-Hub-Plans bisher keine Beachtung fand.
Sechs- bis siebenstellige Fehlbeträge möglich
Durch einen Faktorfehler können die Werte bei automatischer Verarbeitung mehr als das Tausendfache zu hoch liegen. Konsequente Beobachtung und Plausibilitätsroutinen seitens der Verteilnetzbetreiber sind eingerichtet, um zügige Aufdeckung zu gewährleisten. Bis aber die Fehler behoben und korrekte Daten versendet wurden, vergeht zu viel Zeit. Der Messstellenbetreiber muss zu oft auf den Missstand hingewiesen werden.
Die Verbrauchs- und Erzeugungsdaten fließen über umfangreiche Summenbildungen in die Differenzbilanzkreisabrechnung der Verteilnetzbetreiber ein. Diese tragen das wirtschaftliche Risiko, die Mengen werden mit Ausgleichsenergiepreisen bewertet und den Netzbetreibern gegenüber abgerechnet. In Einzelfällen bedeutete dies einen sechs bis siebenstelligen Euro-Fehlbetrag.
Abschaffung von Kontrollbilanzkreisabrechnung sorgt für Unverständnis
Die Datenschiefstände in der Energiemengenbilanzierung können meistens erst im Zuge der Kontrollbilanzkreisabrechnung (KBKA) glattgezogen und einer korrekten Abrechnung zugeführt werden. Demzufolge wird der geplanten Abschaffung der KBKA durch die Bundesnetzagentur mit großem Unverständnis begegnet, da in der Praxis umfangreich Gebrauch von Anpassungen im Rahmen der KBKA gemacht werden muss.
Mit der möglichen Einführung des MaBiS-Hubs soll den Netzbetreibern zudem das Recht auf die Einsicht in individuelle Lastgänge genommen werden. Eine Qualitätssicherung der Daten und eine Behandlung der oben genannten Problemfälle wird damit erheblich erschwert bis unmöglich gemacht. Eine inhaltliche Prüfung der Bilanzkreisabrechnungen wird faktisch nicht zu erbringen sein.
Qualitätsniveau durch MaBiS-Hub sinkt
Die Bundesnetzagentur erkennt nicht den Wert der derzeitigen Qualitätsüberwachung von Stamm- und Bewegungsdaten durch die Verteilnetzbetreiber. Mit dem von ihr beabsichtigten MaBiS-Hub und der Messdatenverarbeitung ist bei weitem nicht mit dem gleichen Qualitätsniveau zu rechnen. Die Übertragungsnetzbetreiber sind bereits heute teilweise damit überfordert, die derzeit dort auflaufenden Daten aus den intelligenten Messsystemen zu prüfen und deren Qualität zu sichern.
Fazit
Der etwaige MaBiS-Hub sieht eine unnötig frühe Zentralisierung von Aufgaben im Datenstrom vor. Was dezentral durch die Verteilnetzbetreiber erbracht werden kann, sollte man dort belassen. Derzeit wird von den Verteilnetzbetreibern sorgfältig das Datenaufkommen überwacht, plausibilisiert und korrigiert.
Das Hauptargument für den MaBiS-Hub ist die aktuell datenschutzrechtlich kritisch gesehene Verknüpfung von Bewegungs- und Stammdaten in den Systemen der Verteilnetzbetreiber. Eine Anonymisierung der Bewegungsdaten wäre durch einen kleinen Eingriff in den Energiedatenmanagementsystemen möglich.
Forderung: Altes Modell beibehalten
Was befürchten wir in der Praxis des kommenden MaBiS-Hubs? Einerseits wird alles was automatisiert im Zeitplan reibungslos abgearbeitet werden kann, in der Bilanzkreisabrechnung Berücksichtigung finden. Andererseits wird alles, was hakt, zu Lasten der Verteilnetzbetreiber und gegebenenfalls der Lieferanten gehen. Ohne die Kenntnis von Einzellastgängen werden sich die Schiefstände noch nicht einmal wirtschaftlich ausgleichen lassen.
Daher fordern wir eine Beibehaltung des aktuellen MaBiS-Modells mit kleineren Weiterentwicklungen, um sich nicht auf das Wagnis eines zentralisierten MaBiS-Hubs einzulassen, mit all seinen verbundenen Risiken und Interessensverflechtungen. Auch das Bundeskartellamt ist gefordert, den misslungenen MaBiS-Hub zu prüfen und sich abzeichnende Systemverwerfungen a priori zu verhindern.
Ebenfalls Autoren: Marcel Pongé, Senior Berater der BTU EVU Beratung, und Andreas Kolo, Geschäftsführer der BTU EVU Beratung



