Der Wasserstoff-Hochlauf kommt nach Einschätzung des DVGW in Deutschland nicht schnell genug voran. Die Beschlüsse zum Wasserstoffkernnetz wie auch zum Wasserstoffbeschleunigungsgesetz seien richtig und wichtig. Nun müsse die Politik aber den nächsten Schritt machen und die Verteilnetzebene in den Blick nehmen, sagte DVGW-Chef Gerald Linke bei einem Pressegespräch.
Umfragen der Initiative H2vorOrt hätten gezeigt, dass Kommunen und Unternehmen großen Bedarf an Wasserstoff haben. Diese erreiche man mit dem Kernnetz aber nicht. Der Wasserstoff müsse nun mithilfe einer guten Regionalplanung in die Fläche getragen werden.
Nach einer aktuellen Studie des DVGW zur regionalen Verteilung der Industriestandorte in Deutschland und deren Abstand zum geplanten H2-Kernnetz liegen etwa 90 Prozent der Industriestandorte nicht am H2-Kernnetz beziehungsweise sind zu weit davon entfernt. Der Gasbedarf dieser Standorte für Prozesswärme entspricht nach DVGW-Angaben 160 TWh. Dreiviertel des heutigen Gasbedarfs für Prozesswärme wird durch das Kernnetz nicht versorgt werden können. Bei den Kraftwerken sehe die Situation ähnlich aus, so Linke weiter.
Bedarf ist da, nun muss die Politik liefern
Für den Verbandschef steht fest: Es herrscht kein Mangel an potenziellen Wasserstoff-Abnehmern: Wärmekunden, aber auch Kraftwerke, Industrie, Mittelstand und Gewerbe. Die Politik müsse nun schnell dafür sorgen, dass die benötigten Wasserstoffmengen nach Deutschland kommen. Da die heimische Produktion den Bedarf nicht annährend decken könne, brauche es verlässliche Liefervereinbarungen mit dem Ausland.
Berechnungen des DVGW haben ergeben, dass 42 Mrd. Euro für die Instandhaltung des Gasnetzes bis 2045 veranschlagt werden müssen, hinzukommen 5 Mrd. Euro, um entlang der regulären Wartungszyklen Komponenten auszutauschen beziehungsweise zusätzlich einzubauen (zum Beispiel Verdichter), um diese H2-ready zu machen.
Das Gasnetz sei ein wichtiges Asset für die Energiewende, betonte Linke. Im Vergleich zum Ausbau des Stromnetzes sei der Aufbau des Wasserstoff-Kernnetzes vergleichsweise günstig. Der DVGW rechnet mit 20 Mrd. Euro für den Aufbau des Kernnetzes, weitere 50 Mrd. Euro würden für die Verteilnetzebene anfallen. Den Ausbau der Stromnetze veranschlagt der Verband mit rund 700 Mrd. Euro.
EU-Recht in nationales Recht überführen
Bei den politischen und regulatorischen Rahmenbedingungen für die Umrüstung auf Wasserstoff sieht Linke noch viel Luft nach oben. Als prioritär erachtet der DVGW neben der Umsetzung der Ausnahmemöglichkeiten der Entflechtungsvorschriften für Verteilnetzbetreiber (VNB) und Fernleitungsnetzbetreiber (FNB) die integrierte regionale Netzplanung. Die Koordinierungsstelle Netzentwicklungsplanung Gas/H2 (KO.NEP) habe sich hier als gutes Instrument etabliert.
"Unternehmen, die bereits in den Regionen ansässig sind oder sich dort ansiedeln möchten, benötigen zwingend Rechts- und Investitionssicherheit, um ihre Vorhaben umzusetzen." Nun müsse zügig – und wie von der Bundesregierung vorgesehen, noch in dieser Legislaturperiode – die EU-Gesetzgebung im EnWG in nationales Recht überführt werden, fordert Linke.
Kritik an BNetzA
Deutliche Kritik übte der Verbandschef am von der Bundesnetzagentur (BNetzA) eingeleiteten Verfahren für die Festlegung der "Fahrpläne für die Umstellung der Netzinfrastruktur auf die vollständige Versorgung der Anschlussnehmer (FAUNA) mit Wasserstoff". Dass die BNetzA grundstücksscharfe Pläne verlange sei ebenso inakzeptabel wie die Forderung, dass der Netzbetreiber unter bestimmten Umständen die Kosten für den Austausch einzelner Geräte tragen müsse.
Insgesamt sei die FAUNA ein "musterloses Beispiel einer Überbürokratisierung", so Linke. Hier sei dringend eine Anpassung und Änderung erforderlich. Es könne nicht sein, dass über die FAUNA die Wasserstoff-Option im GEG nachträglich ausgehebelt werde.
Jede Kommune ist anders
Dass einzelne Kommunen wie etwa die Landeshauptstadt Hannover nicht auf den Einsatz von Wasserstoff in der Wärmeplanung setzen, sei nicht verwunderlich. "Jede Region ist anders." Es hänge maßgeblich von der bereits vorhandenen Infrastruktur ab, wohin die Reise bei der Wärmeplanung gehe. Was für Hannover richtig sei, könne andernorts der falsche Ansatz sein. In ländlichen Regionen werde vielerorts Wasserstoff bei der Wärmeplanung die Nase vorn haben, ist Linke überzeugt.
Einem fiktiven "Wasserstoff-Anschlusszwang" erteilte der Verbandschef jedenfalls eine klare Absage. Es sei ausdrücklicher Wille des Gesetzgebers, dass Kunden das Recht haben, selbst zu entscheiden, wie sie mit Wärme versorgt werden wollen. "Die Heizung sollte zum Objekt und zu den Bedürfnissen der Kunden passen", sagte Linke. (amo)



