Die Energiewirtschaft steht beim Einsatz künstlicher Intelligenz (KI) nicht mehr allein vor der Frage, welche Anwendung sich als Nächstes testen lässt. Entscheidend ist, ob Unternehmen den Wandel organisatorisch, technisch und strategisch bewältigen. "Die KI-Transformation ist nicht delegierbar, sie ist eine Vorstandsaufgabe", sagte Kira Engelhardt, Global Head of Data & AI bei Eon, auf der "Handelsblatt"-Konferenz "AI in Energy" in Düsseldorf.
Von Use Cases zu Entscheidungen
Die Debatte kreise oft um konkrete Anwendungsfälle. Für Engelhardt greift das zu kurz. Die Use Cases seien im Grunde überall ähnlich; was häufig fehle, seien Entscheidungen: Wird eine Lösung konsequent umgesetzt – oder nicht? Vielen Unternehmen gelinge es noch nicht, mit KI nachweisbaren Mehrwert zu schaffen. KI sei kein einzelnes IT-Projekt, sondern müsse vom Unternehmen als Ganzem vorangetrieben werden.
Engelhardt sieht für KI vor allem drei zentrale Hebel: die Transformation von Kernprozessen, die Befähigung der Beschäftigten und neue Geschäftsmodelle. Zugleich sei KI deutlich mehr als ein Large Language Model. Gerade bei stark gestiegenen Netzanschlussbegehren könne sie helfen, Vorgänge besser zu steuern und Vorhersagen zu verbessern. Bei Eon arbeiten aktuell 170 in ihrem KI-Team.
Auch Christoph Magnussen, CEO der Hamburger Unternehmensberatung Blackboat, machte auf die operative Seite aufmerksam. Bei Multi-Agenten-Systemen gehe es darum, Agents passgenau für bestimmte Anwendungen einzusetzen und ihre Kosten zu begrenzen. Dabei würden die wöchentliche Nutzung ebenso wie Token- und Energieverbrauch eine wichtige Rolle spielen. Selbst einzelne Prompts könnten merkliche Kosten verursachen.
Datenbasis und alte IT als Engpass
Der Nutzen von KI hängt maßgeblich an Datenqualität, Zugänglichkeit und belastbaren Systemen. Anja Bonelli, Chief Digital Officer von dem Energiedienstleister Enertrag, appellierte deshalb: "Habt eure Daten im Blick." Sie seien die Basis, um neue Geschäftsmodelle zu entwickeln. Die Automatisierung von Prozessen könne Kosten senken, dabei seien vorallem crossfunktionale Teams gefragt.
Jens Strüker, Professor an der Universität Bayreuth und dem Fraunhofer-Institut für Angewandte Informationstechnik, verwies auf ein strukturelles Problem: gewachsene Backbones und ein "Applikationstourismus“ mit vielen Einzellösungen. Eine Frage in Unternehmen sei, ob KI an bestehende Systeme angedockt oder aber ein System neu gedacht werde.
Mut zum Sprung und neue Rollen
Wie tief die Veränderung reichen kann, zeigt Heizungsbauer Thermondo. Das Unternehmen habe einen doppelten Wandel zu bewältigen, erläuterte Chief Innovation Officer Thomas von Schwarzenfeld: Von der Installation fossiler Anlagen sei es vollständig auf Wärmepumpen umgestiegen. Die eigene, bereits 2013 entwickelte IT-Plattform sei allerdings veraltet gewesen. Eine schrittweise Erneuerung habe nicht gereicht; das Unternehmen habe "springen" müssen. Das sei schmerzhaft gewesen, aber notwendig.
Die Digitalisierung der Energiewirtschaft bleibt damit eine doppelte Aufgabe: Sie muss die Versorgung in hochregulierten, sicherheitskritischen Strukturen verlässlich halten und zugleich neue Technologien in Geschwindigkeit nutzbar machen. KI kann dabei Prozesse neu gestalten. Ihr Erfolg entscheidet sich aber nicht am einzelnen Tool, sondern an klarer Führung, tragfähigen Daten und der Bereitschaft, gewachsene Strukturen wirklich zu verändern.