Das Hightech-Objekt auf einem rund 9000 Quadratmeter großen Areal im Innovationspark Heiligenhaus erfüllt laut Hochtief PPP Solutions höchste Sicherheitsanforderungen.

Das Hightech-Objekt auf einem rund 9000 Quadratmeter großen Areal im Innovationspark Heiligenhaus erfüllt laut Hochtief PPP Solutions höchste Sicherheitsanforderungen.

Bild: © Hochtief PPP Solutions

Von Stephanie Gust

Immer größer, immer stromintensiver: Während Hyperscaler in den USA und Asien Rechenzentren mit mehreren Hundert Megawatt Leistung errichten – oft so groß, dass sie eigene Kraftwerke benötigen –, ist dies in Europa allein aus Platzmangel und hoher Strompreise nicht in diesen Dimensionen möglich. Hochtief und Thomas-Krenn setzen daher mit Yorizon bewusst auf einen anderen Weg.

Am 11. September eröffnete in Heiligenhaus das erste sogenannte Yexio-Rechenzentrum – klein, modulare Holzbauweise und vollständig mit Ökostrom betrieben. Statt die Netze zu belasten, sollen die Anlagen Abwärme für Schwimmbäder oder Fernwärmenetze liefern und damit auch für Stadtwerke interessant werden.

Bauherr und Betreiber Hochtief, Bewirtschafter Yorizon

Das neue Modell basiert auf drei Unternehmen: Hochtief verantwortet die Planung, Bau und Betrieb, Yorizon steuert die Plattform dazu, und Thomas-Krenn bringt seine Hardware-Expertise ein. Für Hochtief stellt dieses Engagement eine folgerichtige Weiterentwicklung dar. Denn die Konzerntochter Hochtief PPP Solutions realisiert seit vielen Jahren Schulen und andere öffentliche Einrichtungen, wobei sämtliche Phasen von der Finanzierung über die Planung und Errichtung bis hin zum Betrieb und zur langfristigen Erhaltung abgedeckt werden.

"Es braucht in Europa Alternativen zu diesen riesigen Rechenzentrums-Projekten. In Frankfurt zum Beispiel haben Rechenzentren massive Probleme, überhaupt noch genug Strom zu bekommen. Deswegen wurde das Konzept neu gedacht“, erläutert Gernot Hofstetter, Geschäftsführer von Yorizon, den Beginn der Idee im ZfK-Gespräch.


Kleine Einheiten statt Giganten

"Wir sprechen von zwei bis vier Megawatt als Einheiten. Das ist so klein, dass man sie nicht in die Metropole stellen muss, sondern auch in Kommunen, wo nur 10 oder 20 Kilovolt verfügbar sind.“ Das Konzept von Hochtief ermöglicht es, über Deutschland verteilt Infrastruktur aufzubauen. Bislang sind die Rechenzentren in Deutschland so groß, weil es viele verschiedene Kunden mit unterschiedlichen Anforderungen gibt, die bedient werden müssen. 

"Wir haben daher beschlossen, dass wir unsere IT-Infrastruktur-Leistungen über Yexio-Rechenzentren komplett als Cloud-Produkt anbieten. Damit können wir die Hardware selbst bestimmen. Für die Cloud-Software haben wir uns für ein standardisiertes Open-Source-Produkt entschieden, dass man dementsprechend skalieren kann", so Hofstetter.

