Rund 90 Prozent der vom VKU befragten Mitgliedsunternehmen berichten von Problemen bei der Besetzung offener Stellen. Zugleich dürfte der Renteneintritt der Babyboomer bis 2035 die bestehenden Fachkräfteengpässe weiter verschärfen. Darauf verweist das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) auf seiner Themenseite "Fachkräftebedarf". Kann künstliche Intelligenz helfen, einen Teil dieser Lücke zu schließen?
Für Stadtwerke und Netzbetreiber wird damit eine bislang selbstverständliche Personalentscheidung grundsätzlich: Muss jede altersbedingt frei werdende Stelle noch 1:1 nachbesetzt werden?
Das auf Transformation und Digitalisierung spezialisierte Unternehmen M3 LAB empfiehlt, genau diese Frage frühzeitig zu stellen. Gemeinsam mit der Holsteinischen Initiative für KI-Transfer hat das Unternehmen den sogenannten KI-Pathfinder weiterentwickelt. Das Analyseformat stellt die erwarteten Renteneintritte bis 2040 den KI-Automatisierungspotenzialen der jeweiligen Tätigkeiten im Unternehmen gegenüber. Nach Angaben von M3 wurde der Ansatz inzwischen bei mehr als fünf Stadtwerken eingesetzt, weitere Analysen laufen.
KI-Potenzial trifft Personalplanung
Der Pathfinder arbeitet mit mehreren Szenarien und versteht sich ausdrücklich nicht als Prognose. Im sogenannten Markterwartungsszenario zeigt sich M3 zufolge dennoch ein wiederkehrendes Muster: Das errechnete KI-Potenzial übersteigt in den bislang untersuchten Unternehmen die erwarteten Renteneintritte regelmäßig. Je nach Unternehmensgröße und Ausgangslage fällt dieser rechnerische Überschuss sehr unterschiedlich aus. Laut M3 beträgt er teils nur wenige Vollzeitstellen; in einzelnen Analysen ist er sogar größer als das gesamte erwartete Rentenabgangsvolumen. Kurz gesagt: Nach den Analysen könnte KI die Rentenabgänge in vielen Fällen rechnerisch mehr als ausgleichen – allerdings nicht überall und nicht automatisch.
Stefan Michaelis, Geschäftsführer von M3 LAB, empfiehlt daher, "jede frei werdende Stelle ab sofort gegen das dokumentierte Automatisierungspotenzial der jeweiligen Tätigkeit zu prüfen". Mehrere der bisherigen Analysen sehen ab 2028 eine kritische Phase. Wer erst dann reagiere, habe wertvolle Zeit für Qualifizierung, Recruiting oder organisatorische Veränderungen verloren.
Bei den Stadtwerken Bruchsal fließen die Ergebnisse der Analyse bereits in die Personalplanung ein. "Wir betrachten Nachbesetzungen inzwischen differenzierter", sagt Sebastian Heilemann, Bereichsleiter Markt. Bei frei werdenden Stellen werde systematisch geprüft, welche Aufgaben künftig durch digitale Werkzeuge unterstützt werden können, welche Kompetenzen zusätzlich benötigt werden und ob Tätigkeiten innerhalb des Teams neu verteilt werden können.
Schon die M3-Analysen machen allerdings deutlich, dass sich daraus keine einfache Stellenrechnung ableiten lässt. Große Automatisierungspotenziale sieht M3 sowohl in technischen und netznahen Funktionen als auch in datenintensiven kaufmännischen Prozessen. Dazu zählen je nach Organisation etwa Netzbetrieb, Netzplanung und Netzdokumentation ebenso wie Abrechnung, Energiedatenmanagement, Finanzwesen oder Kundenservice.
Kurzfristig umsetzbare Anwendungen sieht M3 unter anderem bei Kundenservice-Chatbots, KI-gestützter Netzberechnung und Rechnungsverarbeitung. Eine 1:1-Nachbesetzung sei insbesondere in den Bereichen kritisch zu prüfen, in denen das errechnete KI-Potenzial die erwarteten Renteneintritte auf Bereichsebene übersteigt.
