Thomas Karle (links), Präsident des Fachverbandes Biogas, und Andreas Rimkus (rechts), Präsident des Bundesverbandes Kraft-Wärme-Kopplung (B.KWK) und früherer SPD-Bundestagsabgeordneter.

Thomas Karle (links), Präsident des Fachverbandes Biogas, und Andreas Rimkus (rechts), Präsident des Bundesverbandes Kraft-Wärme-Kopplung (B.KWK) und früherer SPD-Bundestagsabgeordneter.

Bilder: © Fachverband Biogas (links), © Büro Andreas Rimkus (rechts)

Biogas liegt im Trend – mit der Grüngasquote im Wärmesektor hat die Bundesregierung ein neues Spielfeld für die Branche geschaffen. Doch wo sollte das knappe Gut zuerst eingesetzt werden? Andreas Rimkus, Präsident des Bundesverbands Kraft-Wärme-Kopplung (B.KWK) sowie ehemaliger SPD-Bundestagsabgeordneter, und Thomas Karle, Präsident des Fachverbands Biogas und Betreiber einer Abfallvergärungsanlage im baden-württembergischen Füßbach, sprechen in der ZFK über flexible Erzeugung, unsichere Netzanschlüsse und die Frage, welche Absicherung Stadtwerke und Betreiber brauchen, um zu investieren.

Herr Rimkus, wo sollte Biogas eingesetzt werden: dort, wo Abnehmer am meisten bezahlen, oder dort, wo es dem Energiesystem am meisten nutzt?

Rimkus: Die Politik sollte nicht nur fragen, wo sich Biomethan am teuersten verkaufen lässt. Entscheidend ist, wo eine Kilowattstunde erneuerbares Gas den größten Systemnutzen erzeugt. Dafür zählen die Kohlendioxidminderung, die Energieeffizienz und die Flexibilität. Eine flexible Kraft-Wärme-Kopplungsanlage kann mit einem Brennstoff gleichzeitig Strom und Wärme bereitstellen. Wir sollten diese beiden Sektoren nicht gegeneinander ausspielen.

Herr Karle, teilen Sie das als Vertreter der Betreiber von Biogasanlagen?

Karle: Systemnutzen und Klimawirkung zählen, die Wirtschaftlichkeit muss aber ebenfalls stimmen. Unsere Mitglieder wollen in Speicherkraftwerke, Wärmespeicher und zusätzliche Blockheizkraftwerke investieren. Was fehlt, sind planbare politische Vorgaben, gerade für die Zusammenarbeit mit Kommunen.

Wie unterscheidet sich die moderne Fahrweise vom früheren Dauerbetrieb?

Karle: Unsere Rolle ist die des Speicherkraftwerks, das Wind- und Solarenergie ergänzt. Auch die Gasproduktion lässt sich anpassen: Im Sommer fahren Anlagen ihre Produktion deutlich herunter, im Winter hoch. Selbst eine unterschiedliche Fahrweise während der Woche und am Wochenende ist möglich. Die Bioenergie ist belastbarer, als man früher angenommen hat.

Und wie passen flexible Stromerzeugung und verlässliche Wärmeversorgung zusammen?

Rimkus: Entscheidend ist nicht die maximale Laufzeit, sondern die richtige Laufzeit zur richtigen Zeit. Anlagen reagieren auf das Strompreissignal und produzieren dann, wenn ihr Strom gebraucht wird. Biogas und Biomethan lassen sich speichern, sodass Energie aus dem Sommer auch im Winter genutzt werden kann. Hinzu kommt die Kombination mit anderen Technologien, etwa Wärmepumpen und Batterien.

Karle: Für kleinere Anlagen können Batterien eine zusätzliche Möglichkeit bieten, Strom- und Wärmebedarf stärker zu entkoppeln. Die Anlage kann Wärme liefern, während der Strom zwischengespeichert wird. Das ist keine Lösung für alle, kann aber für bestimmte Anwendungen und im Tagesverlauf sinnvoll sein. Wir setzen uns dafür ein, solche Kombinationen auch in der Förderung zu ermöglichen.

Biomethan ist ein rares Gut: Sollten Stadtwerke beim Einkauf einen gesetzlichen Vorrang vor Kraftstoffanbietern oder der Industrie erhalten?

Rimkus: Wir fordern keinen starren gesetzlichen Vorrang. Was wir wollen, ist eine angemessene Vergütung von Versorgungssicherheit, Flexibilität und Effizienz. Der Wert einer Anlage geht über die erzeugte Kilowattstunde hinaus. Stadtwerke dürfen bei Investitionen nicht an den Rand gedrängt werden, denn kommunale Daseinsvorsorge und dezentrale Versorgung haben einen besonderen Wert.

