Alexander Schoch (links) ist Head of Flexibility bei der Octopus Energy Group und Bastian Gierull verantwortet als CEO von Ocotpus Energy Germany das Deutschlandgeschäft.

Alexander Schoch (links) ist Head of Flexibility bei der Octopus Energy Group und Bastian Gierull verantwortet als CEO von Ocotpus Energy Germany das Deutschlandgeschäft.

Bild: © Octopus Energy/Felix Zimmermann(links)/Richard Boll(rechts)

Herr Gierull, der Smart-Meter-Rollout in Deutschland, läuft er jetzt endlich an?
Bastian Gierull, CEO bei Octopus Energy Germany:
Lange Zeit ist gar nichts passiert, wir lagen ewig unter einem Prozent bei den installierten Geräten. Im europäischen Vergleich waren wir hier schon immer das Schlusslicht. Inzwischen ist Bewegung drin, da hat sich mit der aktuellen Regierung durchaus etwas getan. Viel Regulatorisches ging in die richtige Richtung, so dass es inzwischen überhaupt erst denkbar ist, dass jemand einen Smart Meter bekommt oder attraktiv findet. Wir sind aber immer noch erst bei ein bis zwei Prozent aller Haushalte, die überhaupt mit einem Smart Meter ausgestattet sind. Das ist also noch ein langer Weg, den wir vor uns haben. Wir haben es uns relativ schwer gemacht in Deutschland.

Herr Schoch, haben es die anderen europäischen Länder besser gemacht?
Alexander Schoch, Global Head of Flexibilty bei Octopus Energy: Wenn wir nach Italien schauen, sind die Kollegen schon bei hundert Prozent Abdeckung und auch Frankreich ist schon ein ganzes Stück weiter. Wir haben in Deutschland einfach die komplexeste Art und Weise gewählt, mit dem Thema umzugehen. Unsere Anforderungen an Datenschutz und Datensicherheit sind extrem hoch. Das hat zu einem extrem hohen technologischen Anspruch an diese Systeme geführt, der eigentlich nicht nötig wäre. Wenn diese Anforderungen geringer wären, könnten wir die Geräte schneller und einfacher installieren. Auf der anderen Seite haben wir durch die Dezentralität unseres Strommarktes einen weiteren Blocker. Statt, dass zentral geplant wird, dass jeder Haushalt einen Smart Meter bekommt, muss jeder grundzuständige Messstellenbetreiber den Rollout selbst in die Hand nehmen. Und hier gibt es ganz unterschiedliche Interessen und Ambitionen, diese Themen voranzutreiben – oder eben auch nicht.

Haben Sie denn für Ihre Kunden einen Weg gefunden, wie sie den Rollout beschleunigen können?
Gierull: Mit unseren intelligenten flexiblen Stromtarifen könnten die Kunden perspektivisch viel Geld sparen. Aber solange sie keinen Smart Meter haben, können wir das nicht umsetzen. Normalerweise ist es so, dass die Kundinnen und Kunden den Tarif bei uns beziehen und sich selbst um ihren Smart Meter kümmern müssen. Das ist natürlich weder gut für die Kundinnen und Kunden noch für den Rollout. Deswegen engagieren wir uns in der Smart-Meter-Initiative zusammen mit Tibber, Rabot.Charge, Ostrom und weiteren Supportern. Wir diskutieren mit unseren Marktpartnern schon vor dem offiziellen Rolloutbeginn 2025, wie die Prozesse aussehen sollen und was passiert, wenn wir einen Kunden haben, der einen Smart Meter möchte. Fragen die sich in diesem Zusammenhang stellen, sind: Wie übergeben wir diese Daten? Wie stellen wir sicher, dass die Geräte in einem bestimmten Zeitraum installiert werden?
Wir glauben, dass es noch recht lang dauern wird, bis diese Prozesse stehen, deswegen haben wir entschieden, dass wir das aus eigener Kraft vorantreiben und als wettbewerblicher Messstellenbetreiber jetzt auch Smart Meter verbauen können. Wir haben dazu eigene Installateure, die wir gerade hochskalieren, einstellen und ausbilden, um die Geräte bei unseren Kunden verbauen zu können.

