Künstliche Intelligenz (KI) verändert Branchen, Prozesse und ganze Berufsbilder – und längst hat sie auch die Energiewirtschaft erfasst. Manche, wie Thies Hansen vom Netzbetreiber Hamburger Energienetze vergleichen die Entwicklung sogar mit der industriellen Revolution.
Was vor wenigen Jahren noch nach Zukunftsmusik klang, gehört 2026 bei vielen Unternehmen bereits zum Alltag. Eine Studie der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PWC zeigt jedoch: Zwischen ersten Pilotprojekten und echtem Produktivbetrieb klafft im Bereich KI noch eine erhebliche Lücke. Die Studie analysierte die Situation des Jahres 2025.
79 Prozent nutzen bereits KI
Unter dem Namen "Künstliche Intelligenz in der Energiewirtschaft" befragte PWC Entscheidungsträgerinnen und -träger von Energieversorgungsunternehmen (EVU) unterschiedlicher Größe. Angefangen bei kleinen Stadtwerken mit unter 100 Beschäftigten bis hin zu integrierten Konzernen mit über 2000 Mitarbeitenden. Das Ergebnis ist eindeutig: 79 Prozent der befragten Unternehmen haben bereits erste KI-Lösungen eingeführt.
Doch der Blick hinter die Zahl ernüchtert. 61 Prozent dieser Unternehmen stecken noch auf einer experimentellen Stufe, und das unabhängig von der Unternehmensgröße. Sie haben Pilotprojekte gestartet, aber eine skalierte Nutzung steht bisher noch aus. Nur jedes vierte EVU verfügt über eine explizite strategische KI-Roadmap. Kein einziges Unternehmen stuft sich derzeit als fortgeschritten oder KI-getrieben ein. PWC nennt dieses Phänomen das "PoC-Dilemma": Firmen erproben Lösungen, schaffen den Sprung in den Regelbetrieb aber nicht.
Diese Bereiche boomen
Wo KI läuft zeigt das Bild klassischer Einführungsmuster. Der Kundenservice führt mit 29 Prozent, Supportfunktionen folgen mit 21 Prozent, Vertrieb kommt auf 12 Prozent. Technische Kernbereiche wie Erzeugung, Netzbetrieb oder Energiehandel hinken laut PWC deutlich hinterher.
Das überrascht kaum: Im Kundenservice und Support lassen sich Sprachmodelle und Chatbots ohne komplexe Systemintegrationen schnell einsetzen. Die technischen Kernbereiche erfordern hingegen tiefe Datenintegration, Echtzeitverarbeitung oder regulatorische Absicherung.
Die Studie liefert konkrete Zahlen aus der Praxis. Die NEW Netz setzt einen generativen KI-Chatbot auf Basis von GPT-4 ein, der 95 Prozent aller Kundenanfragen rund um die Uhr autonom beantwortet. Die EWE verarbeitet monatlich rund 50.000 Zählerstände per KI-gestützter Bilderkennung – mit einer Genauigkeit von 99,5 Prozent. Westnetz löst 90 Prozent aller Klärfälle bei der Zählerstand-Validierung vollautomatisch. Die Stadtwerke Steinburg berichten im PWC-Papier, dass ein KI-Assistent den Programmieraufwand im Controlling um 70 Prozent gesenkt hat.
Das wird von KI erwartet
36 Prozent der Unternehmen setzen vor allem auf Effizienzsteigerungen, also auf die Automatisierung von Prozessen und Einsparung bei den Betriebskosten. Bei 22 Prozent soll die Kundenzufriedenheit, etwa über Personalisierung, verbessert werden. 18 Prozent erwarten Qualitätsgewinne – etwa durch genauere Prognosen oder Netzstabilität. Innovationszugang und neue Geschäftsmodelle nannten zwölf Prozent der Befragten als Fokus. Strategische Wettbewerbsvorteile erhoffen sich elf Prozent.
Strategisch blicken viele über den Tellerrand: 59 Prozent der Befragten sehen KI in den nächsten fünf bis zehn Jahren als strategisches oder transformatorisches Element ihrer Wertschöpfungskette.
Das sind aktuell die größten Hürden
Woran klemmt es? Technologische Hürden führen die Liste mit 30 Prozent an. Darunter fallen vor allem fehlende Schnittstellen und lückenhafte Daten. Eng dahinter folgt Kompetenzmangel mit 28 Prozent: Viele Unternehmen haben keine Data Scientists und investieren zu wenig in Weiterbildung. Ein Phänomen, das sich auch in anderen Branchen zeigt. Im Verlagswesen gaben bei einer Befragung des Branchendienstes "Digiday" lediglich sechs Prozent der Unternehmen an, Mitarbeiterschulungen als Ressourcen-Schwerpunkt zu setzen.
Rechtliche und ethische Bedenken, insbesondere rund um DSGVO-Compliance und algorithmischen Bias, haben 18 Prozent als bremsenden Faktor angegeben. Kulturelle und organisatorische Widerstände hemmen weitere 16 Prozent.
Besonders aufschlussreich ist ein interner Befund: Leitende Angestellte im IT-Bereich der Unternehmen bewerten die KI-Reife in ihrem jeweiligen Betrieb deutlich konservativer als das Management. Wo Geschäftsführerinnen und Geschäftsführer die strategische Transformation sehen, zählt die IT die offenen Baustellen. Diese Lücke birgt ein reales Risiko: Unternehmen, in denen Strategie und operative Realität auseinanderdriften, können KI-Potenziale nicht konsequent ausschöpfen.
Markt wächst und spezialisiert sich
Auf Anbieterseite kartografiert die Studie über 70 KI-Lösungen entlang der energiewirtschaftlichen Wertschöpfungskette. 81 Prozent der verzeichneten Anbieter geben explizit an, sich auf Energiewirtschaft spezialisiert zu haben – im Vorjahr (2024) waren es lediglich rund 60 Prozent. Mit 66 Prozent verfügen nun zwölf Prozent mehr über Zertifizierungen. Rund 75 Prozent der Lösungen laufen auf Infrastruktur von Cloud-Hyperscalern.
KI ist in der Energiewirtschaft keine Zukunftsvision mehr. Die Frage ist nicht, ob, sondern wie schnell Unternehmen den Sprung von Pilotprojekten in den skalierten Betrieb schaffen.