Eine automatisierbare Aufgabe ist noch keine wegfallende Stelle
Entscheidend ist deshalb, was mit "Automatisierungspotenzial" gemeint ist. Der Pathfinder bewertet nicht ganze Stellen, sondern einzelne Aufgaben. Anschließend wird berechnet, wie viel Arbeitszeit KI theoretisch übernehmen oder unterstützen könnte. Das reicht von weitgehend automatisierbaren Standardaufgaben bis zu Anwendungen, bei denen KI Beschäftigte lediglich bei Analysen oder Entscheidungen unterstützt.
M3 stellt ausdrücklich klar, dass KI "als Ergänzung und Unterstützung der Mitarbeitenden gedacht" sei und nicht als vollständiger Ersatz einzelner Rollen. An diesem Punkt setzt auch die wissenschaftliche Einordnung des IAB an. Florian Lehmer und Britta Matthes warnen davor, technische Möglichkeiten unmittelbar in Beschäftigungseffekte zu übersetzen: "Automatisierungspotenziale sind nicht mit Prognosen über wegfallende Stellen gleichzusetzen."
Zwar lasse sich vergleichsweise gut abschätzen, welche Tätigkeiten technisch automatisierbar wären. Ob und wann Unternehmen diese Möglichkeiten tatsächlich nutzen, hänge aber auch von Wirtschaftlichkeit, Regulierung, Akzeptanz und der Anpassung betrieblicher Prozesse ab.
Praxisbeispiel Stadtwerke Bruchsal
Die Stadtwerke Bruchsal sehen die größten Potenziale derzeit vor allem im Kundenservice, Vertrieb, Marketing, Personalwesen sowie im Finanz- und Rechnungswesen. Auch bei Berichten, Anfragen, technischer Dokumentation und Wissensmanagement könne KI entlasten. Gleichzeitig bleibe technisches Fachwissen für Infrastrukturprojekte unverzichtbar. KI könne hier unterstützen, ersetze aber weder praktische Erfahrung noch gesetzlich erforderliche Fachqualifikationen.
Ein konkretes Beispiel ist der Kundenservice: Dort setzt Bruchsal ThinkOwl als intelligentes Kommunikationssystem mit integriertem Chatbot ein, um Standardanfragen zu automatisieren.
Eher andere Arbeit als weniger Arbeit
Auch die bisherigen Forschungsergebnisse sprechen laut IAB eher für einen Wandel innerhalb bestehender Berufe als für deren Verschwinden. In Betrieben mit Nachfrage nach KI-Kompetenzen hätten sich andere Kompetenzanforderungen gezeigt, ohne dass im untersuchten Zeitraum ein Rückgang der Gesamtbeschäftigung nachweisbar gewesen sei. Langfristige Szenarien deuteten ebenfalls eher auf starken Strukturwandel als auf massive Nettoverluste bei der Beschäftigung hin.
Das IAB hält zudem Beschäftigungszuwächse durch KI für möglich, etwa wenn Produktivitätsgewinne Wachstum ermöglichen oder neue Aufgaben in Datenmanagement, Systemintegration und IT-Sicherheit entstehen.
KI könne den Fachkräftemangel dennoch abfedern. Der Mechanismus bedeute aber meist nicht, dass komplette Stellen ersetzt werden. Vielmehr könne KI routinemäßige Teilaufgaben wie Dokumentation oder Standardauswertungen übernehmen und dadurch knappe Fachkräfte für anspruchsvollere Aufgaben freispielen.
Für Stadtwerke wird dieser Unterschied besonders deutlich. In Abrechnung, Controlling oder Kundenservice kann generative KI einen relevanten Teil standardisierter Informationsarbeit übernehmen. Die menschliche Tätigkeit verschiebt sich dann stärker auf Prüfung, Einordnung und Ausnahmefälle. Auch in Planung und Ingenieurwesen kann KI Entwürfe vorbereiten oder Daten vorsortieren; die Entscheidung, ob das Ergebnis für die konkrete Situation fachlich belastbar ist, bleibt jedoch beim Menschen.
