Thomas Rössler leitet bei den Stadtwerken Gießen die Abteilung Informationstechnologien.

Thomas Rössler leitet bei den Stadtwerken Gießen die Abteilung Informationstechnologien.

Bild: © Stadtwerke Gießen

Die Stadtwerke Gießen (SWG) treiben den öffentlichen Personennahverkehr beispielhaft voran. Beispielsweise mit einer Busflotte, die schon seit fast drei Jahren nahezu CO2-neutral unterwegs ist und mit dem vom Bund geförderten Forschungsprojekt NV-ProVi. In dessen Rahmen etablierte Thomas Rössler, Leiter Informationstechnologien bei den SWG, Künstliche Intelligenz (KI) im Unternehmen. Genau das brachte ihm Rang drei bei der Wahl zum CIO des Jahres im Public Sector ein.

„Ein CIO ist nur ein Trendscout. Innovative IT-Lösungen entstehen in einer bereichsübergreifenden Zusammenarbeit“, würdigt Thomas Rössler die effektive Kooperation innerhalb der Stadtwerke und mit dem beteiligten Beratungshaus Brodtmann Consulting. Tatsächlich könne ein solches Projekt nur dann zum Erfolg führen, wenn Spezialisten aus den betroffenen Fachabteilungen ihr Know-how einbringen, so Rössler. Genau das ist bei den SWG passiert.

„Ich sehe meine wichtigste Aufgabe darin, die passende Umgebung für Innovationen zu schaffen und die richtigen Personen zusammenzubringen. Die wahren Helden sind meine Kollegen, die das Projekt aktiv vorantreiben“, bringt es Thomas Rössler auf den Punkt. Ein direkter Draht zum Vorstand und ein grundsätzlich offenes Klima im Unternehmen sind weitere wichtige Parameter für den gemeinsamen Erfolg.
   

Städtischen ÖPNV attraktiver machen

Angefangen hat alles bei einem Hackathon, bei dem die Entwickler von den SWG vorgelegte Daten nutzten, um zu visualisieren, wann und wo die Gießener Stadtbusse im Verkehr Zeit verlieren und deshalb vom Fahrplan abweichen. Viel wichtiger als diese Information war allerdings die Erkenntnis, dass die SWG über jede Menge hilfreiche Daten verfügen, die bis zu diesem Zeitpunkt nicht genutzt werden konnten – etwa zur Auslastung der Fahrzeuge. „Das war die Initialzündung für das Forschungsprojekt NV-ProVi“, erinnert sich Rössler.

Zentrales Ziel von NV-ProVi ist es, den städtischen ÖPNV attraktiver zu machen. „Das erreichen wir, indem wir Fahrgäste mit nützlichen Prognosen in Echtzeit versorgen“, konkretisiert Thomas Rössler. Tatsächlich wird es schon bald möglich sein, auf dem Smartphone abzulesen, wann genau der Bus kommt, wie voll er ist und ob er noch Platz für einen Kinderwagen bietet.

Sicher unterwegs in Pandemiezeiten

Darüber hinaus sind auch Vorschläge für alternative Verbindungen mit freien Sitzplätzen oder zumindest deutlich geringerer Belegung denkbar. Oder anders ausgedrückt: Schnell und leicht zugängliche, in Echtzeit ermittelte und von einer KI aufbereitete Informationen werden die Nutzung von Bussen und Bahnen künftig deutlich bequemer machen.

Und in Pandemiezeiten sogar sicherer. Denn schon jetzt ist eine konkrete Anwendung in reduzierter Form verfügbar: In einer übersichtlichen Grafik zeigen die SWG, wie voll die Busse sind. Für jede Linie, zu jeder Zeit und für jeden Streckenabschnitt. Wer zeitlich flexibel ist, kann sich mithilfe der auf einen Blick überschaubaren Matrix einen eher schwach besetzten Bus suchen und so sein Infektionsrisiko senken.

„Diese technische Innovation hilft uns dabei, das Nahverkehrsangebot zusammen mit den SWG entscheidend zu verbessern. Und so immer mehr Menschen zu überzeugen, auf den Bus umzusteigen“, freut sich Gerda Weigel-Greilich, die im Gießener Rathaus für den Verkehr zuständige Dezernentin, und ergänzt: „NV-ProVi liefert demnach einen wichtigen Beitrag für das Erreichen unseres großen Ziels, die Stadt bis 2035 klimaneutral zu machen.“

Über Gießen hinaus

Weiteres wichtiges Detail: Die Ergebnisse von NV-ProVi beschränken sich nicht nur auf Gießen. Entsprechende Daten vorausgesetzt, lassen sich die Algorithmen natürlich auch in anderen Kommunen einsetzen. Ebendiese Übertragbarkeit ist der Grund dafür, dass das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur NV-ProVi mit 354.418 Euro aus Mitteln der Forschungsinitiative mFUND fördert.

Neben der gewünschten Verbesserung des Nahverkehrsangebots punktet das Projekt auch aus unternehmensstrategischer Sicht: Weil es eindrucksvoll belegt, dass die SWG KI- und Big-Data-Projekte stemmen können, obwohl beides üblicherweise noch immer spezialisierten Start-ups oder Größen aus der IT-Branche zugeschrieben wird, so die Stadtwerke. „Als echtes Leuchtturmprojekt hat NV-ProVi einen Aha-Effekt ausgelöst und so manche Mauer eingerissen“, freut sich Rössler. (sg)

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