Von Andreas Lorenz-Meyer
Diese 2,4 Kilometer lange Wärmeleitung wird eine besondere sein: Sie verbindet, wenn sie fertiggestellt ist, eine Energieerzeugungsanlage im deutschen Görlitz mit einer Anlage im polnischen Zgorzelec. Die Trasse ist Teil des Projekts United Heat. Die Städte planen, ihre fünf separaten Fernwärmegebiete bis 2030 zusammenzuschließen und dafür insgesamt zwölf Kilometer neue Leitungen zu bauen.
Zudem soll der Wärmesektor dekarbonisiert werden. An Stelle der vier Erdgas-Blockheizkraftwerke auf deutscher und des Braunkohleheizwerks auf polnischer Seite tritt ein Verbund erneuerbarer Energieträger: Biomasse (Holzhackschnitzel, Biomethan), Solarthermie und Umweltwärme (vor allem Seethermie). So sollen die Treibhausgasemissionen von derzeit 50.000 Tonnen CO2-Äquivalent pro Jahr auf Null sinken.
Gemeinsame Stadtratssitzungen und Veranstaltungen
Grenzüberschreitende klimaneutrale Fernwärme – Görlitz und Zgorzelec sind die idealen Kommunen für den ehrgeizigen Plan. 1998 erklärten sie sich zur Europastadt, seitdem gibt es eine enge Partnerschaft mit gemeinsamen Stadtratsitzungen und Veranstaltungen. 2020 folgte der nächste Schritt: Görlitz‘ Oberbürgermeister Octavian Ursu (CDU) und Zgorzelecs Bürgermeister Rafał Gronicz von der EU-freundlichen Platforma Obywatelska unterzeichneten die Absichtserklärung zur Wärmenetz-Verschmelzung. Diese in die Tat umzusetzen ist Aufgabe der beiden Energieversorger, der Stadtwerke Görlitz mit Mehrheitsgesellschafter Veolia und des polnischen Wärmeversorgers SEC Zgorzelec mit der Muttergesellschaft Eon EIS Poland.
80 Prozent Förderquote
Matthias Block, Vorstandsvorsitzender der Stadtwerke, war als überzeugter Europäer von Anfang an Feuer und Flamme für das Projekt, das jedoch hohe Finanzierungshürden nehmen muss. Die Gesamtkosten betragen mindestens 195 Millionen Euro, so Block. Den Großteil davon, 158 Millionen, stemme Görlitz.
"Angesichts dieses großen Investitionsvolumens ist eine Förderquote von mindestens 80 Prozent unerlässlich. Nur so können wir die Projektumsetzung in vollem Umfang gewährleisten und gleichzeitig die künftige erneuerbare Wärme zu sozialverträglichen Preisen anbieten." Die Wärme soll nicht teurer werden als heute.
Die Mittel aus Deutschland sind zum Teil bewilligt. Im September 2024 gab es grünes Licht für die Förderung nach Modul 1 der Bundesförderung für effiziente Wärmenetze, der Antrag nach Modul 2 folgt. Eine EU-Förderung gibt es auch.
Komplexe Beantragungs-Modalitäten
Da fällt United Heat in den Bereich des Programms CEF CB RES, Connecting Europe Facility, Cross Border Renewable Energy Sources, erklärt Stadtwerke-Prokurist Sacha Caron. Er gehört zum deutsch-polnischen Team, das sich um die Akquise kümmert. CEF CB RES sei ein Unterprogramm von Connecting Europe Facility (CEF), dem zentralen EU-Instrument für Infrastrukturinvestitionen. "Es fördert ausschließlich Erneuerbare-Energien-Projekte, die Landesgrenzen überschreiten. Genau das Passende für uns."
Jedoch umfassen die Anträge immer nur einzelne Projektphasen, nie das Gesamtprojekt. Die Förderung muss stückweise beantragt werden. Im November 2024 schaffte das Projekt eine Teiletappe: Die European Climate, Infrastructure and Environment Executive Agency hatte die ersten beiden Anträge mit dem maximalen Fördersatz von 50 Prozent bewilligt. Fördersumme: 19,5 Millionen Euro.
Ein Antrag bezog sich auf die Planungskosten, der andere, ein sogenannter "Works"-Antrag, auf den Bau eines Leitungsabschnitts, der Biomasseanlage in Zgorzelec, und die Erweiterung der bestehenden Klärgasanlage in Görlitz. Die Bauarbeiten starten dieses Jahr.
