87 Prozent der befragten Unternehmen halten Weiterbildung für wichtig. 2024 waren es noch 93 Prozent. Ernüchternder ist der Blick auf die strategische Verankerung: Nur 29 Prozent der Unternehmen haben eine schriftlich fixierte Weiterbildungsstrategie. In der Energie-, Bau- und Verkehrsbranche sind es sogar nur 17 Prozent, damit bildet der Sektor das Schlusslicht in der Umfrage. Vorreiter ist die öffentliche Verwaltung, dort ist Weiterbildung bei über der Hälfte strategisch fixiert (53 Prozent).
Die Branche erkennt das Problem und schiebt die Lösung trotzdem auf. Das ist das zentrale Ergebnis der Weiterbildungsstudie 2026, für die der TÜV-Verband 500 Unternehmensverantwortliche in Deutschland befragte. Besonders scharf zeigt sich der Widerspruch in der Energie-, Bau- und Verkehrsbranche.
Bewusstsein ist da – Strategie fehlt
Weiterbildung findet also statt, aber meist reaktiv und ungeplant, so das Fazit der Studie. Drei Viertel der Unternehmen bieten ihrer Belegschaft Fortbildungen an, das Budget bleibt dabei begrenzt: 65 Prozent der Arbeitgeber investieren jährlich maximal 1000 Euro pro Mitarbeiterin oder Mitarbeiter, rund die Hälfte gewährt dafür ein bis fünf Arbeitstage.
Für den öffentlichen Sektor kam eine Studie von Horváth zu ähnlichen Ergebnissen. Der Sektor befindet sich demnach in einem Doppeldilemma, gesetzliche Hürden hemmen die digitale Transformation während der Fachkräftemangel durch den demografischen Wandel verstärkt wird.
KI: Bedarf erkannt, Handeln aufgeschoben
56 Prozent der deutschen Unternehmen nutzen generative KI-Tools wie ChatGPT, Gemini oder Copilot bereits im Arbeitsalltag. Die Hälfte der Befragten sieht gleichzeitig dringenden Weiterbildungsbedarf in diesem Bereich.
Tatsächlich geschult wurden Mitarbeitende bislang aber nur in 27 Prozent der Unternehmen. Damit hat sich die Anzahl im Vergleich zum Vorjahr verdoppelt. Die Entwicklung bei den KI-Schulungen befindet sich demnach auf einem niedrigen Niveau, wie der TÜV das Ergebnis einordnet.
Auf Branchenebene fällt die Energie-, Bau- und Verkehrsbranche besonders auf: Nur 16 Prozent der Unternehmen bilden dort Mitarbeitende im Bereich KI weiter, der schlechteste Wert im Branchenvergleich. Dienstleistungsunternehmen liegen mit 34 Prozent mehr als doppelt so hoch.
TÜV-Verband-Geschäftsführer Joachim Bühler machte bei der Pressekonferenz deutlich, dass dieser Rückstand strukturell bedingt ist. Wer KI bereits einsetze, erkenne auch viel klarer, wie groß der Qualifizierungsbedarf wirklich sei. Wer noch nicht gestartet habe, unterschätze beides systematisch. "Nur das, was ich weiß, sehe ich auch", sagte Bühler.
Das spiegelt sich auch in der Befragung wider. Bei Unternehmen, die bereits KI anwenden, sieht mehr als die Hälfte (54 Prozent) Effizienzgewinne. Nimmt man die Unternehmen hinzu die KI noch nicht in der Anwendung haben, sinkt der Wert auf knapp über ein Drittel. (36 Prozent)
Vorreiter zeigen: Es geht
Dass die Branche es besser kann, zeigen verschiedene Beispiele. Die Stadtwerke Pforzheim setzen KI bereits in konkreten Alltagsprozessen ein, von SAP-Bestellanforderungen bis zur Auswertung technischer Dokumentationen.
Eine branchenübergreifende Kooperation mehrerer Stadtwerke im Netzbetrieb wurde für ihren kollaborativen KI-Ansatz ausgezeichnet. Ein Modell, das gerade für kleinere Versorger ohne eigene KI-Ressourcen funktioniert.
Das ist derzeit gefragt
Das praktische Anwendungswissen steht laut den befragten Unternehmen hoch im Kurs. 72 Prozent der Unternehmen priorisieren etwa den Einstieg in die Nutzung von KI-Tools, nicht das Entwickeln eigener Modelle.
Daneben gewinnen soziale und menschliche Kompetenzen an Gewicht – 88 Prozent der Unternehmen nennen sie als wichtigste Kompetenz für die Zukunft, noch vor technologischem Fachwissen. Bei den Soft Skills steht Führungskompetenz weiterhin hoch im Kurs. 54 Prozent der Unternehmen sehen dabei akuten Weiterbildungsbedarf. Eine Untersuchung der Goethe-Universität Frankfurt zeigte zuletzt, wie eng Führungskompetenz mit erfolgreicher Implementierung von KI-Anwendungen im Unternehmen zusammenhängt.
Politik liefert nicht
Auf staatliche Unterstützung können Unternehmen beim Ausbau der eigenen KI-Fähigkeiten kaum zählen. 76 Prozent fühlen sich schlecht über Fördermöglichkeiten informiert. Nur 15 Prozent sehen die Politik bei der Förderung von Zukunftskompetenzen wie KI auf dem richtigen Weg. Der nationalen Weiterbildungsstrategie der Bundesregierung sprechen 79 Prozent der Befragten ab, dass sie zu einer erhöhten Weiterbildungsbeteiligung führt.
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Deshalb empfiehlt der TÜV auch: "Förderangebote transparenter, praxisnäher und für Unternehmen leichter nutzbar machen." Bis zum Jahr 2030 soll dadurch eine Weiterbildungsquote von 65 Prozent erreicht werden. Außerdem braucht es aus Sicht des Verbandes neue steuerliche Rahmenbedingungen für Weiterbildungen. Des Weiteren müsse die Politik das Angebot digitaler Bildungsangebote erleichtern und die Zusammenarbeit mit Honorarkräften vereinfachen.



