"Die Missbrauchsverbote für die Preisbremsen sind ausreichend und zielführend", erklärte VKU-Hauptgeschäftsführer Ingbert Liebing.

"Die Missbrauchsverbote für die Preisbremsen sind ausreichend und zielführend", erklärte VKU-Hauptgeschäftsführer Ingbert Liebing.

Bild: © Wolfilser/Adobestock

Die Umsetzung der Preisbremsen für Gas, Strom und Wärme ist "eine Mammutaufgabe“, sagt Stadtwerk-am-See-Geschäftsführer Alexander-Florian Bürkle. Doch man bekomme das "pünktlich" hin. Ende Februar verschickte das Stadtwerk aus Friedrichshafen und Überlingen am Bodensee Briefe mit den genauen Entlastungsbeträgen an alle Kunden.

Ab März sollen dann die Preisbremsen zu den Kunden kommen. Zahlreiche andere Versorger hatten schon im Vorfeld angekündigt, dass sie die Umstellung nicht pünktlich schaffen.

Größte Systemumstellung der letzten zehn Jahre

Für das Stadtwerk sei es „die größte Systemumstellung in den letzten zehn Jahren – umgesetzt in nur zwei Monaten“, erklärt Bürkle. Denn alle Kunden erhalten eine individuelle Gutschrift auf ihre Energieabschläge. In den Schreiben steht der prognostizierte Verbrauch, die Höhe der Preisbremsen, der individuelle Entlastungsbetrag pro Monat und pro Jahr sowie der neue Abschlag, der zu zahlen ist.

Im März entlastet das Stadtwerk rückwirkend bis zum Jahresbeginn. Bürkle betont auch: „Wenn Kunden aus Versehen zu viel zahlen, verrechnen wir das mit der nächsten Jahresabrechnung. Es geht also garantiert nichts verloren.“

100.000 Schreiben mit 100.000 verschiedenen Beiträgen

Insgesamt verschickt das Stadtwerk 100.000 Schreiben mit 100.000 verschiedenen Beträgen, jeweils basierend auf einer individuellen Verbrauchsprognose vom September, so der Geschäftsführer: „Ich möchte es einmal ganz deutlich sagen: Dass wir unser Versprechen hier einlösen konnten, das macht mich unglaublich stolz auf unser Stadtwerk-Team.“

Denn bei der Umsetzung seien insbesondere die IT-Systemhäuser ein Engpass, sagt Bürkle. Deswegen hätten in den letzten Wochen viele Versorger, aber auch die Verbände der Energiebranche angekündigt, dass sie mit Verzögerungen rechnen. „In diesen zwei Monaten haben sich viele Kolleginnen und Kollegen ausschließlich damit beschäftigt, die Entlastungen pünktlich und zuverlässig zu unseren Kunden zu bringen.“

Auf ZfK-Nachfrage erklärte das Stadtwerk am See, dass Wilken, der IT-Partner für die energiewirtschaftlichen Themen, "hier wirklich einen klasse Job gemacht" hat.

Bamberg bereitet sich frühzeitig vor

Bei der Umsetzung der Strom-, Gas- und Wärmepreisbremsen liegt auch die IVU Informationssysteme GmbH nach eigenen Angaben im Plan: Alle Kunden konnten rechtzeitig mit dem Kundeninformationsschreiben ausgestattet werden. Die Auslieferung der einschlägigen Software-Updates stehe kurz bevor.

Ein Kunde der IVU, die Stadtwerke Bamberg, äußerten sich in einem Interview zu den Energiepreisbremsen. Dort klappte die Umsetzung der Dezemberhilfe deshalb, weil man sich schon im Vorfeld intensiv mit den gesetzlichen Vorgaben beschäftigt habe und, im engen Austausch mit den eigenen Dienstleistern Wilken und IVU stand. Parallel zu den Soforthilfen habe man sich mit den Preisbremsen beschäftigt. Schon vor Weihnachten sei mit den Gesetzesveröffentlichungen und Webinaren los gegangen. "Wir arbeiten mit den Anwendungshilfen vom BDEW und sind auf dem Stand, den das Gesetz vorschreibt", erklärte Christian Folger, Fachbereichsleiter Verbrauchsabrechnung bei den Stadtwerken Bamberg.

