Wie grüne Innovationen funktionieren können: Den ersten Radweg mit Photovoltaik-Überdachung in Deutschland hat die Stadt Freiburg in Kooperation mit Badenova-Wärmeplus gebaut.

Wie grüne Innovationen funktionieren können: Den ersten Radweg mit Photovoltaik-Überdachung in Deutschland hat die Stadt Freiburg in Kooperation mit Badenova-Wärmeplus gebaut.

Bild: © Badenova

Bild: © PwC Deutschland

Von:
Prof. Jürgen Peterseim
Peterseim ist Senior Manager bei PwC Deutschland in Berlin und außerordentlicher Professor für Nachhaltigkeit an der University of Technology in Sydney, Australien. Seine Erfahrung reicht von fossil gefeuerten Anlagen über Energieeffizienz bis zu erneuerbaren Energien für Strom, Wärme und Kälte. Bei PwC berät er Unternehmen auf ihrem Weg zu Net Zero.

Autos schlängeln sich langsam durch den zähen Innenstadtverkehr, vorbei an lärmenden Großbaustellen und hell beleuchteten Bürotürmen – am Horizont steigen Wolken aus massiven Industrieschornsteinen. So sieht es um sieben Uhr morgens in vielen unserer Großstädte aus. Nirgendwo sonst sind die Ursachen des Klimawandels so sichtbar wie hier.

Denn in unseren Metropolen sind die unterschiedlichen Emissionsquellen zentral gebündelt. Verkehr, Energiesektor, Industrie, Infrastruktur, Gebäude – Bereiche, die durch die richtigen Synergien deutliches Einsparpotenzial bieten. Drei deutsche Modellprojekte zeigen, wie die Wende in den Städten gelingen kann – und warum sich grüne Investitionen in städtische Infrastrukturen auszahlen.

Kreative Ideen gefragt

Weltweit leben 57 Prozent der Menschen in Städten, in Deutschland knapp 78 Prozent – Tendenz steigend. Als gesellschaftliche und demografische Knotenpunkte sind sie einer der größten CO2-Emittenten. Umso wichtiger ist es, diese Lebensräume nachhaltig zu gestalten und Emissionen aktiv einzudämmen. Dazu braucht es neben den finanziellen Mitteln vor allem kreative Ideen und Lösungsansätze.

Ein Beispiel: Die Kupferhütte Aurubis in Hamburg. Aktuell entsteht dort Deutschlands größtes, durch Industriewärme betriebenes Heizungsnetz. Die in der Kupferproduktion entstehende, industrielle Abwärme speist die Hütte in eine neu gebaute Fernwärmeleitung. Anstatt fossile Brennstoffe zu verbrennen, stammt die Wärme also aus dem chemischen Prozess der Kupfergewinnung. Ab Winter 2024 lassen sich auf diese Weise 20.000 Hamburger Haushalte mit CO2-freier Wärme versorgen. Das bedeutet zugleich eine jährliche CO2-Einsparung von bis zu 100.000 Tonnen.

Mobilität neu gedacht

Deutliche Einsparungen im öffentlichen Verkehr verspricht auch ein Modellprojekt aus dem Großraum Frankfurt. Um den Umstieg vom Auto auf den Zug attraktiver zu gestalten, setzt der Rhein-Main-Verkehrsbund (RMV) gemeinsam mit Partnern aus Politik, Verkehrsunternehmen und Dienstleistern auf Wasserstoffzüge. Auf vier Linien soll im Taunus die weltweit größte Wasserstoff-Zugflotte fahren. Angetrieben durch eine Wasserstoff-Brennstoffzelle, die elektrische Energie erzeugt, stoßen die Züge lediglich Wasser aus. Betankt werden sie auf dem Industriepark Frankfurt-Höchst, wo bei der Herstellung von Chlor Wasserstoff als Nebenprodukt entsteht.

Und auch beim emissionsfreien Fahrradfahren gibt es noch Möglichkeiten der Energiegewinnung: Auf Deutschlands erstem Solar-Radweg in Freiburg finden sich auf 300 Metern Länge insgesamt 912 Photovoltaik-Module, die jährlich rund 280.000 kWh Ökostrom erzeugen. Das entspricht einem Jahresstrombedarf von mehr als 180 Personen. Das Fraunhofer Institut für Solare Energiesysteme (ISE) möchte mit dem Forschungsprojekt eine technisch skalierbare Dachkonstruktion entwickeln, um die Nutzung freier Flächen im urbanen Raum für die klimaneutrale Stromproduktion zu demonstrieren.

Kreativität trifft auf Regulatorik

Die drei genannten Beispiele zeigen, dass in Sachen Energiewende vieles möglich ist, wenn der Mut besteht, in kreative Ideen zu investieren. In Zukunft wird kein Weg daran vorbeiführen, Energie effizienter zu nutzen. Umso lohnender ist es, gegebene Technologien weiterzuentwickeln, um als Gemeinde die Emissionen einzugrenzen und damit die örtliche Lebensqualität zu erhöhen. Ebenso sind die Städte in der Pflicht, durch klare Regeln und eine offene Kommunikation mit den örtlichen Entscheidern aus Industrie, Verkehr und Energiewirtschaft die grüne Wende voranzutreiben. Denn die Vergangenheit hat gezeigt, dass es gemeinsame Vorgaben und Standards braucht, um die gesetzten Nachhaltigkeitsziele zu erreichen.

Zwar gilt Deutschland als Vorreiter bei der Entwicklung innovativer Technologien, bei der Umsetzung droht es allerdings den Anschluss zu verlieren. Hier sind auch Industrie und Ausbildungsbetriebe gefragt, schnell zu handeln und die Fachkräfte zu schulen, die demnächst die tiefgreifenden Maßnahmen in der Praxis realisieren sollen. Und der Einsatz lohnt sich mehrfach. Die Transformation zur grünen Stadt steigert nicht nur die allgemeine Lebensqualität einer Stadt und wirkt sich langfristig positiv auf das Stadtklima aus. Mit nachhaltigen Zukunftskonzepten überzeugen Städte auch als attraktiver Wirtschaftsstandort, der Sicherheit und Resilienz ausstrahlt.

Kleine Schritte, große Wirkung

Damit die Energiewende flächendeckend erfolgt, müssen Städte nachhaltige Maßnahmen aktiv priorisieren. Neben Projekten wie den oben genannten gibt es grundlegende Aufgaben, die sich implementieren lassen. Elektrisch betriebene Wärmepumpen, die Reduktion der Beleuchtung und die verbesserte Isolierung von Gebäuden sind hier nur drei Vorschläge, die mit vergleichsweise einfachen Mitteln großes Potenzial zur CO2-Reduktion bieten. Ebenso wichtig ist der Ausbau und die Dekarbonisierung des ÖPNV. Elektrische Busflotten und die Förderung der Elektromobilität im Individualverkehr wären hierbei sinnvolle Ansatzpunkte. Und nicht zuletzt sind es alternative Brennstoffe und ein gut ausgebautes Fernwärmenetz in der Stadt, die dazu beitragen, den CO2-Fußabdruck deutlich zu senken.

Es liegt in der Hand der Städte, Potenziale zu nutzen und Wege zu mehr Nachhaltigkeit zu finden. Dabei helfen Tools wie das Pathways-to-Paris-Transformationstool von WWF und PwC Deutschland ebenso wie das Climate Excellence Tool. Wichtig ist, dass sich Städte ihrer entscheidenden Rolle in der Energiewende bewusst sind und aktiv werden. (sg)

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