Im Katastrophenfall noch schnell eine neue App installieren? Matthias Berg hält das für wenig wahrscheinlich. "Das Letzte, was die Leute in dieser Situation machen, ist sagen: Ich gucke jetzt schnell in den App Store, was es für coole Katastrophen-Apps gibt." Der Leiter der Abteilung Smart City Design am Fraunhofer-Institut für Experimentelles Software Engineering IESE in Kaiserslautern will deshalb auf Anwendungen aufbauen, die Menschen bereits im Alltag nutzen.
Stadtwerke könnten dafür ihre digitale Infrastruktur und ihr Wissen über Versorgungsnetze einbringen. Manche betreiben bereits kommunale Plattformen oder haben eine Stadt-App eingeführt. Zugleich verfügen Versorger über Informationen zu Leitungsnetzen und kritischen Anlagen, die für die Lagebewertung im Krisenstab wichtig sein können. Berg regt an, gemeinsam mit der Kommune zu prüfen, wie sich vorhandene Systeme auch für den Bevölkerungsschutz nutzen lassen.
"Da, wo Kommune und Stadtwerke ein starkes Team bilden, auch im Bereich der Digitalisierung, läuft es mit Smart City eigentlich immer am besten", beschreibt er seine Erfahrungen im ZFK-Gespräch. Welche Rolle ein Stadtwerk übernehmen könne, hänge allerdings von seinen Aufgaben und Kompetenzen ab. Nicht jeder Versorger betreibt kommunale Plattformen oder verfügt über das dafür erforderliche Fachwissen.
Vorhandene Apps weiterverwenden
Ein Ansatzpunkt sind kommunale Apps. Im Alltag bündeln sie Nachrichten, Veranstaltungshinweise oder digitale Dienste. Für die Krisenvorsorge könnten sie zusätzlich Informationen vermitteln und im Ernstfall helfen, Unterstützung in der Nachbarschaft zu organisieren.
Für die Warnung der Bevölkerung bestehen bereits etablierte Strukturen. Dazu gehören Warn-Apps wie Nina und Katwarn sowie Meldungen über Radio, Fernsehen, Sirenen und Cell Broadcast. Über Letzteres lassen sich Warnungen direkt auf kompatible Mobiltelefone senden, ohne dass eine App installiert sein muss. Kommunale Apps könnten diese Wege ergänzen.
Eine solche Verbindung wurde zum Beispiel beim Bayernfunk geschaffen. Die unter Beteiligung des Fraunhofer IESE entwickelte Kommunikationsplattform Katwarn. Inzwischen wird sie gemeinsam mit dem Dorffunk unter dem Namen "StadtLand.Funk" von der Smartes Land GmbH weitergeführt. Auch die Nachfolgeanwendung verbindet kommunale Informationen und den Austausch unter Einwohnern mit Katwarn-Meldungen.
Weiteres Potenzial sieht Berg bei der Vorbereitung auf Krisen und bei der Selbsthilfe. Aus seiner Sicht liegt der Fokus des Bevölkerungsschutzes bislang stark auf den Einsatzorganisationen und deren Ausstattung. Weniger Aufmerksamkeit erhalte die Frage, wie Menschen sich vorbereiten und gegenseitig unterstützen können.
"Wie können wir die Leute befähigen, vorbereitet zu sein und sich auch im Katastrophenfall selbst zu helfen, damit sie wissen, was zu tun ist?", fragt Berg. Wer eine kommunale App regelmäßig nutzt, könnte dort frühzeitig Informationen zur Vorsorge erhalten.
Auch die Fähigkeiten und Ressourcen der Bevölkerung möchte er stärker einbeziehen. Bei einem Hochwasser könnten Menschen über eine App beispielsweise klären, wer vorübergehend jemanden aufnimmt. Nach dem Ereignis ließen sich Hilfsangebote für Aufräumarbeiten vermitteln.
Infrastrukturwissen für den Krisenstab
Während eine App vor allem die Kommunikation mit der Bevölkerung unterstützen könnte, geht es bei digitalen Werkzeugen für den Krisenstab um die Lagebewertung. Hier sieht Berg einen weiteren möglichen Beitrag der Stadtwerke: ihr Wissen über die Versorgungsinfrastruktur.
Wo verlaufen Leitungen? Wo befinden sich kritische Punkte? Und welche Informationen stehen dem Krisenstab zur Verfügung? Digitale Leitungskataster könnten dafür eine Grundlage bilden. Kommune, Krisenstab und Stadtwerke sollten nach Bergs Vorstellung gemeinsam klären, welches Wissen sie benötigen und wie sie darauf zugreifen können.
Dabei ist der Schutz sensibler Informationen eine Voraussetzung. Daten über Versorgungsnetze gehören nicht automatisch in den öffentlich zugänglichen Teil einer kommunalen Anwendung. "Wer sollte was wissen dürfen; wer muss was wissen?", benennt Berg die Fragen, die zunächst organisatorisch beantwortet werden müssen.