Keine Sonderlösung sondern Standardauswertungen

"So haben wir relativ schnell erkannt und entschieden, dass es nur einen Weg geben kann, nämlich keine stadtwerkeeigene Sonderlösungen auszuprägen, sondern auf Basis der bereits eingesetzten Software Standardauswertungen aufzubauen. So konnten wir für den Gasbereich rechtzeitig den ersten Vorauszahlungsantrag bei der KfW stellen. Der pünktliche Zahlungseingang war der wichtige erste Schritt, Liquidität ins Haus zu bekommen", so Folger.
 
Die Qualität der „Berechnungsgrundlagen“ für die Soforthilfen werde sich nach der Erstellung der Jahresrechnungen herausstellen. "Hier haben sicherlich auch die Firma Wilken und IVU noch ihre Hausaufgaben zu erledigen, um „transparenter“ in den Reports für Kundenrückfragen zu sein", so Folger.

Stück weit im Stich gelassen

Stefan Ebel, Leiter Kundenservicemanagement bei den Stadtwerken fühlte sich bei der Umsetzung der staatlichen Maßnahmen durchausein Stück weit allein gelassen. "Niemand redet über den gewaltigen Mehraufwand, die immense Belastung für die Teams und die zusätzlichen Kosten, die das verursacht. Hinzu kommen die finanziellen Herausforderungen in der Energiebeschaffung. Wenn im Großhandel plötzlich das bis zu Zehnfache bisheriger Preise aufgerufen wird, kann man sich vorstellen, dass es schwierig wird, beispielsweise mit Sicherheiten für die Vorfinanzierung der benötigten Energiemengen. Welche Dimensionen dies in der Kundenbetreuung erreichen kann, war bisher nicht denkbar gewesen."

"Das haben wir in diesem Ausmaß vorher nie erlebt"

Befragt auf Dimensionen bei der Kundenbetreuung, verwies Ebel darauf, dass man schon 2022 durch die Vielzahl verunsicherter Kunden wie von einer Lawine überrollt worden sei. "Die Zahl der Anrufe hat sich mehr als verdoppelt, die Zahl der E-Mails in der Spitze mehr als versechsfacht. Das haben wir in diesem Ausmaß vorher nie erlebt. Und wir können ja nicht einfach neues Personal an Bord holen. Die Themen sind viel zu komplex, als dass ein schnelles Onboarding möglich wäre."

In Zeiten von Fachkräftemangel müsse man mit den vorhandenen Ressourcen klarkommen und bei Ausfall natürlich auch nachbesetzen. Aber man gehe auch andere Wege: "Wir schätzen die Arbeit und Leistung der Kollegeninnen und Kollegen wert und schulen diese auch verstärkt auf Resilienz, um die Arbeitssituation ertragen zu können. Aus der Pandemie sind wir aggressiveres Verhalten, mehr Beschwerden und mehr Widersprüche gewohnt. Doch jetzt kommt die Verzweiflung der Kunden hinzu und auch die Angst, der finanziellen Belastung nicht gewachsen zu sein."

"Überzogene mediale Darstellung"

Ebel beklagt auch, dass die überregionalen medialen, größtenteils überzogenen Darstellungen ein Vielfaches zur Verunsicherung in der Bevölkerung beigetragen habe. Innerhalb der Regierung sei man „gefühlt“ froh, mit den Energieversorgern einen Akteur gefunden zu haben, der völlig unverhältnismäßig sein Geschäft in Richtung Beschaffungsmärkten absichern und betreiben und in Richtung Kunde zugleich als „Erklärbär“ und „Schwarzer Peter“ herhalten müsse.

