Roland Berger erwartet einen massiven Ausbau der weltweiten Rechenzentrumskapazitäten. Vor allem KI treibt das Wachstum.

Roland Berger erwartet einen massiven Ausbau der weltweiten Rechenzentrumskapazitäten. Vor allem KI treibt das Wachstum.

Bild: © KI-generiert, PB Studio/AdobeStock

Rechenzentren gelten als Schlüssel-Infrastruktur der KI-Wirtschaft. Ihr Ausbau stellt Energieversorgung, Netze und Standortpolitik allerdings vor neue Herausforderungen. Im Interview erklären die Roland-Berger-Partner Edeltraud Leibrock, Urs Neumair und Nikolaus Lehmann, was der globale Rechenzentrumsboom für Deutschland bedeutet, welche Chancen sich für Stadtwerke und Netzbetreiber ergeben und wo die größten Risiken liegen.

Frau Leibrock, eine aktuelle Roland-Berger-Studie beschreibt Rechenzentren als Grundlage der künftigen KI-Wirtschaft. Was steht für Deutschland auf dem Spiel, wenn Europa beim Ausbau dieser Infrastruktur weiter hinter die USA zurückfällt?

Edeltraud Leibrock: Rechenzentren sind die Produktionsstätten der KI-Ökonomie. So wie die industrielle Wertschöpfung des 20. Jahrhunderts von Fabriken abhing, hängt die Wertschöpfung des 21. Jahrhunderts zunehmend von Daten, Rechenleistung und KI-Modellen ab. Für Deutschland steht deshalb seine Wettbewerbsfähigkeit auf dem Spiel. Wenn Europa beim Ausbau dauerhaft hinter die USA zurückfällt, droht eine Situation, in der europäische Unternehmen zwar KI-Anwendungen nutzen, Infrastruktur, Innovationskraft und ein großer Teil der Wertschöpfung aber außerhalb Europas entstehen.

Das betrifft nicht nur die Technologiebranche: KI wird zum Schlüssel für Industrie, Energie, Mobilität, Gesundheitswesen, Verteidigung und öffentliche Verwaltung. Zugleich geht es um technologische Souveränität. Unternehmen werden künftig verstärkt eigene, oftmals sensible Datenbestände in KI-Systeme integrieren. Dafür benötigen sie leistungsfähige, vertrauenswürdige und möglichst regional verfügbare Infrastruktur. Europa sollte Rechenzentren deshalb nicht als isolierte Infrastrukturprojekte betrachten, sondern als strategische Investition in seine künftige Innovations- und Wirtschaftskraft.

Urs Neumair: In den nächsten Wellen der KI-Transformation wird es vor allem darum gehen, bislang kaum genutzte Daten aus internen Unternehmensprozessen zu erschließen. Genau diese unternehmenseigenen Daten können zur Grundlage für Differenzierung und Wettbewerbsfähigkeit werden.

Viele Unternehmen dürften deshalb Wert darauf legen, dass ihre Daten in einem Umfeld verarbeitet werden, das dem gleichen rechtlichen Rahmen unterliegt. So paradox es angesichts der Kritik an überbordender Bürokratie klingen mag: Der stabile rechtliche Rahmen Europas ist auch ein Standortfaktor. Deutsche Unternehmen müssen KI umfassend nutzen können, ohne befürchten zu müssen, dabei die Grundlage ihrer eigenen Wettbewerbsfähigkeit aus der Hand zu geben.

Edeltraud Leibrock ist Senior Partnerin bei Roland Berger und als Mitglied der weltweiten Geschäftsführung verantwortlich für Innovation. Sie begleitet Kunden unter anderem bei großen Transformationsprogrammen und Projekten zur Einführung von künstlicher Intelligenz.Bild: © Roland Berger

Netzkapazitäten sind vielerorts schon heute knapp. Entsteht durch Rechenzentren ein neuer Verteilungskonflikt mit Industrieansiedlungen, Wärmepumpen, Elektromobilität und der Energiewende?

