Seit April 2024 führt Mildenberger die Landesgesellschaft. Davor war er unter anderem Geschäftsführer des Landesverbands Erneuerbare Energien NRW.

Seit April 2024 führt Mildenberger die Landesgesellschaft. Davor war er unter anderem Geschäftsführer des Landesverbands Erneuerbare Energien NRW.

Bild: © Alexandra Kowitzke/"KlimaDiskursNRW"

Die kommunale Wärmeplanung soll den Weg zu einer klimaneutralen Wärmeversorgung ebnen. Am 30. Juni müssen alle Großstädte ab 100.000 Einwohnerinnen und Einwohnern ihre Pläne finalisiert haben; auch im Bundesland Nordrhein-Westfalen, mit seinen fast 30 Großstädten. Doch wie weit sind die Städte und Gemeinden dort tatsächlich? Wo läuft die Umsetzung bereits erfolgreich, wo hakt es noch – und was lässt sich von Vorreitern im In- und Ausland lernen? Fragen an Christian Mildenberger, Geschäftsführer der Landesgesellschaft "NRW.Energy4Climate".

Herr Mildenberger, die kommunale Wärmeplanung läuft inzwischen in vielen NRW-Kommunen, einige setzen sie sogar schon um – wie fällt Ihre Zwischenbilanz aus?

Nordrhein-Westfalen ist auf einem sehr guten Weg. 85 Prozent der Kommunen haben mit der Wärmeplanung begonnen, davon haben ein Fünftel die Planungen schon abgeschlossen und beginnen mit der Umsetzung. Ein sehr gutes Beispiel ist die Stadt Warendorf mit einem Flusswärmeprojekt inklusive neuem Wärmenetz in der Altstadt.

Wo liegen aktuell die größten Hürden – eher bei Daten und Personal, bei der Finanzierung oder bei der Umsetzung?

Das Land Nordrhein-Westfalen hat die Kommunen bestmöglich mit einer guten Datengrundlage des Landesamts für Natur, Umwelt und Klima und des Geologischen Dienstes unterstützt.

Die größten Herausforderungen stellen sich aktuell sowohl bei der Finanzierung der Umsetzung als auch bei den benötigten Fachkräften. Gleichzeitig benötigen die Akteure für den notwendigen Infrastrukturumbau dringend Planungssicherheit, die aktuell auf Bundesebene nicht ausreichend gegeben ist; zum Beispiel im Umgang mit der Stilllegung von Gasnetzen.

Gibt es Kommunen in NRW, die bei der Wärmeplanung besonders weit sind? Was machen diese Städte oder Gemeinden anders als andere?

Es gibt zahlreiche Kommunen, die den Wärmeplanungsprozess besonders früh gestartet haben und daher nun bereits weit vor der gesetzlichen Frist in die Umsetzung gehen. Fünf davon begleiten wir als Pilotkommunen: Coesfeld/Borken, Kamp-Lintfort, Mönchengladbach, Köln und den Kreis Siegen-Wittgenstein.

Dabei haben wir gelernt, dass die Wärmeplanung besonders dort gut funktioniert, wo Politik, Verwaltung und Versorgungsunternehmen vertrauensvoll und proaktiv zusammenarbeiten und als Projektteam gut aufgestellt sind. Entscheidend ist, dass während des Planungsprozesses relevante Fragen zur Umsetzung, wie beispielsweise mögliche Betreiber des Wärmenetzes, Finanzierung oder weitere Akteure mitgedacht werden.

Umgekehrt gefragt: Sehen Sie Kommunen, die Schwierigkeiten haben könnten, die gesetzlichen Fristen einzuhalten? Woran liegt das aus Ihrer Sicht?

Der 30. Juni ist die Frist für alle Großstädte mit mehr als 100.000 Einwohnerinnen und Einwohnern. In Nordrhein-Westfalen befinden sich alle Kommunen dieser Größenordnung auf der Zielgeraden. Zum Termin müssen sie den fertigen Wärmeplan durch den Stadtrat beschlossen haben, anschließend haben sie noch drei Monate Zeit, die Pläne beim Land einzureichen. Wir gehen davon aus, dass dies bei allen fristgerecht oder zumindest zeitnah gelingt. Wegen der bundesweiten politischen Debatten über künftige Rahmenbedingungen und Gesetzesänderungen überprüfen einige Gemeinden jedoch aktuell einzelne Annahmen ihrer Planung, wodurch sich natürlich Verzögerungen ergeben können.