N-Ergie verschiebt Versand der Anpassungsschreiben auf April

Der große Nürnberger Regionalversorger musste seine Kunden gestern hingegen informieren, dass die Anpassungsschreiben wohl erst im April zugestellt werden. Im Zusammenhang mit der komplexen Anpassung der IT-Systeme sei es auch zu Verzögerungen beim Versenden der Rechnungen und Einschränkungen bei den Online-Services kommen, heißt es in der Pressemitteilung. Man setze alles daran, dass die Entlastung der Kund*innen für die Monate Januar bis März 2023 wie vom Gesetzgeber festgelegt im April erfolgen werde.

Wemag: "Versand der Schreiben in mehreren Wellen"

Der Schweriner Flächenversorger Wemag hingegen kann ebenfalls die Frist für den Versand der Informationsschreiben nicht für alle Kundinnen und Kunden einhalten, schreibt das Unternehmen. Die Kund:innen werden die angepassten Abschlagsanschreiben stattdessen einige Tage später erhalten.

Der Versand der Schreiben erfolge in mehreren Wellen. Auf die fristgerechte Umsetzung der Entlastungen für die Kundinnen und Kunden habe dies keinen Einfluss. Man habe vor allem den Anspruch auf Rechtssicherheit und Verlässlichkeit für alle Kunden.

Erster März-Abschlag wird am 1. April fällig

Nach wie vor ist vorgesehen ist, dass die Wemag-Kundinnen und -Kunden trotz der großen zeitlichen Herausforderungen mit dem Abschlag für den Monat März von den Energiepreisbremsen profitieren. Man ziehe den monatlichen Abschlag für Energietarife in der Regel am ersten Werktag des Folgemonats ein. Der erste durch die Preisbremsen reduzierte März-Abschlag werde also erst am 1. April fällig. Zu diesem Termin wird auch die Entlastung für die Monate Januar und Februar rückwirkend berücksichtigt.
 
„Die Energiepreisbremsen umzusetzen und die Kundinnen und Kunden über ihre konkreten Entlastungsbeträge zu informieren, ist ein zeit- und ressourcenintensives Vorhaben. Qualität und korrekte Berechnung der Entlastungsbeträge sowie der Abschläge für 160.000 Wemag-Kund:innen sind für uns entscheidend. Hierfür benötigen wir spezielle, individualisierte Abrechnungsprogramme, die nur mit Hilfe von externen IT-Dienstleistern erprobt und realisiert werden können. Da aktuell rund 1.500 Versorger deutschlandweit auf diese Ressourcen angewiesen sind, bringt diese Aufgabe sowohl uns als auch unsere IT-Dienstleister an die Belastungsgrenzen“, berichtet Michael Hillmann, Vertriebsleiter der Wemag.

Keine fertige IT-Lösung nach Baukastenprinzip

Eine fertige IT-Lösung nach Baukastenprinzip gibt es für die Umsetzung der Energiepreisbremsen schlichtweg noch nicht und könne es aufgrund der Einmaligkeit dieser Maßnahme auch nicht geben, heißt es weiter. Jeder Versorger arbeitet mit eigenen, teils komplexen Tarifstrukturen für unterschiedlichste Kundengruppen. Auch Sonderfälle sowie Umzüge, Tarif- oder Versorgerwechsel müssen bei der korrekten Ermittlung der Entlastungen und der Umprogrammierung des Abrechnungssystems berücksichtigt werden.

Solch eine völlig neue IT-Lösung dafür zu produzieren, das brauche Zeit. „Leider mehr Zeit, als uns die engen Fristen der Bundesregierung für die Umsetzung der Entlastungsmaßnahme vorgeben. "Eine Maßnahme wie die staatlichen Energiepreisbremsen ist ein Novum für alle Energieversorger, die wir im Sinne unserer Kundinnen und Kunden versuchen, in knapper Zeit optimal umzusetzen“, ergänzt Hillmann. Eine Äußerung, die wohl die gesamte Branche unterschreiben dürfte. (sg/hoe)
 

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