Klingt einfach in der Theorie.
Gierull: Wir können als wettbewerblicher Messstellenbetreiber nicht einfach zu den Kundinnen und Kunden fahren und das alte Gerät herausreißen und ein intelligentes Messsystem verbauen, sondern es laufen hier sehr bürokratische Prozesse ab. Dazu gehört es, die Zähler abzumelden, anzumelden und bis wir überhaupt in der Lage sind, die neuen zu installieren, sind wir auf denjenigen angewiesen, der den Zähler bisher betrieben hat. Es gibt hier gewisse Fristen, bis der grundzuständige Messstellenbetreiber reagieren muss und wir merken, dass in vielen Fällen diese Fristen immer bis zum absoluten Maximum ausgereizt werden, bevor man überhaupt in den Dialog tritt. Wir selbst wären in der Lage, morgen zum Kunden zu fahren und die Smart Meter zu verbauen, aber durch die Bürokratie und die Prozesse, die wir in Deutschland haben, müssen wir teilweise bis zu drei Monate oder länger warten, weil alle Fristen ausgereizt werden.

Herr Schoch, Sie sind bei Octopus Energy ja für Großbritannien zuständig. Läuft es in England anders?
Schoch: Ja, in England ist der Vorsprung schon größer, da wurde das ganze Thema 2011 abgesegnet. In den zehn Jahren sind über 34 Millionen Smart Meter installiert worden und im Einsatz. Die Regierung in UK hatte das Ziel, bis Ende 2024 alle Haushalte und kleine Unternehmen mit Smart Metern auszustatten. Dieses Ziel wird vermutlich nicht erreicht, weil wir Ende vergangenen Jahres bei ungefähr 61 Prozent lagen. Aber schon jetzt können Kunden aus vielen smarten Tarifen auswählen. Zum Beispiel, ob sie in der Nacht für ein paar Stunden ihren Strom beziehen oder am Vormittag, wenn der Strom billiger ist. Andere Tarife wiederum sind mit dem Kurs an den Strombörsen verbunden. Bei Octopus Energy in Großbritannien haben wir jetzt mehr als 6,5 Millionen Kunden und sind vergangenes Jahr über 200 Prozent beismarten Tarifen gewachsen. Ein strukturmäßiger Vorteil auf der Insel ist auch, dass wir ein zentrales Kommunikationsnetzwerk haben und dass die ganzen Daten der jeweiligen Zähler zentral verwaltet werden. Dieses zentrale Netzwerk namens Data Communications Company, funktioniert einwandfrei. Unsere Kunden bekommen einen Smart Meter eingebaut, wenn sie zu Hause eine Solaranlage installieren oder ein Elektroauto besitzen. Und die Nachfrage unserer Kunden steigt Monat für Monat.

Welcher Tarif ist denn der beliebteste bei Ihren Kunden in Großbritannien?
Schoch: Der beliebteste ist der Intelligent Octopus Go, das ist ein dynamischer Tarif für Elektroauto-Fahrer, der zu den grünsten zählt und das meiste CO2 einspart. Netzdienliches Autoladen wird hier mit den Kundenwünschen kombiniert. Wann soll das Auto fertig geladen sein beziehungsweise bei wie viel Prozent soll der Akku voll sein? Dieser Tarif wächst am stärksten und ist am beliebtesten. Wir haben aber zehn verschiedene smarte Tarife am Markt und die sind alle im Einsatz. Das ist unsere Philosophie: Es gibt keinen einen Tarif für alle Kunden, sondern es gibt unterschiedliche Kunden mit verschiedenen Bedürfnissen, die wir auch bedienen wollen. Es ist dasselbe wie mit einem Handy. Man kann fünf Gigabyte zu einem bestimmten Preis beziehen oder 10 Gigabyte samt SMS inklusive Auslandsanrufe. Hier sind auch unterschiedliche Konstellationen möglich.

Wie viele Tarife strebt Octopus Germany an?
Gierull: Wir haben jetzt noch nicht so viele Tarife im Portfolio wie die Kollegen in Großbritannien. Aber wir haben auch den Intelligent Octopus Go, der hier genauso bzw. ähnlich funktioniert. Wir haben einen Tarif für Wärmepumpen, weil wir selbst Wärmepumpen installieren und das von vielen Kunden nachgefragt wird. Und wir haben Tarife für diejenigen, die Smart Meter benutzen. Einen Sondertarif haben wir für Kundinnen  und Kunden, die in der Nähe einer unserer Windkraftanlagen wohnen und die davon profitieren, wenn die Windkraftanlagen viel Energie produzieren. Dann zahlen sie teilweise bis zu 50 Prozent weniger für ihren Strom. Wir erweitern das aber auch regelmäßig, je nachdem, wie sich die Nachfrage entwickelt.