Neumair: In den vergangenen Jahrzehnten war der Stromverbrauch in Europa eher rückläufig. In Deutschland sank er von rund 610 Terawattstunden im Jahr 2005 auf inzwischen weniger als 490 Terawattstunden. Für 2040 liegen die Prognosen zwar auseinander, unter 750 Terawattstunden sieht jedoch kaum ein Experte den Verbrauch. Treiber sind dabei nicht nur Rechenzentren, sondern insbesondere auch die Elektrifizierung von Wärme, Kälte und Mobilität. Gleichzeitig steigen die Anforderungen an die Netze: Es muss mehr Strom transportiert werden, teilweise über größere Entfernungen zwischen Erzeugung und Verbrauch. Ein Verteilungskonflikt kann entstehen, wenn Kapazitäten knapp werden. Diese Gefahr müssen wir heute erkennen und angehen. Das ist vor allem eine politische Aufgabe. Wir brauchen einen Masterplan, der sicherstellt, dass bis 2040 mindestens 750 Terawattstunden erzeugt, bei Bedarf effektiv gespeichert und effizient durch die Netze transportiert werden können.

Urs Neumair betreut als Partner bei Roland Berger Kunden im Bereich der Energietechnik weltweit. In den letzten Jahren hat er viele Kunde dabei begleitet, Chancen im Bereich der Rechenzentren anzugehen und ihre Geschäfte auf Wachstum im Superzyklus der Transmission & Distribution-Branche zu trimmen.Bild: © Roland Berger

In Europa kann ein Netzanschluss laut Ihrer Studie bis zu sieben Jahre dauern. Ist das vor allem ein Problem fehlender Netze, langsamer Genehmigungen oder mangelnder Abstimmung zwischen Politik, Betreibern und Kommunen?

Leibrock: Es wäre zu einfach, die langen Anschlusszeiten auf einen einzelnen Faktor zurückzuführen. Hier treffen drei Herausforderungen zusammen: begrenzte Infrastruktur, komplexe Genehmigungsverfahren und eine häufig zu späte Abstimmung der beteiligten Akteure. Viele Stromnetze stoßen bereits heute an ihre Grenzen. Mit KI-Rechenzentren kommen zusätzliche Großverbraucher hinzu. Gleichzeitig summieren sich bei Projekten dieser Größenordnung die Verfahren für Netzanschluss, Flächen, Energieversorgung, Umweltauflagen und teilweise Abwärmenutzung schnell zu mehreren Jahren. Entscheidend ist deshalb die Koordination. Rechenzentren, Netzbetreiber, Kommunen, Energieversorger und Politik planen häufig noch in getrennten Logiken. Wer erst mit dem Netzanschluss beginnt, nachdem ein Standort festgelegt wurde, verliert wertvolle Zeit. Standortplanung, Netzausbau und Energieversorgung müssen künftig viel stärker gemeinsam gedacht werden.

Nikolaus Lehmann: Hinzu kommt, dass Vergabeverfahren teilweise zu spekulativen Anschlussanträgen und Überzeichnungen führen. Als Lösungsansätze werden derzeit unter anderem Reifegradverfahren diskutiert beziehungsweise eingeführt, bei denen Projekte nach ihrer Realisierungswahrscheinlichkeit priorisiert werden, sowie Flexible Connection Agreements. Sie ermöglichen einen früheren Anschluss gegen vertraglich vereinbarte Lastbegrenzungen. Beides sind allerdings keine Selbstläufer. Flexible Connection Agreements erfordern komplexe Vereinbarungen über mögliche Drosselungen und verlagern einen Teil des Kapazitätsrisikos auf den Betreiber. Vor allem aber gilt: Solche Instrumente können vorhandene Kapazitäten besser verteilen, ersetzen aber nicht den realen Netzausbau. Der bleibt der entscheidende limitierende Faktor.

Welche wirtschaftlichen Chancen entstehen für Stadtwerke und kommunale Unternehmen jenseits des reinen Stromverkaufs?