Technisch ließen sich unterschiedliche Zugriffsrechte über ein Rollen- und Rechtemanagement abbilden. Berg verweist dafür auf Erfahrungen mit digitalen Zwillingen. Ihm zufolge lassen sich damit interne Bereiche für Fachleute von öffentlich zugänglichen Informationen trennen.
Daten zusammenführen und Risiken erkennen
Urbane digitale Zwillinge bilden Strukturen und Prozesse einer Stadt digital ab. Je nach Anwendung führen sie beispielsweise Geodaten, Informationen über Energieflüsse oder Umweltmesswerte zusammen. Fachleute können die Daten für Analysen und Simulationen nutzen.
Für den Bevölkerungsschutz könnten solche Modelle helfen, Risiken einzuschätzen und Entscheidungen vorzubereiten. Berg nennt etwa Anwendungen für Starkregen und Überflutungen. Ausgewählte Informationen könnten auch Einwohnern zugänglich gemacht werden, beispielsweise Karten über örtliche Risiken.
Ein Forschungsbeispiel des Fraunhofer IESE ist der Waldzwilling "ForestTwin X". Der Prototyp nutzt Standort-, Boden- und Wetterdaten, um Baumstress zu simulieren. Nach Angaben des Instituts wird er weiterentwickelt, um physikalische Simulationen mit datengetriebenen Analysen zu verbinden.
Berg hält es für denkbar, solche Daten künftig auch zur Einschätzung von Waldbrandrisiken zu nutzen. Dabei unterscheidet er zwischen einem Werkzeug für Fachleute und einer Warnung an die Bevölkerung: Ein Modell könne zunächst Hinweise auf eine kritische Lage liefern, die zuständige Stellen bewerten. Daraus folge nicht automatisch eine öffentliche Warnung.
Aufwand und Nutzen abwägen
Berg warnt davor, digitale Zwillinge als bereits flächendeckend verfügbare Standardtechnik zu betrachten. Ihr Aufbau verlangt Daten, Fachwissen und personelle Ressourcen. "Das ist nichts, was man irgendwo im Regal bekommt", betont er.
Ob eine Kommune ein solches System benötigt, lässt sich für ihn nicht pauschal beantworten. Zunächst müsse sie klären, welche Aufgabe sie damit bearbeiten will und welche Kompetenzen vorhanden sind. Gerade kleinere Kommunen könnten den Aufwand durch Zusammenarbeit reduzieren. "Mit Kooperationen kann man es wesentlich einfacher stemmen", erläutert Berg. Gemeinsame Lösungen auf Kreis- oder Landesebene könnten dafür Grundlagen bereitstellen.
Für Stadt-Apps empfiehlt er ebenfalls, vorhandene Angebote zu prüfen. Es gebe sowohl Open-Source-Komponenten als auch kommerzielle Lösungen. "Eigentlich muss man in dem Bereich nichts Eigenes mehr bauen." Stattdessen könnten Kommunen und Stadtwerke geeignete Anwendungen anpassen und gegebenenfalls um Funktionen für den Bevölkerungsschutz erweitern.
Wenn Strom und Internet ausfallen
Der Nutzen einer App hängt davon ab, dass Menschen sie im Ernstfall erreichen können. Fallen Strom, Mobilfunk oder Internet aus, braucht es andere Kommunikationswege und Anlaufstellen. Berg nennt Katastrophenschutz-Leuchttürme: Orte, an denen Menschen persönlich Informationen und Unterstützung erhalten können.
Daneben werden technische Alternativen erprobt. Im Berliner Pilotprojekt "Kiezbox 2.0" entwickelte zum Beispiel die Technologiestiftung Berlin ein stromautarkes lokales Kommunikationsnetz. Solar- und batteriebetriebene Boxen sollen bei einem Ausfall ein Notfall-WLAN ermöglichen. Im Alltag erfassen sie Umweltdaten.
Bei einer Krisenübung im Juni 2025 wurden die Prototypen unter simulierten Ausfallbedingungen getestet. Damit war laut Stiftung die Machbarkeitsprüfung abgeschlossen. Einsatzmöglichkeiten im Regelbetrieb sollten anschließend geprüft werden.
Für eine gemeinsame Anwendung sollten Kommune und Stadtwerk nach Bergs Empfehlung zunächst vorhandene Lösungen prüfen und festlegen, welche Aufgaben sie erfüllen soll. Ebenso sei zu klären, wie Finanzierung, Betrieb und Zuständigkeiten dauerhaft organisiert werden: "Wer zahlt? Wer betreibt es? Lässt man das gemeinsam von einer dritten Stelle betreiben? Können die Stadtwerke das vielleicht für die Stadt betreiben?"