Als die Stadtwerke Trier 2017 erstmals ein künstliches neuronales Netz in ihrem Hauptklärwerk einsetzten, war künstliche Intelligenz in der Kommunalwirtschaft kaum ein Thema. Heute durchzieht KI die Betriebsprozesse des Versorgers vom Abwasser über die Trinkwasserversorgung bis ins Verbundnetz in der Westeifel.
Von einzelnen Projekten hin zu einer unternehmensweiten Strategie zu kommen, scheint in der Energiewirtschaft noch in weiten Teilen ein Problem zu sein. Eine Studie der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PWC zeigte zuletzt: 79 Prozent der Energieversorgungsunternehmen (EVU) nutzen bereits KI, davon stecken jedoch noch 61 Prozent in einer experimentiellen Phase. Der Weg der Stadtwerke Trier liefert eine Blaupause dafür, wie aus einem einzelnen Pilotprojekt eine Unternehmensstrategie wird.
Der Kipppunkt: Skalierung als Schlüssel
Den Anstoß gab der schnelle Erfolg. Die Stadtwerke Trier schildern auf Anfrage der ZFK: "Bereits nach der ersten Implementierung 2017 auf der Kläranlage hat sich binnen weniger Monate der Mehrwert gezeigt, den solche Systeme für uns als Unternehmen haben können." Daraus zogen die Verantwortlichen einen strategischen Schluss: "Dadurch war schnell klar, dass der Schlüssel für den KI-Einsatz in all unseren Betrieben die Skalierung ist."
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Das Prinzip dahinter beschreibt der Versorger als systematisches Ausweiten bewährter Lösungen: Die Kolleg:innen starteten "zunächst immer in kleineren Teilprojekten, die als Piloten umgesetzt werden". Bewährte sich eine Anwendung, würde sie zuerst innerhalb einer Sparte ausgeweitet, etwa von einzelnen Prozessschritten auf den gesamten Prozess im Klärwerk. Danach folge die Übertragung auf andere Bereiche wie die Trinkwasserversorgung und schließlich der Einsatz in deutlich größeren Systemen.
Menschen mitnehmen statt Technik ausrollen
Ein zentraler Erfolgsfaktor liegt nach Darstellung der Stadtwerke Trier nicht in der Technik, sondern in der Akzeptanz. "Für uns als Unternehmen war dabei von Beginn an entscheidend, die Menschen mitzunehmen, die täglich mit den Systemen arbeiten", so der Versorger. Gerade in den Leitwarten sei die Akzeptanz der Kolleg:innen "der Schlüssel zum Erfolg" gewesen. Denn dort würden vor allem Erfahrung und Verantwortungsbewusstsein eine zentrale Rolle spielen.
Inzwischen hat sich das Verhältnis umgekehrt: Die Mitarbeitenden bringen "regelmäßig selbst Ideen für neue Anwendungen ein" und wollen nach Darstellung des Stadtwerks den KI-Einsatz "permanent ausbauen und mitgestalten".
Keine Jobs ersetzt, neue geschaffen
Der oft befürchtete Stellenabbau ist laut den Stadtwerken Trier bei ihnen ausgeblieben. "Durch die KI werden bei uns Optimierungsstrategien umgesetzt, die ein Mensch nicht umsetzen könnte. Es wurde also keinem Mitarbeitenden eine Aufgabe abgenommen", betont der Versorger. Im Gegenteil seien "neue, innovative Jobs" entstanden. Mitarbeitende, die neu eingestellt werden, würden derzeit vor allem als Schnittstelle zwischen Betrieb und dem jeweiligen Hersteller des KI-Systems fungieren, um Störungen zu analysieren und Lösungen zu finden.
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Das klassische Fachwissen bleibt dabei unverzichtbar: Die Beschäftigten müssen "weiterhin auch den gleichen Grad an klassischem Fachwissen für den Betrieb von Kläranlagen aufweisen, da der Betrieb auch bei einem Systemausfall jederzeit sichergestellt sein muss". Hinzu komme "eine grundsätzliche Bereitschaft und Offenheit, Neues zu lernen".
Die häufigsten Fehler der anderen
Ein proaktives Beratungsangebot haben die Stadtwerke Trier nach eigenen Angaben nicht; jedoch würden immer wieder Beratungsanfragen zum KI-Einsatz im Stadtwerkekontext über die KI-Hersteller oder Veranstalter von Fachtagungen an sie herangetragen. Den häufigsten Fehler von Einsteigern sehen die Trierer in der Kostenkalkulation: Viele Betreiber "unterschätzen die anfänglichen Kosten". Neben der Software müsse häufig auch in neue Infrastruktur investiert werden, wie etwa neue Schaltschränke, Messgeräte.
Hinzu kommen Vorbehalte, welche häufig aus einer Begriffsverwirrung resultieren: In der Wahrnehmung komme es "oft zu einer Vermischung" zwischen industriellen KI-Systemen wie neuronalen Netzen und Alltags-Anwendungen wie Sprachmodellen, wie etwa ChatGPT, samt der "damit verbundenen negativen Assoziationen".
Rat an Einsteiger
Stadtwerken, die starten wollen, raten die Stadtwerke Trier, sich "verschiedene Use-Cases anzuschauen", da die Herausforderungen von Anlage zu Anlage stark variierten. Wer im Netz nach KI-gestützten Assistenzsystemen im Bereich Wasser und Abwasser suche, finde rasch Kolleg:innen mit Praxiserfahrung, die zum Austausch bereit seien. Auch gebe es "eine Fülle an Fachtagungen" mit regem kollegialem Erfahrungsaustausch.



