Zwischen Netzbetrieb, Regulierung und IT-Transformation wächst der Druck auf kommunale Versorger. KI kann helfen, braucht aber klare Regeln, sichere Datenprozesse und Verantwortlichkeiten.

Zwischen Netzbetrieb, Regulierung und IT-Transformation wächst der Druck auf kommunale Versorger. KI kann helfen, braucht aber klare Regeln, sichere Datenprozesse und Verantwortlichkeiten.

Bild: © generiert durch ChatGPT

Netzbetreiber sollen neue regulatorische Prozesse abbilden, IT-Systeme migrieren, Fachkräftemangel ausgleichen und zugleich KI einführen. Genau an dieser Stelle sieht die Horizonte Group einen zentralen Fehler vieler Unternehmen: Sie starten mit einzelnen KI-Piloten, bevor Organisation, Daten, Prozesse und Sicherheitsregeln geklärt sind.

Aus Sicht von Benedikt Girz, Leiter der neuen Business Unit Plattform, KI und Cybersecurity bei der Horizonte Group, entsteht der aktuelle KI-Druck aus mehreren Richtungen zugleich. "Vom Gesetzgeber kommen Anforderungen wie neue Prozesse", verdeutlicht Girz. Zugleich hörten Geschäftsführungen und IT-Verantwortliche aus den Organisationen heraus den Wunsch: "Wir möchten KI." Dieses Zusammenspiel bringe viele Netzbetreiber in ein organisatorisches Ungleichgewicht. Hinzu komme die Sorge, dass andere Marktakteure schneller vorankommen könnten.

Viele Tests, wenig Produktivbetrieb

Die Energiewirtschaft steht Girz zufolge beim Thema KI nicht mehr am Anfang. Viele Unternehmen hätten bereits erste Anwendungen ausprobiert. Die eigentliche Hürde liege aber an anderer Stelle. "Das größte Missverständnis in der Industrie ist: Alle schauen auf die Kann-Themen und sind begeistert", so Girz.

Gemeint sind Anwendungen, die auf den ersten Blick attraktiv wirken: Chatbots, Wissensdatenbanken, Unterstützung im Kundenservice oder Automatisierung in einzelnen Prozessschritten. Solche Anwendungen könnten sinnvoll sein. Sie lösten aber nicht automatisch die Frage, wie KI dauerhaft, sicher und regelkonform in die Organisation integriert werde.

"Der größte blinde Fleck ist: Eine Organisation schaffen, die Use Cases durchprozessieren kann", sagt Girz. Gemeint ist: Ein KI-Anwendungsfall darf nicht beim Testlauf enden. Er muss fachlich bewertet, technisch abgesichert, regulatorisch geprüft und in den Regelbetrieb überführt werden. Dafür brauche es Verantwortlichkeiten, Prozesse, technische Leitplanken, Sicherheitskonzepte und Schulungen. Ohne diesen Rahmen drohten KI-Projekte im Pilotstadium stecken zu bleiben.

Der Berater zieht dabei einen Vergleich zur einstigen Einführung von Computern in Unternehmen. Aus Managementsicht seien viele Fragen ähnlich: Wie werden Daten verarbeitet? In welchen Prozessen wird Technologie genutzt? Wer ist verantwortlich? Neu seien bei KI vor allem zusätzliche Anforderungen an Sicherheit, Transparenz und Datenverwendung.

Regulierung wird zum Muss-Thema

Besonders relevant ist aus Sicht von Girz der regulatorische Rahmen. Er verweist auf den EU AI Act, NIS2, Data Act und DSGVO. Der EU AI Act regelt den Einsatz künstlicher Intelligenz. NIS2 verschärft Anforderungen an Cybersicherheit. Der Data Act betrifft den Zugang zu und die Nutzung von Daten. Die DSGVO setzt den Rahmen für personenbezogene Daten. Diese Vorgaben würden für Stadtwerke und Netzbetreiber relevant, wenn KI eingesetzt werde, aber auch wenn KI bereits in genutzter Software enthalten sei.

"Der EU AI Act wird zum Muss-Teil, wenn KI im Einsatz ist", bekräftigt auch Dennis Niederhagen, Geschäftsführer bei der Horizonte Group. Viele Unternehmen könnten auch betroffen sein, ohne bewusst ein eigenes KI-Tool eingeführt zu haben. Denn Softwareanbieter erweiterten ihre Produkte zunehmend um KI-Funktionen.

Als Beispiel nennt Niederhagen Microsoft Copilot. Je nach Variante hätten Administratoren unterschiedliche Möglichkeiten, Nutzung zu überwachen, Berechtigungen zu steuern oder Schutzfunktionen einzurichten. Bei unkontrollierter Nutzung könne es problematisch werden, wenn Mitarbeitende sensible Informationen in KI-Anwendungen eingeben.

Girz beschreibt hier drei Ebenen, die zusammenwirken müssten: technologischer Schutz, Schulung der Beschäftigten und Governance. Eine einfache Leitlinie könne lauten: "Was man nicht per Outlook verschicken würde, sollte auch nicht in Copilot landen." Entscheidend sei aber, solche Regeln nicht nur aufzuschreiben, sondern technisch und organisatorisch abzusichern.

