Herr Drausnigg, die Stadtwerke Stuttgart sind umgezogen. Und zwar in die Kesselstraße 23 in eine hochmoderne Zentrale. Aber es handelt sich dabei gar nicht um ein neues Gebäude, sondern um ein altes?
Ja, wir haben einen Standort gesucht, an dem wir die Stadtwerke mit ihrer Netztochter zusammenbringen. Allerdings ist es in einer Großstadt wie Stuttgart mit wenig Fläche äußerst schwierig, zentral etwas Passendes zu finden. Zum Glück hatten wir – noch vor meiner Zeit – ein Gebäude entdeckt, an dem wir alle Mitarbeitenden der Netze Stuttgart und der Stadtwerke und alles was damit zu tun hat, unter einem Dach vereinen wollten. Das sind mittlerweile rund 700 Mitarbeitende. Das Gebäude in der Kesselstraße ist 40 Jahre alt und vermutlich würde jeder andere das neu bauen. Aber wir haben gesagt, wir schaffen es, ein Bestandsgebäude umzuwandeln, so dass es klimaneutral wird.
Und wie hat das funktioniert?
Es war eminent wichtig, dass wir vorher analysiert haben, welche Energiebedarfe und -verluste das Gebäude hat; und auch, wo und wie können wir Strom erzeugen können. Das mussten wir erst einmal messbar machen. Und deswegen haben wir uns entschieden, gemeinsam mit Siemens die Gebäudedaten zu erheben. Gleichzeitig haben wir einen sogenannten Mobilitätshub gebaut, das ist im Grunde ein großes Parkhaus, das komplett elektrifiziert ist und dessen Fassaden und Dach komplett aus Photovoltaik bestehen. Siemens lieferte die Gebäudetechnik. Das ist ja bekanntlich nicht das Spezialgebiet von Stadtwerken. Durch die smarte Gebäudetechnik wissen wir also künftig alles, was hier im Gebäude passiert.

Hinter dem EnergieCampus verbirgt sich der neue Unternehmenskomplex der Stadtwerke Stuttgart-Gruppe in der Kesselstraße 23 in Stuttgart-Wangen. Ein Ort des Zusammenkommens und der Zukunftsgewandtheit.

In der dort modern gestalteten Arbeitswelt kommen rund 1.500 Internet-of-Things-Sensoren für bedarfsgerechte Beleuchtung sowie optimierte Raum- und Flächennutzung zum Einsatz.
Welche Daten erheben Sie?
Hier kommen wir zum Stichwort digitaler Zwilling: Mit Hunderten von Sensoren sammeln wir Daten zu Wärme, Strom sowie Nuzungsverhalten und koppeln diese mit anderen verbrauchsrelevanten wie Wetterdaten. Diese werten wir aus und prognostizieren, unter anderem auch durch Einsatz Künstlicher Intelligenz, wie die Energieflüsse morgen aussehen werden. Und gleichzeitig schauen wir mit unserer Stadtwerke-Kompetenz auf den Energiemarkt und überlegen, wie dort morgen die Situation aussehen wird: Wann gibt es Phasen und Zeitpunkte, zu denen Energie besonders günstig ist? Wir haben am Standort über 200 Fahrzeuge und können diese dann aufladen, wenn besonders viel Energie im Netz ist, so dass keine Windräder abgeregelt werden müssen. Durch die intelligente Vernetzung von Energiewirtschaft und smarter Gebäudetechnik können wir das Energiemanagement optimieren. Bei uns heißt es also: Gebäudetechnik meets Energiemarkt.
Die Stadtwerke steuern also das Wissen für den Energiemarkt bei?
Ja, der große Charme des Gebäudes liegt tatsächlich in der Verknüpfung mit den energiewirtschaftlichen Systemen, weil wir dann einen eigenen Bilanzkreis schaffen konnten, in dem auch Anlagen hinzugefügt, herausgenommen oder durch Speicher ergänzt werden können. Und wir können hier auch das Naturangebot optimal nutzen.
Apropos Naturangebot, die Stadtwerke wollen komplett klimaneutral werden?
Unser Ziel ist es, dass wir am Standort schnellstmöglich komplett erneuerbar werden wollen. Schon jetzt können wir 80 Prozent unserer Wärme aus einem Abwasserkanal beziehen und wollen auch hier die Daten verfolgen und auswerten. Aus den Ergebnissen leiten wir ab, wie groß ein künftiger Speicher für die Abwasserwärme sein muss, damit wir Spitzen daraus bedienen können. Denn aktuell nutzen wir noch einen Fernwärmeanschluss für Spitzenlasten. Aber wir wollen so schnell wie möglich keine fossilen Energien mehr nutzen.
Das Konzept ist sicherlich auch spannend für die Wohnungswirtschaft?
Das ist der zweite Schritt, deshalb leben wir das an unserer eigenen Immobilie vor. Wir haben über 1000 Messpunkte im ganzen Haus. Alle Energieflüsse dort können als digitaler Zwilling abgebildet werden. Und das können wir auch grafisch vorzeigen, denn sicherlich haben Industrieunternehmen oder andere Firmen die gleichen Probleme wie wir. Und in unserer EnergiePlaza, unserem neuen Kundencenter, können sie erfahren, wie man so etwas löst. Auf unsere EnergiePlaza bin ich besonders stolz. Dort können alle, die uns besuchen, die Energiewende buchstäblich erleben.
Könnten Sie das genauer beschreiben?
Wir haben dort zum Beispiel einen Wärmewenderechner. Auch zeigen wir, wie eine Wärmepumpe funktioniert, wir können das alles auf einer hochauflösenden Videoleinwand darstellen – auch für größere Gruppen. Außerdem zeigen wir Entwicklungen in der E-Mobilität auf – und dies alles in einer gemütlichen Café-Atmosphäre. Es ist doch so: Eine Wärmepumpe ist kein Strom-Liefervertrag, den man schnell online abschließen will und jeden Monat 50 bis 60 Euro zahlt. Wir sprechen hier von einer Größenordnung, die fünfstellig ist. Das schließt niemand online ab, da will man sich persönlich informieren, auch ob noch ein Speicher dazu soll. Deswegen haben wir unser Kundencenter so konzipiert, dass sich unsere Kunden nicht nur fachlich aufgehoben, sondern auch wohlfühlen. Wir wollen hier einen anderen Weg gehen und das Thema Energiewende emotionalisieren, die Leute sollen gern und überzeugt investieren.
Was heißt das genau?
Viele Menschen verbinden mit Energiewende und Klimaschutz immer nur Verzicht: Ich muss kälter duschen, ich darf kein Auto mehr fahren, ich sollte aufs Flugzeug verzichten. Bei den Stadtwerken Stuttgart erleben unsere Kunden, dass sie an Lebensqualität gewinnen. Wir wollen die positiven Aspekte von Wärmepumpe, PV oder Dämmung demonstrieren.

