Erdgasnetz: Weiter nutzen oder möglichst schnell abdrehen?

Erdgasnetz: Weiter nutzen oder möglichst schnell abdrehen?

Bild: © pixel-kraft/Adobestock

Kaum eine Frage beschäftigt Versorger, Kommunen und Hauseigentümer derzeit so sehr wie diese: Lohnt es sich noch, in Erdgas-Infrastruktur und Heiztechnik zu investieren? Oder sollte die Energieversorgung möglichst rasch auf Strom, Wärmepumpen und Fernwärme umgestellt werden?

Zwei Kurzstudien liefern Antworten – und kommen zu sehr unterschiedlichen Schlüssen. Die eine lobt das Gasnetz als kosteneffiziente Infrastruktur. Die andere rechnet vor, dass Wärmepumpen und Fernwärme für Hauseigentümer langfristig deutlich günstiger sind als gasbetriebene Heizungen.

Fraunhofer ISE: Gasheizungen werden langfristig teurer

Das Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme ISE hat im Auftrag des Mannheimer Energieversorgers MVV Energie eine Studie zu den Wärmeversorgungskosten erarbeitet. Im Zentrum steht die Biotreppe, die im Gebäudemodernisierungsgesetz vorgesehen ist. Sie schreibt vor, dass Gasheizungen ab 2029 steigende Anteile grüner Gase – vor allem Biomethan – einsetzen müssen.

Die Freiburger Forscher verglichen die Jahresgesamtkosten für Heizung und Warmwasser über die nächsten 20 Jahre an einem beispielhaften Ein- und Mehrfamilienhaus. Das Ergebnis: In allen untersuchten Szenarien sind Wärmepumpen und Fernwärme über den Lebenszyklus günstiger als Gasbrennwertheizungen mit Biogasanteilen.

Im Einfamilienhaus kann der Unterschied über 20 Jahre je nach Technologie bis zu 49.000 Euro betragen. Im Mehrfamilienhaus mit zwölf Wohneinheiten belaufen sich die Mehrkosten einer Gasheizung gegenüber der günstigsten Wärmepumpenlösung auf rund 10.500 Euro pro Wohneinheit.

Gleichzeitig betonen die Studienautoren die erheblichen Unsicherheiten: Die Kosten variieren stark je nach Gebäudezustand, lokalem Angebot und der Preisentwicklung für grüne Gase. Letztere ist kaum vorhersehbar – sie hängt von globalen Märkten, Importen, Infrastrukturkosten und politischen Rahmenbedingungen ab. In keinem der untersuchten Fälle war die Luft-Wasser-Wärmepumpe jedoch teurer als das günstigste Gasszenario.

Hinzu kommt ein strukturelles Problem: Wenn viele Hausbesitzer auf andere Energieträger umsteigen, müssen die verbleibenden Nutzer die Fixkosten des Gasnetzes auf sich verteilen – was die Netzentgelte steigen lässt. Das wiederum verschlechtert die Wirtschaftlichkeit von Gasheizungen weiter. MVV-Energiewirtschaftschef Oliver Kopp plädiert deshalb für eine verpflichtende, unabhängige Beratung vor jedem Heizungstausch. Mannheim hatte vor zwei Jahren den Ausstieg beim Gasnetz für 2035 verkündet, ist aber durch die von der Bundesregierung angekündigte Aufweichung des Gasheizungsverbots ausgebremst worden.

EWI: Das Gasnetz ist ein kostenstabiles Fundament

Ganz anders ist der Tenor der zweiten Studie: Das Energiewirtschaftliche Institut an der Universität zu Köln (EWI) hat im Auftrag des Branchenverbandes "Die Gas- und Wasserstoffwirtschaft" die historischen Ausgaben für das deutsche Gassystem zwischen 2010 und 2024 analysiert. Das zentrale Ergebnis: Die netzbezogenen Kosten blieben über den gesamten Betrachtungszeitraum real nahezu konstant – bei rund 1,1 bis 1,2 Cent pro Kilowattstunde (kWh).

Gestiegen sind hingegen die Ausgaben für Beschaffung und Vertrieb von Erdgas. Mit der Gaskrise der Jahre 2022 und 2023 verdoppelten sie sich im Schnitt: von 3,3 Cent pro kWh (Durchschnitt 2010–2021) auf 8,1 Cent pro kWh (Durchschnitt 2022–2024). Auch die Gasnachfrage selbst hat sich durch die Krise dauerhaft verändert: Der Gesamtverbrauch lag 2024 bei 841 Terawattstunden – rund 17 Prozent unter dem bisherigen Höchstwert von 2021.

Für den Verband ist die Botschaft der Studie eindeutig: Das Gasnetz selbst sei nicht das Problem, sondern Teil der Lösung. "Es ist leistungsfähig, vorhanden und für klimaneutrale Gase nutzbar", erklärt Verbandsvorstand Timm Kehler. Genau deshalb gehöre es in die Energie- und Wärmeplanung der kommenden Jahre.

Ein Vergleich mit dem Stromnetz unterstreiche die Kosteneffizienz des Gasnetzes: 2024 transportierte es die 1,7-fache Energiemenge des Stromnetzes – zu rund einem Siebtel der netzbezogenen Kosten. Die Studie räumt allerdings ein, dass es aktuell einen deutlichen Anstieg der Gasnetzentgelte gibt. Dieser sei jedoch nicht auf eine strukturelle Kostensteigerung des Netzes zurückzuführen, sondern auf regulatorische Vorgaben: Mit der Festlegung KANU 2.0 der Bundesnetzagentur werden Abschreibungen aufs Gasnetz zeitlich vorgezogen, um spätere Kostenschübe für eine möglicherweise kleinere Kundenbasis zu vermeiden.

Einigkeit über unsichere Preisentwicklung bei Gas

Zwei Studien, zwei Perspektiven: Das EWI analysiert historische Kosten des Gasnetzes in gesamtwirtschaftlicher Perspektive. Das Fraunhofer ISE blickt auf künftige Kosten für Hauseigentümer. Einig sind sich beide Studien über die steigende CO₂-Bepreisung und die unsichere Preisentwicklung für grüne Gase. Beide Faktoren erhöhen die Kostenrisiken für gasbasierte Lösungen.

Klar ist jedenfalls: Die Frage, welche Infrastruktur die Grundlage der Wärmeversorgung in Deutschland bildet, wird nicht mit einer oder zwei Kennzahlen beantwortet – sondern zumindest in den kommenden Jahren von Standort zu Standort und Gebäude für Gebäude neu verhandelt.

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