Alexander Kotschi arbeitet seit Mai 2022 als Country Market Director für Energie in Deutschland für das Beratungsunternehmen Ramboll.

Alexander Kotschi arbeitet seit Mai 2022 als Country Market Director für Energie in Deutschland für das Beratungsunternehmen Ramboll.

Bild: © Ramboll

Das Planungsbüro Ramboll begleitet die Errichtung einer 20-Megawatt-Elektrolyseanlage in Hamm. Alexander Kotschi, Country Market Director Energy Germany, kennt die Herausforderungen beim Aufbau einer Wasserstoffwirtschaft in Deutschland genau. Im ZfK-Interview spricht er über deutschen Perfektionismus, "weiße Flecken" auf der Wasserstoffkarte und die Notwendigkeit, voneinander zu lernen.  

Herr Kotschi, die Bundesnetzagentur hat das Wasserstoff-Kernnetz genehmigt. Ist der Gordische Knoten damit endlich durchschlagen?

Man muss das Thema im Gesamtkontext sehen. Wir bauen beim Wasserstoff eine komplett neue Infrastruktur auf – von der Produktion über den Transport und die Verteilung bis hin zur Nutzung. Wenn man sich vor Augen führt, wie lange es gedauert hat, bis wir eine Erdgaswirtschaft aufgebaut haben – damals hat der Aufbau Jahrzehnte gedauert.

Die Situation heute ist aber dennoch anders. Denn: Beim Wasserstoff müssen wir nicht bei null anfangen. Es gibt Anlagen und Transportinfrastruktur, die wir umrüsten können. Es wird also alles deutlicher schneller gehen als beim Aufbau der Erdgaswirtschaft. Allerdings – einen einzelnen großen Wurf wird es nicht geben. Es gibt eher viele kleinere Würfe.

Verschiedene Regionen in Deutschland fühlen sich beim Kernnetz nicht oder nicht ausreichend berücksichtigt. Gibt es zu viele "weiße Flecken"?

Es gibt beim Aufbau einer Wasserstoffwirtschaft nun mal Standorte, die besser geeignet sind oder zu niedrigeren Kosten produzieren können als andere. Es liegt in der Natur der Sache, dass die großen Energieversorger nun versuchen, ihre bestehenden Kraftwerksstandorte zu nutzen, die ja etwa schon über die nötige Netzanbindung verfügen.

Aber ich will nicht ausschließen, dass die Bundesregierung nachjustieren muss. Wir kreieren mit der Wasserstoffwirtschaft ein sehr komplexes System, bei dem unweigerlich die Gefahr besteht, Marktungleichheiten zu schaffen. Aber ich denke, das muss man dann in der Hochlaufphase auch einfach mal aushalten. Entscheidend für den Erfolg ist in jedem Fall, dass man nun nicht versucht, jede Unklarheit zu lösen, sondern einfach dort, wo die Investitionsbereitschaft am größten ist, loslegt. Danach wird man dann sehen, wie sich das Gesamtsystem entwickelt.

Aber läuft man da nicht Gefahr, dass ganze Regionen abgehängt werden und Unternehmen wie auch Arbeitsplätze abwandern?

Ich finde es sehr wichtig und richtig, dass diese Regionen ihre Stimme erheben. Gerade in Baden-Württemberg gibt es große Lücken beim Kernnetz. Die Industrie ist verunsichert. Aber man sollte deswegen nicht die Hände in den Schoß legen, sondern beispielsweise mit einem lokalen Netz anfangen. Hamm zeigt, wie es gehen kann. Da haben sich mehrere Stadtwerke zusammengeschlossen und einfach losgelegt. Es ist wichtig, dass wir beim Thema Wasserstoffinfrastruktur und -erzeugung endlich Tempo aufnehmen.

Wie wichtig sind solche Leuchtturmprojekte wie das in Hamm? Können andere Stadtwerke es als Blaupause nutzen?

Gerade in Deutschland gibt es einen merkwürdigen, psychologischen Effekt, der sich darin äußert, dass die Leute immer erst einmal darauf schauen, was anders und damit nicht übertragbar ist. Natürlich gibt es immer unterschiedliche Parameter, bei der Wasserversorgung, der Wärmeanbindung oder aber den Bodenbedingungen. Jedes Stadtwerk, das in die Wasserstoffproduktion einsteigen will, muss jeweils Antworten auf die Frage finden, welche aktuellen und potenziellen Verbraucher es gibt. Aber das heißt nicht, dass man das Rad neu erfinden müsste. Es gibt viele gute Beispiele, wo es schon funktioniert und wo man sich was abschauen kann. Gerade von Hamm können Stadtwerke einiges lernen, Dies sowohl technisch als auch in der Konzeption und Entwicklung des Projekts, bei der zum Beispiel Trianel als Multiplikator für zukünftige Projekte wirken kann.

Viele Stadtwerke klagen über zu viel Bürokratie und einen schier undurchdringlichen Förderdschungel. Kann Deutschland hier von anderen Ländern lernen?

Wir haben uns an diese Klage gewöhnt, aber ich glaube, dass das so generell nicht stimmt. Das Wasserstoffbeschleunigungsgesetz der Bundesregierung zeigt durchaus Wirkung, etwa auf der Genehmigungsseite. Ich glaube fest daran, dass die beteiligten Behörden gerade einen Lernprozess durchlaufen und dadurch zukünftig schneller werden. Und so wichtig Geschwindigkeit bei solchen Projekten auch ist: Rechtssicherheit ist nicht weniger bedeutend. Hier werden gerne die USA als Vorbild benannt, aber wenn man sich die Situation genau anschaut, läuft dort vieles nicht besser als bei uns – erst recht nicht in den dicht besiedelten US-Bundesstaaten, in denen sehr schnell gegen einzelne Projekte geklagt wird. Da sind wir in Deutschland teilweise sogar besser dran. 

Das Interview führte Ariane Mohl

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