Willkommen im EnergiePlaza der Stadtwerke Stuttgart.
Bild: © Stadtwerke Stuttgart
Hier werden komplizierte Themen anschaulich erklärt.
Bild: © Stadtwerke StuttgartStuttgart will bis 2035 klimaneutral sein?
Ja, das heißt wir haben jetzt ein bisschen mehr als zehn Jahre vor uns – es ist ein sehr großes Ziel, das sich die Stadt gesetzt hat. Wir als 100-prozentige Tochter spielen einen wichtigen Part bei der Umsetzung. Wir verstehen uns daher auch als Motor der Energiewende. Der sind wir auch, denn als Stadtwerke Stuttgart-Gruppe werden wir den größten Einzelbeitrag zum Klimaziel der Stadt beitragen. Wir wollen durch unsere Aktivitäten bis zu einem Viertel der gesamten CO2-Emissionen der Stadt reduzieren.
Wie wollen Sie das angehen?
Die Wärmewende ist ein wichtiger Hebel für die Zielerreichung: Wir Stadtwerke setzen bei der Wärmeversorgung zum Beispiel rein auf das Thema Umweltwärme und gehen hier von den niedrigen zu den hohen Temperaturen. Sprich von der Umgebungstemperatur zur Warmwassertemperatur. Das betrifft Abwasserwärme, Geothermie oder die Luft als Wärmequelle – Luft-Wärmepumpen spielen deshalb zum Beispiel eine große Rolle bei uns. Bei einem Projekt nutzen wir auch Abwärme aus einem Rechenzentrum. Wir prüfen aber auch, ob es weitere Wärmequellen gibt. So sind wir auch an die kommunale Wärmeplanung gegangen und haben bereits einige Projekte identifiziert, wo wir auch kleine Nahwärmenetze aufbauen können. Für die grüne Stromversorgung investieren wir weiter in Windparks und Photovoltaikanlagen. Für die Mobilitätswende bauen wir ein dichtes komfortables Ladenetz auf.
Setzen Sie die Planungen zur kommunalen Wärmeplanung jetzt schon um?
Die kommunale Wärmeplanung ist ja eher eine Strategieplanung der Kommune. Dort wird überlegt, was in den nächsten zehn Jahren umgesetzt werden könnte. Das hilft dem Häuslebauer, der in den nächsten zwei Jahren seine Heizung auswechseln muss allerdings wenig. Wir haben hier einen digitalen Prozess entwickelt, bei der Verbraucher online prüfen können, ob sich eine Wärmepumpe rentiert und wie hier die einzelnen Schritte aussehen. Dieses Tool wird inzwischen zunehmend genutzt und bietet sich auch für Wohnungsbaugesellschaften an. Mit einer Wärmepumpe als Containerlösung können auch mehrere Mehrfamilienhäuser gut versorgt werden. Darin sehen wir durchaus auch ein Geschäftsmodell für Stadtwerke. Wir realisieren gerade erste Pilotprojekte mit solchen Containerlösungen.
Sie investieren aber auch beim Thema Wasserstoff?
Wir haben in Stuttgart einen Hafen, der gerade einmal 300 Meter von unserem neuen Gebäude entfernt ist. Deswegen haben wir uns am Stuttgarter Hafen ein Grundstück gesichert und wollen dort hochreinen Wasserstoff aus überschüssigem Erneuerbaren-Strom erzeugen. Neben den Elektrolyseuren werden wir gemeinsam mit unseren Projektpartnern auch eine Pipeline bauen, so dass wir Industrie, Speditionen und Busverkehrsgesellschaften gut mit Wasserstoff beliefern können. Denn die Nachfrage nach hochreinem Wasserstoff in der Industrie, Gewerbe und auch für unsere Wasserstoffbusse in Stuttgart ist enorm hoch. Geplant ist aktuell, dass wir mit vier Elektrolyseure bis zu 1000 Tonnen Wasserstoff pro Jahr erzeugen und Erfahrung sammeln. Die Größenordnung ist natürlich nicht vergleichbar mit dem Hamburger Hafen, aber für unsere Region ist das durchaus schon ganz gut.

Im Mobilitäshub sind Sharing-Fahrzeuge und Ladestationen für Elektrofahrzeuge untergebracht. Zudem sorgen 554 Solarmodule für klimafreundlichen Strom, der durch intelligente Steuerung optimal genutzt wird.
Bild: © Stadtwerke Stuttgart / Jan Böttinger