Neumair: Für Stadtwerke entstehen durchaus Chancen, auch wenn große Rechenzentren überwiegend auf höheren Spannungsebenen angeschlossen werden. Standortentwicklung und Energiespeicherung sind beispielsweise Felder, in denen Stadtwerke auch außerhalb des regulierten Bereichs ihre Kompetenzen einsetzen können. Das attraktivste Feld dürfte jedoch die Nutzung der Abwärme sein, insbesondere für Stadtwerke mit Fernwärmegeschäft. Ab 2030 könnten fünf bis acht Prozent der Energie für die Fernwärme aus Rechenzentren stammen. Da sich Rechenzentren voraussichtlich weiterhin stark im Großraum Frankfurt konzentrieren werden, eröffnet das gerade dort erhebliche Chancen. Sie müssen allerdings finanziert werden, und auch das notwendige Personal und Know-how müssen vorhanden sein.

Nikolaus Lehmann verantwortet als Partner bei Roland Berger das Geschäft mit der Halbleiter- und Chipbranche. Halbleiter, allen voran GPUs und Datenspeicher, sind ein deutlicher Großteil bei Rechenzentrumsinvestitionen – entsprechend fokussieren sich seine Klienten auf diesen Markt als Wachstumsmotor.Bild: © Roland Berger

Was sollten Stadtwerke und Netzbetreiber konkret tun, um vom KI-Boom zu profitieren, ohne am Ende nur dessen Kosten und Risiken zu tragen?

Neumair: Entscheidend ist der schnelle Aufbau von Erfahrung und Know-how. Selbst in Märkten wie den USA oder Irland sehen wir Akteure, die mit den besonderen Anforderungen rund um Bau und Betrieb von Rechenzentren noch wenig vertraut sind. Stadtwerke und andere Unternehmen können Expertise beispielsweise über Partnerschaften mit Unternehmen aufbauen, die einzelne relevante Gewerke bereits beherrschen.

Leibrock: Rechenzentren sollten nicht nur als zusätzliche Stromverbraucher, sondern als strategische Infrastrukturpartner betrachtet werden. Stadtwerke und Netzbetreiber können schon heute geeignete Standorte identifizieren, verfügbare Netzkapazitäten transparent machen und frühzeitig den Dialog mit Investoren suchen. Rechenzentren werden zunehmend Teil integrierter Energiesysteme. Sie bringen nicht nur Last mit, sondern können auch Batteriespeicher, Flexibilitätsoptionen, eigene Energieerzeugung und nutzbare Abwärme einbringen.

Für Kommunen geht es deshalb darum, Rechenzentren in eine langfristige Standortstrategie einzubetten: Wo entstehen Arbeitsplätze? Wie lässt sich Abwärme für Quartiere oder Fernwärmenetze nutzen? Wie profitieren lokale Unternehmen? Und welche ökologischen Standards müssen erfüllt sein? Dabei müssen die wirtschaftlichen Chancen fair verteilt werden. Klare Vereinbarungen über Netzausbau, Flächennutzung, Energieversorgung und Abwärme sind dafür Voraussetzung. Nur wenn lokale Akteure sichtbar profitieren, entsteht langfristig Akzeptanz.

"The global build-out race – AI data center study | Part 1"

Die Studie auf einen Blick

Roland Berger erwartet einen massiven Ausbau der weltweiten Rechenzentrumskapazitäten: von rund 88 Gigawatt im Jahr 2025 auf 224 Gigawatt 2030 und 341 Gigawatt 2035. Vor allem KI treibt das Wachstum. Ihr Anteil am Leistungsbedarf der Rechenzentren soll in diesem Zeitraum von rund 20 auf 60 Prozent steigen.

Europa droht dabei weiter zurückzufallen. Sein Anteil an der globalen Rechenzentrumskapazität könnte von rund 13 auf etwa 10 Prozent sinken. Als wichtigste Bremsen nennt Roland Berger lange Netzanschlusszeiten, hohe Energiepreise und regulatorische Komplexität.

Trotz des langfristigen Wachstumstrends sehen die Berater auch Risiken: Die Investitionen in KI-Infrastruktur wachsen derzeit deutlich schneller als die damit erzielten Einnahmen. Eine kurzfristige Korrektur oder Abkühlung hält Roland Berger deshalb für möglich. Hier geht es zur Studie.

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