Versorgungssicherheit und Flexibilität
Über den zweiten "Works"-Antrag, der bereits in Brüssel liegt, wird im Sommer entschieden. Maximale Fördersumme: 16 Millionen Euro. 2026 sollen dann bis zu 62 Millionen mit dem dritten und letzten "Works"-Antrag eingeholt werden. Bestandteile sind die restlichen Leitungen inklusive der grenzüberschreitenden Trasse, eine Wärmepumpenanlage am Berzdorfer See südlich von Görlitz und die Solarthermieanlage Görlitz-Nord. Die maximal erreichbare CEF-Förderung beträgt insgesamt 97,5 Millionen Euro, die Hälfte des Gesamtinvestments. Jeder Antrag wird jedoch separat bewertet und somit bleibt eine gewisse Unsicherheit, ob das 80-Prozent-Ziel erreicht wird.
Der geplante Energieträgermix wurde genau fixiert: 48 Prozent Biomasse, 17 Prozent Solarthermie, 33 Prozent Umweltwärme, je ein Prozent Power-to-Heat und Abwärme aus der Kläranlage. Diese Aufteilung ist das Ergebnis einer "umfassenden, detaillierten" Machbarkeitsstudie, so Stadtwerke-Chef Block. Eine deutsch-polnische Koordinationsgruppe mit Vertretern von Eon und Veolia hatte alle in Frage kommenden Technologien prüfen lassen, auch Wasserstoff und Tiefengeothermie. Letztlich fiel die Wahl auf etablierte Technologien.
"Wir können uns keine Experimente leisten. An erster Stelle steht die Versorgungssicherheit." Der Technologie-Mix vermeide Abhängigkeiten von einzelnen Energiequellen, minimiere Risiken und gewährleiste eine zuverlässige und stabile Versorgung. Wichtig sei auch gewesen, ein System zu haben, das sich auf künftige Veränderungen, beispielsweise der wachsenden Zahl an Fernwärmekunden, größerer Anteil Power-to-Heat, Integration industrieller Abwärme, anpassen lässt. Durch den Mix sei man flexibel genug dafür.
Regulatorisches Neuland
Nicht nur technische und finanzielle Herausforderungen gilt es zu meistern. Ein Hindernis sind auch die unterschiedlichen rechtlichen und regulatorischen Rahmenbedingungen in Deutschland und Polen. Etwa beim Genehmigungsrecht für Anlagenbau und Netzausbau oder bei den Endkundenpreisen. Fernwärmpreise werden in Polen streng reguliert und müssen vorab durch die zuständige Behörde freigegeben werden. Eine Regelung für Lieferungen nach Deutschland gibt es aber nicht. Somit ist erst einmal zu definieren, zu welchem Preis die Wärme von einem Land zum anderen geliefert wird. "Wir betreten bei dem Projekt in vielerlei Hinsicht Neuland und sehen uns mit ganz neuen Fragestellungen konfrontiert, so auch bei der Genehmigung für die Grenzflußquerung."
Bald sollen auch die Wärmekunden ins Boot geholt werden, es sind Bürgerveranstaltungen geplant. Vielen Görlitzern könnte das neue Fernwärmenetz aus der Klemme helfen, meint Block. Das Gebäudeenergiegesetz sei für die Besitzer historischer Gebäude ein Problem, da sie energetisch modernisieren müssen, ohne die Denkmalschutzbestimmungen zu verletzen. Was bei konventionellen Lösungen, Wärmepumpen oder Solarthermie, oft unmöglich sei. Bei Wärmepumpen etwa müssten die Hausleitungen angepasst und Geräte an der Fassade angebracht werden. Fernwärme beeinträchtige die architektonische Integrität historischer Gebäude dagegen nicht.
Projekt mit Symbolkraft
Eine flächendeckende Versorgung mit nachhaltiger Fernwärme wird es nicht geben, dennoch sieht Block den Wärmebereich mit United Heat langfristig gut aufgestellt. Grenzlagen würden oft als Hindernis gesehen. Das Projekt beweise, dass darin auch eine einzigartige Chance liegen kann. Grzegorz Bicki, Geschäftsführer des polnischen Versorgers SEC Zgorzelec, ist vom Projekt genauso überzeugt. "Es stärkt die Position unserer beiden Unternehmen in der Energiebranche."
Innovative Lösungen einzuführen, sei in einem dynamischen Marktumfeld wichtig. Zudem habe das grenzüberschreitende Projekt Symbolkraft. "Es zeigt, dass wir, anstatt getrennt zu handeln, unsere Kräfte bündeln und gemeinsam Probleme lösen können." Bicki hofft, dass United Heat Nachahmer findet.