Im Netzbetrieb liegt die Grenze noch klarer. KI kann Sensordaten auswerten, Störungen eingrenzen und Einsätze vorbereiten. Die Reparatur vor Ort und sicherheitskritische Entscheidungen ersetzt sie dadurch nicht.
Nicht nachbesetzen kann genauso riskant sein
Das IAB hält es deshalb durchaus für sinnvoll, Renteneintritte und mögliche KI-Potenziale gemeinsam zu betrachten – allerdings nur als einen Baustein der Personalplanung. "Als mechanische Formel würde ich davon abraten", heißt es in der Antwort an die ZFK. Entscheidend sei eine tätigkeitsbezogene Prüfung: Welche Aufgaben lassen sich automatisieren und wo bleibt menschliche Facharbeit unverzichtbar?
Eine Überschätzung der Automatisierung könne gerade für Stadtwerke Folgen haben. Scheiden technische Fachkräfte aus und kommt die erwartete Automatisierung später oder in geringerem Umfang, können Engpässe entstehen. In Netzen, Wasser- oder Wärmeversorgung könne daraus sogar ein Versorgungssicherheitsrisiko entstehen. Auch Erfahrungswissen könne verloren gehen, bevor neue Prozesse zuverlässig funktionieren.
Umgekehrt hält das IAB es ebenfalls für problematisch, heutige Stellenprofile einfach fortzuschreiben. Wenn KI künftig mehr Standardfälle übernimmt, werden etwa in der Sachbearbeitung andere Fähigkeiten wichtiger: KI-Ergebnisse prüfen, ungewöhnliche Fälle erkennen und fachlich einordnen, woraus aber gerade nicht folge, Stellen vorsorglich unbesetzt zu lassen. Personalplanung solle vielmehr stärker von "anpassungsfähigen Qualifikationsprofilen" ausgehen.
Entscheidend wird das Urteilsvermögen
Damit rückt Weiterbildung in den Mittelpunkt. Nach Einschätzung des IAB besteht die entscheidende KI-Kompetenz künftig weniger darin, ein Tool bedienen zu können. Wichtiger wird es, dessen Ergebnisse fachlich zu beurteilen, Fehler zu erkennen und in Zweifelsfällen richtig zu entscheiden. Gerade dieses Wissen entstehe häufig durch Erfahrung im laufenden Betrieb.
Bei den Stadtwerken Bruchsal wird der KI-Einsatz deshalb ausdrücklich mit Qualifizierung und transparenter Kommunikation verbunden. Mitarbeitende, Führungskräfte und Betriebsrat würden frühzeitig einbezogen. "Personalabbau ist nicht das Ziel. Vielmehr wollen wir Produktivität steigern, Wissen sichern und attraktive Arbeitsbedingungen schaffen", sagt Heilemann.
Auch M3 sieht deshalb frühzeitige Planung als Voraussetzung für einen sozialverträglichen Wandel. Transparente Kommunikation, die Einbindung des Betriebsrats und Qualifizierung sollen verhindern, dass aus der strategischen Personalplanung ein vermeintliches Stellenabbauprogramm wird.
Es geht also künftig nicht mehr nur darum: Wer übernimmt diese Stelle? Hinzu kommt die Frage: Welche Aufgaben wird es in fünf oder zehn Jahren noch geben, welche kann KI übernehmen oder unterstützen – und für welche Tätigkeiten werden weiterhin Fachkräfte, Erfahrung und menschliches Urteilsvermögen gebraucht?
Bruchsal erwartet deshalb weniger einen pauschalen Rückgang des Personalbedarfs als eine Verschiebung von Aufgaben, Rollen und Kompetenzanforderungen. KI werde vor allem dazu beitragen, fehlende Fachkräfte zu kompensieren. Qualifizierte Mitarbeitende blieben für ein regionales Versorgungsunternehmen dennoch der entscheidende Erfolgsfaktor.