Was an dem Konzept ganz besonders ist: Die Gebäude werden weitgehend in Holzbauweise errichtet. Auch die Servertechnik ist auf Effizienz ausgelegt: Partner ist der bayerische Hersteller Thomas-Krenn, der seit Jahren auf Wasserkühlung setzt und zu 50 Prozent an Yorizon beteiligt ist. "Mit der sehr wirksamen Kühlung der Server brauchen wir keine aktive Klimaanlage im Gebäude, das macht es super effizient. Es ermöglicht uns, 80 Prozent der aufgenommenen Energie in Form von Wärme wieder abzugeben.“

Abwärme als Chance für Kommunen

Für Stadtwerke eröffnet sich dadurch ein konkreter Nutzen und neue Geschäftsmodelle. "Wir erzeugen bei Vollauslastung vermutlich zehn Gigawattstunden Wärme im Jahr. Das ersetzt ein kleines kalorisches Kraftwerk“, so Hofstetter. In Heiligenhaus wird die Abwärme genutzt, um ein öffentliches Schwimmbad zu beheizen. Am zweiten Standort in Bad Lippspringe bei Paderborn wird das Rechenzentrum direkt an das lokale Fernwärmenetz angeschlossen.

Nachhaltige Energieversorgung

Auch bei der Stromversorgung setzt Yorizon mit den Yexio-Rechenzentren auf Regionalität. "Es werden zu 100 Prozent Ökostrom eingekauft. Wir wollen nicht nur über Zertifikate operieren, sondern wissen, wo der Strom herkommt“, betont Hofstetter. In Heiligenhaus wird das Rechenzentrum fast vollständig mit Strom aus einem nahegelegenen Solarpark versorgt. In Bad Lippspringe soll der Strom direkt aus einem Windpark kommen.

"Für unsere Rechenzentren gibt es eine rigorose Due Diligence: 7500 bis 10.000 Quadratmeter Fläche müssen Bauland sein, wir brauchen 5 Megawatt Stromanschluss mit 10 oder 20 kV, idealerweise mit zwei Umspannwerken für Ausfallsicherheit. Einen Abnehmer für die Abwärme und eine vernünftige, redundante Glasfaseranbindung", erklärt Hofstetter. Nach diesen Kriterien hat Hochtief aktuell 150 Grundstücke evaluiert.

Das Konzept kommt ihm zufolge positiv an, inzwischen würden sich einige Kommunen und Unternehmen melden: "Wir haben eine Fläche, wir wollen ein Rechenzentrum entwickeln, passt euer Konzept dazu?" Momentan sind 15 Standorte in Deutschland budgetiert, weitere in Österreich und der Schweiz sind geplant. "Noch mehr sind möglich, wenn das Konzept entsprechend angenommen wird“, sagt Hofstetter.

Digitale Souveränität durch Open Source

Technisch setzt Yorizon auf den Sovereign Cloud Stack, eine Open-Source-Plattform, die von der Open Source Business Alliance entwickelt wurde. "Digitale Souveränität ist für mich nicht nur Open Source allein, sondern Unabhängigkeit. Souveränität heißt, ich kann als Land Entscheidungen treffen und lokale Investoren fördern“, sagt Hofstetter.

Damit will Yorizon eine Alternative zu den Hyperscalern bieten. "Wenn wir diese Plattform schaffen, haben wir die gleiche Voraussetzung wie ein Hyperscaler, aber mit lokalen, regionalen Investoren. Das ist eine charmante Variante, global und lokal zu kombinieren.“ 

Zertifizierung und Sicherheit

Beim Thema Datenschutz setzt Yorizon auf Transparenz. "Unser Code ist quelloffen. Jeder kann sich anschauen, was wir mit Daten machen, ob die irgendwo hingehen.“ Das 2024 gegründete Unternehmen arbeitet aktuell an den Zertifizierungen nach ISO 27001, 27017, 27018 sowie am BSI C5 – dem Goldstandard für Cloud-Anbieter in Deutschland. 

Dabei gehe man den Prozess nicht wie ein klassisches Start-up an, sondern habe von Anfang an die Zertifizierungen mitgedacht und alle Prozesse dokumentiert und auditieren lassen. Schließlich wolle man so schnell wie möglich in den regulären Geschäftsbetrieb starten.