Karle: Eine Vorgabe, in welchen Sektor das Gas fließen soll, halte ich nicht für sinnvoll. Grundsätzlich sollte der Markt das regeln, wobei die Umweltwirkung mitgedacht werden muss. Außerdem sehe ich derzeit nicht, dass das Biomethan wegen höherer Zahlungsbereitschaft abwandert: Im Kraftstoffmarkt beobachten wir vielmehr ein hohes Angebot und niedrige Preise. Bevor wir über eine Verteilung knapper Mengen sprechen, müssen wir sinnvolle Nutzungsmöglichkeiten und verlässliche Strukturen schaffen.

Was hindert Betreiber daran, diese Märkte zu erschließen?

Karle: Wir haben Hürden auf beiden Seiten. Betreiber wollen ihre Stromerzeugung flexibilisieren, können aber die zusätzliche Leistung nicht anschließen, obwohl sie zu anderen Zeiten einspeisen würden als Wind- und Solaranlagen. Auch beim Gasnetzzugang fehlt Verlässlichkeit. Viele kleine Anlagen können zudem nicht wirtschaftlich zu Biomethan aufbereiten oder haben keine Perspektive auf einen Gasanschluss. Für sie brauchen wir dezentrale Lösungen mit sinnvoller Wärmenutzung.

Sie fordern 20 Jahre Planungssicherheit am Gasnetz. Erschwert das nicht die Stilllegungsplanung und belastet die verbleibenden Kunden?

Karle: Wer in eine Aufbereitung und einen Gasanschluss investiert, trifft eine langfristige Entscheidung. Dafür braucht er 20 Jahre Planungssicherheit. Die Einwände der Netzbetreiber kann ich nachvollziehen, deshalb müssen wir über die Kostenteilung sprechen. Wir sollten die Netzgebiete einzeln betrachten und gemeinsam festlegen, wo es sinnvoll ist, Infrastruktur zu erhalten – und nicht pauschal alles bestehen lassen.

Wie können Stadtwerke ihren Biomethanbezug absichern?

Rimkus: Ein Stadtwerk darf nicht allein das Investitionsrisiko tragen. Wir brauchen langfristige Biomethanlieferverträge mit Preisgleitklauseln, Mindestabnahmemengen und verlässlichen Herkunfts- und Nachhaltigkeitsnachweisen. Denkbar ist auch eine staatlich abgesicherte Transformationsgarantie für Anlagen, die auf Biomethan setzen. Stadtwerke sollten nicht investieren, wenn sie nicht dauerhaft sicherstellen können, dass der Brennstoff geliefert wird.

Nimmt eine staatliche Garantie nicht zu viel Risiko aus dem Markt?

Rimkus: Mir geht es nicht darum, dass der Staat die Preise absichert. Er soll eine langfristige Perspektive garantieren, weil er diese Transformation politisch will. Beim Wasserstoffkernnetz war das Amortisationskonto ein entscheidender Ansatz: Eine anfängliche Finanzierungslücke wird überbrückt und soll später ausgeglichen werden. Solche langfristigen Absicherungen erleichtern die Finanzierung und können Investitionen günstiger machen.

Wo sehen Sie bereits Ansätze, an denen sich andere Stadtwerke orientieren können?

Rimkus: Beispielsweise in Lemgo und Trier. Entscheidend sind flexible Ansätze, die Energiequellen kombinieren und Strom und Wärme am Bedarf ausrichten. Auch kleine Biogasanlagen können über lokale Gasleitungen und dezentrale Kraft-Wärme-Kopplung Perspektiven für Quartiere eröffnen. Nicht überall wird ein großes Fernwärmenetz entstehen.

Bleibt die Branche also dauerhaft auf Förderung angewiesen?

Karle: Wir brauchen jetzt noch Anschlussregelungen, wollen aber perspektivisch ohne das Erneuerbare-Energien-Gesetz auskommen. Voraussetzung sind funktionierende Strukturen, eine gute Wärmenutzung und eine Stromerzeugung zu Zeiten hoher Nachfrage. Wo es sinnvoll ist, gehört auch die Biomethaneinspeisung dazu. Wir müssen beide Wege offenhalten und kleine wie große Anlagen mitnehmen.

Lesen Sie weiter mit Ihrem ZFK-Abonnement

Erhalten Sie uneingeschränkten Zugang zu allen Inhalten der ZFK!

✓ Vollzugriff auf alle ZFK-Artikel und das digitale ePaper
✓ Exklusive Analysen, Hintergründe und Interviews aus der Branche
✓ Tägliche Branchen-Briefings mit den wichtigsten Entwicklungen

Ihr Abonnement auswählen

Haben Sie Fehler entdeckt? Wollen Sie uns Ihre Meinung mitteilen? Dann kontaktieren Sie unsere Redaktion gerne unter redaktion@zfk.de.

Home
E-Paper