Die Nachfrage nach solchen Tarifen entwickelt sich aber doch eigentlich eher schleppend?
Gierull: Viele Stadtwerke sagen uns, es wäre noch kein Kunde gekommen, der einen Smart-Meter wollte, wozu dann die Tarife? Das ist so, als würde man sagen, es ist noch niemand losgegangen, sich einen Internet-Router zu kaufen, weil er gerne dieses Gerät in seiner Wohnung hätte. Das, was die Menschen wollen, ist doch schnelles Internet. Der Router ist nur ein Stück Hardware, das kaum jemanden interessiert. Analog dazu: Die Menschen wollen einen Tarif, mit dem ich beispielsweise mein Auto lade und weiß, dass ich Geld spare und besonders grün unterwegs bin. Der Smart Meter gehört einfach zu diesem Prozess und wird installiert. Wenn ich zuhause bin und Strom brauche, muss ich auch ein Kabel in meinem Haus verlegen, damit der Strom fließt. Wir müssen also die Diskussion drehen und dann kommen wir schnell zu dem Thema Stadtwerke bzw. grundzuständige Messstellenbetreiber.

Welche Diskussion meinen Sie genau?
Gierull: Es gibt Unternehmen, die zig Kunden in der Grundversorgung haben und teilweise doppelt so viel verlangen, wie die Strompreise am Markt gerade kosten. Und hier haben manche Stadtwerke kein Interesse, dass diese Kundinnen und Kunden einen Smart Meter installieren. Diese Stadtwerke verstehen durchaus, wie wichtig die Smart Meter für die Energiewende sind, sagen aber im selben Atemzug, wir wollen mit unseren Kundinnen und Kunden nicht über Smart Meter sprechen, weil wir nicht über Ersparnisse reden wollen. Bei Smart Metern geht es eben auch immer darum, dass man mit der Flexibilisierung des Stromverbrauchs spart. Und jetzt haben wir eine Partei, die kein Interesse hat, ihren Bestandskunden dieses Produkt anzubieten. Und auf der anderen Seite gibt es die Produkte auf deren Seiten auch noch gar nicht, weil sie auch gar nicht in der Lage sind, intelligente Stromtarife abzubilden. Das sind Blockierer der Energiewende.

Herr Schoch, gibt es denn etwas, was Deutschland besser macht als Großbritannien bei den Smart Metern?
Schoch: Wenn ich mit deutschen Kollegen spreche, gibt es immer Probleme, nie Lösungen. Für mich als Deutscher, der im Ausland wohnt, ist das ehrlich gesagt sehr peinlich. Deutschland war Vorreiter der Energiewende, und jetzt hinken wir so weit hinterher. Deutsche Kundinnen und Kunden haben durch die EEG-Umlage und weitere Umlagen mit am meisten dafür gezahlt und jetzt geht die Wende nicht wirklich voran, was ich sehr schade finde.     

Dafür treibt Ocotopus Energy jetzt aber ein Projekt mit Übertragungsnetzbetreiber Transnet BW voran?
Gierull: Wir wollen uns nicht beschweren, sondern zeigen, was man heute schon machen kann und wo der Weg hinführen kann. Bei der Elektromobilität sehen wir eine extrem große Last auf die Stromnetze zukommen. Und Netzbetreiber machen sich Sorgen, was passiert, wenn alle anfangen, ihr Auto gleichzeitig zu laden, womöglich noch, weil sie durch dynamische Tarife dazu Preissignale bekommen. Wie also soll dann sichergestellt werden, dass das Netz stabil bleibt? Hier haben wir schon Erfahrungen aus Großbritannien, die wir mit unserem Tarif Intelligent Octopus Go machen. Der orientiert sich nicht nur daran, wie günstig gerade der Strom zu welcher Zeit ist, sondern auch daran, wie sehr das Netz belastet ist. Sprich, wann sind gute und schlechte Zeiten, ein E-Auto zu laden. Wir können den Tarif dann so steuern, dass wir solche Signale einbeziehen. In Deutschland brauchen wir diese Signale vom Übertragungsnetzbetreiber bzw. vom Netzbetreiber. Der muss uns sagen, wann Netzengpässe entstehen könnten oder wann eine Überproduktion im Netz stattfindet, erst dann können wir darauf reagieren. Genau das erproben wir gerade mit Transnet BW in in Baden-Württemberg. Wir wollen in dem Pilotprojekt zeigen, dass damit erhebliche Potenziale gehoben werden können und dass das funktioniert.

In Großbritannien funktioniert das schon?
Schoch: Wir steuern eine Last von einem Gigawatt allein durch Elektroautos und Wärmepumpen. Bei Speichern sind es wahrscheinlich ungefähr zwei Gigawatt. Bis Anfang nächsten Jahres verwalten wir damit so viel Leistung wie etwa ein mittelgroßes Atomkraftwerk. Es gibt immer ein paar Dinge, die wir noch optimieren könnten, aber Vieles ist jetzt schon möglich. Alle Technologien und Möglichkeiten existieren schon. Man muss das nicht neu entwickeln, man muss es nur richtig kombinieren.

(Die Fragen stellte Stephanie Gust)

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