Geschäftsmodelle für Stadtwerke

Ein Schwerpunkt ist die Zusammenarbeit mit kommunalen Partnern. "Aktuell haben Stadtwerke oft ein Rechenzentrum, das in die Jahre gekommen ist, nicht mehr BSI-zertifizierbar und inzwischen ineffizient ist. Eine Ablöse macht hier durchaus Sinn“, sagt Hofstetter.

Mit dem Rechenzentrum ergeben sich auch neue Geschäftsmodelle: "Einige Stadtwerke haben Software entwickelt, die für einzelne Städte lebensnotwendig geworden ist. Wir ermöglichen es, diese gewachsenen Lösungen in ein Software-as-a-Service-Modell zu überführen. Damit sind sie nicht nur regional verfügbar, sondern deutschlandweit. Für regional tätige Unternehmen eine echte Geschäftschance.“

Europäische Perspektive

Auch allgemein sind Alternativen zu etablierten US-Diensten im Blick. "Mit dem Partner VNC arbeiten wir an einem Software-as-a-Service-Produkt, wo eine Open-Source-Alternative zu Teams, Outlook, Excel und Word auf unserer Infrastruktur gehostet werden kann. Es funktioniert wie bei Microsoft: Als  Unternehmen melde ich mich an, habe 500 Mitarbeiter, bekomme Lizenzen und habe eine Alternative zu Google Workspace oder Microsoft 365.“

KI als Treiber

Ein weiterer Schwerpunkt von Yorizon ist Künstliche Intelligenz. "Wir sagen: KI muss demokratisiert sein, darf nicht in die Hände von Großmächten oder einzelnen großen Unternehmen geraten“, so Hofstetter. Sein Unternehmen setzt auf die Anwendung bestehender Modelle, nicht auf das Training. Proof-of-Concepts mit Partnern laufen bereits.

"Ein Unternehmen oder die öffentliche Hand kann ihre Daten in unser digital souveränes Rechenzentrum bringen und dann Use Case-abhängig verschiedene Modelle in Reihe schalten“, erklärt Hofstetter. "Wir können einen Chatbot oder KI-Agenten anbieten, die ermöglichen, alte Daten von Gemeinden zu berücksichtigen, Prozesse zu beschleunigen, damit Kommunen ihren Bürgerservice optimieren können.“
 

Hyperscaler vs. Yexio

Während Hyperscaler wie Amazon, Microsoft oder Google Rechenzentren mit mehreren Hundert Megawatt Leistung betreiben – einzelne Standorte in den USA überschreiten sogar die Marke von 1000 Megawatt und benötigen eigene Kraftwerke –, setzen Hochtief und Thomas-Krenn mit Yorizon auf ein anderes Konzept. Statt gigantischer Anlagen entstehen mit den YEXIO-Rechenzentren modulare Einheiten von zwei bis vier Megawatt, die sich in bestehende kommunale Netze integrieren lassen.

Hyperscaler profitieren in den USA und Asien von günstigen Strompreisen, großen Flächen und lockeren Genehmigungsauflagen. In Europa dagegen will Hochtief die Standorte bewusst klein halten, sie in Holzbauweise errichten und mit regionalem Wind- und Solarstrom versorgen. Ziel ist es, digitale Souveränität zu stärken, Abwärme nutzbar zu machen und Stadtwerken neue Kooperationsmöglichkeiten zu eröffnen.

Lesen Sie weiter mit Ihrem ZFK-Abonnement

Erhalten Sie uneingeschränkten Zugang zu allen Inhalten der ZFK!

✓ Vollzugriff auf alle ZFK-Artikel und das digitale ePaper
✓ Exklusive Analysen, Hintergründe und Interviews aus der Branche
✓ Tägliche Branchen-Briefings mit den wichtigsten Entwicklungen

Ihr Abonnement auswählen

Haben Sie Fehler entdeckt? Wollen Sie uns Ihre Meinung mitteilen? Dann kontaktieren Sie unsere Redaktion gerne unter redaktion@zfk.de.

Home
E-Paper