Die eigentliche Bewährungsprobe beginnt nach der Planung. Sehen Sie Praxisbeispiele, bei denen die Umsetzung besonders gut funktioniert?

Parallel zur Planungsphase sind schon einige Projekte in Nordrhein-Westfalen in die Umsetzung gestartet. Einen vorbildlichen Projektstart durfte ich kürzlich in Borken miterleben: Hervorzuheben ist hier der Mut, voranzugehen, und der Zusammenhalt von Stadt, Kreis und Stadtwerken, die alle aus Überzeugung an einem Strang ziehen und so 6,1 Millionen Euro Fördermittel für ein Abwasserwärmeprojekt aus Mitteln der Nationalen Klimaschutzinitiative akquirieren konnten.

Von links: Ron Keßeler (Geschäftsführer Stadtwerke Borken), Thomas Giel (Hochschule Mainz), Ramon Wolsink (Fachabteilungsleiter Stadt Borken), Markus Niehaus (Stadtwerke Borken), Benedikt Spieker (Technischer Dezernent Kreis Borken), Jürgen Kuhlmann (Technischer Beigeordneter Stadt Borken), Bürgermeisterin Mechtild Schulze Hessing sowie Christian MildenbergerBild: © Stadt Borken

Die ersten Umsetzungsschritte umfassen oft die Klärung rechtlicher Grundlagen oder Überlegungen zu Finanzierung, Betreibermodellen, Förderung und der Wirtschaftlichkeit insgesamt. Eine unserer fünf neuen Pilotkommunen für die Umsetzung erwartet beispielsweise gerade Ergebnisse einer Machbarkeitsstudie zur Nutzung von tiefer Geothermie.

Viele Bürgerinnen und Bürger erwarten von der Wärmeplanung vor allem Orientierung für ihre eigene Heizungsentscheidung. Kann die kommunale Wärmeplanung diesen Anspruch Ihrer bisherigen Erfahrung nach überhaupt erfüllen?

Ja! Der Wärmeplan zeigt Bürgerinnen und Bürgern, wie ihre Kommune die Wärmeversorgung kosteneffizient und klimaneutral für die Zukunft plant. Sie erfahren so frühzeitig, ob ihr Wohngebiet beispielsweise für ein Wärmenetz geeignet ist oder nicht. Wo das nicht der Fall ist, wissen sie, dass Sie selbst handeln müssen und können sich rechtzeitig nach einer eigenen dezentralen Wärmeversorgung umschauen. In den meisten Fällen werden hier Wärmepumpen die beste und kostengünstigste Option sein. Neben Informationen auf ihren Webseiten bieten viele Städte auch begleitend zum Thema Infoveranstaltungen und -material an. Die Stadt Dortmund beispielsweise stellt über eine interaktive Karte dar, welche Häuser in einem potenziellen Fernwärmegebiet liegen.

Dänemark gilt seit Jahren als Vorbild bei der Wärmewende. Welche Erfahrungen erscheinen Ihnen für NRW besonders relevant – und woran wird sich in fünf Jahren entscheiden, ob die kommunale Wärmeplanung hierzulande tatsächlich ein Erfolg war?

Für uns in Nordrhein-Westfalen sind drei Erfahrungen aus Dänemark besonders relevant: Erstens die enge und strategische Zusammenarbeit zwischen Kommunen, Versorgern und Netzbetreibern. Dieser koordinierte Ansatz hat sich als ein wesentlicher Erfolgsfaktor für die Planung und Umsetzung der Wärmewende erwiesen. Zweitens ist die Nutzung vieler verschiedener Wärmequellen energiewirtschaftlich vorteilhaft. Dänemark setzt auf einen flexiblen Mix aus unterschiedlichen Erzeugern und integriert dabei auch kleinere Wärmequellen wie gewerbliche Abwärme. Dadurch werden lokale Potenziale effizient genutzt und die Versorgung resilienter gestaltet. Drittens zeigt Dänemark, wie Strom systemdienlich für die Wärmeerzeugung eingesetzt werden kann. In Zeiten hoher Erneuerbaren-Stromproduktion wird diese für die Wärmeerzeugung genutzt zum Vorteil aller.

Danke für das Gespräch!

"NRW.Energy4Climate"

Hintergrund

unterstützt nach eigenen Angaben Kommunen in Nordrhein-Westfalen bei der Wärmewende. Unter anderem mit Leitfäden und sogenannten Umsetzungswegweisern, wie dem "Wärmeplan.Check" oder auch mit "Wärmewendecoaching". Weitere Informationen dazu stellt die Landesgesellschaft online zur Verfügung.

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