Migrationen als konkreter Hebel

Neben Governance sieht Girz einen wichtigen Ansatzpunkt bei großen Systemmigrationen. Viele Stadtwerke und Netzbetreiber stehen vor SAP-S/4HANA-Projekten oder anderen Versions- und Modulwechseln. Auch Anbieter wie Schleupen, Wilken oder weitere ERP-Systeme müssen neue Prozesse, Datenmodelle und Anforderungen abbilden.

"Die größten Schmerzen verursachen große Systemmigrationen, die massive Ressourcen binden, während der Alltag parallel läuft", sagt Girz. Netzbetreiber seien in der Regel nicht überbesetzt. Sie müssten Betrieb, Regulierung und IT-Transformation gleichzeitig bewältigen.

Hier könne KI helfen, manuelle Aufwände in einzelnen Migrationsschritten zu reduzieren. Girz nennt etwa Daten- und Prozessaufgaben, die bisher mit hohem personellen Aufwand verbunden seien. "Mit KI kann man den manuellen Aufwand in Migrationsschritten enorm verringern."

Daher sollte aus seiner Sicht KI nicht erst nach einer Migration betrachtet werden. Wer ein mehrjähriges Transformationsprojekt beginne, müsse früh prüfen, an welchen Stellen Automatisierung oder KI-Prozessunterstützung sinnvoll integriert werden könne. Sonst werde eine neue Systemlandschaft aufgebaut, die kurz nach der Einführung bereits wieder weiterentwickelt werden müsse.

Use Cases bleiben kleinteilig

Konkrete KI-Anwendungen sehen Girz und Niederhagen vor allem dort, wo viele wiederkehrende Aufgaben auf knappe Fachressourcen treffen. Dazu zählt Girz etwa Wissensmanagement im Kundenservice. Ein Beispiel ist der Umgang mit Fragen zu § 14a EnWG. Supportmitarbeitende müssten in der Lage sein, auch komplexere Sachverhalte rund um steuerbare Verbrauchseinrichtungen einzuordnen.

Eine KI-gestützte Wissensdatenbank könne dabei helfen, Fachwissen schneller verfügbar zu machen. Ähnliche Ansätze seien bei Standardanfragen denkbar, etwa bei Adressänderungen. Eine KI könne Unterlagen auslesen, Plausibilitäten prüfen und Vorgänge bei hoher Sicherheit automatisiert weiterleiten. Bei Unsicherheiten müsse ein Mensch entscheiden.

Auch im Netzbetrieb selbst sieht Girz Einsatzmöglichkeiten, etwa bei der Unterstützung von Monteuren, bei Fragen zu Zählern, bei der Montage intelligenter Messsysteme oder bei Fotodokumentationen zur Qualitätssicherung. Dabei gehe es jedoch nicht darum, kritische Entscheidungen an KI abzugeben.

"Die KI hat mit dem Netzanschluss als Ganzem gar nichts zu tun. Sie kann nur helfen, Unterprozesse zu vereinfachen", sagt Girz. Diese Einordnung ist ihm wichtig. Der Nutzen liege häufig nicht im großen autonomen System, sondern in vielen kleinen Entlastungen entlang bestehender Prozesse.

KI und Cybersecurity zusammendenken

Die Horizonte Group hat die Themen KI, Cybersecurity und Plattformstrategien daher bewusst in einer Business Unit gebündelt. Hintergrund ist die wachsende Zahl von Schnittstellen in der Energiewirtschaft. Intelligente Messsysteme, Plattformen, Portale, Datenräume und KI-Anwendungen erhöhen die technische Komplexität.

"Mit jeder verbauten Einheit, mit jedem Messsystem, mit jedem intelligenten Messsystem, entsteht eine neue Schnittstelle. Und eine neue Schnittstelle ist auch ein neues Cyber-Risiko", sagt Niederhagen. Deshalb sollte man KI nicht isoliert betrachten. Chancen durch Automatisierung und Effizienz sind gemeinsam mit Sicherheitsanforderungen zu bewerten.

Das betrifft nach Einschätzung von Niederhagen auch Angriffe auf Mitarbeitende. KI mache Phishing-Angriffe besser und glaubwürdiger. Netzbetreiber müssten daher nicht nur technische Systeme absichern, sondern auch Beschäftigte sensibilisieren.

Damit wird KI aus Sicht von Girz weniger zu einer reinen Toolfrage als zu einer Managementaufgabe. Stadtwerke und Netzbetreiber müssten zunächst entscheiden, welche Probleme sie lösen wollen, welche Risiken sie tragen können und welche Voraussetzungen fehlen. Erst danach lasse sich sinnvoll priorisieren.

"Change ist Handwerk", sagt Girz. Genau daran entscheide sich, ob KI in der Energiewirtschaft produktiv genutzt werde oder ob sie in vielen Häusern ein weiteres Pilotprojekt bleibe.

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