Bisher gingen die Händler davon aus, dass die Meerenge von Hormus sich spätestens im dritten Quartal 2026 wieder geöffnet sein wird. Daher war bisher Konsens unter den Händlern, dass damit bis Anfang Oktober ein vollständiger Hochlauf der unbeschädigten LNG-Anlagen in Katar und den Vereinigten Arabischen Emiraten ermöglicht wird.
Unter diesen Annahmen würde das weltweite LNG-Angebot im Jahr 2026 weitgehend unverändert bleiben. Grund dafür sind insbesondere der Ausbau und die Inbetriebnahmen der neuen LNG-Anlagen in Nordamerika, darunter Plaquemines, Golden Pass, Corpus Christi Phase 3 und LNG-Canada.
Kommt es nun zu weiteren kriegsbedingten Verzögerungen in Nahost, würde dies den weltweiten LNG-Handel nach Angaben der Internationalen Energieagentur zum ersten Mal seit 2012 in eine Schrumpfung treiben.
Gaspreise auf Vier-Wochen-Hoch
Die Gaspreise steigen im Zuge der möglichen Verzögerungen in dieser Woche mit rund 50 Euro je Megawattstunde auf den höchsten Stand seit vier Wochen, das Jahreshoch wurde im März mit über 60 Euro je Megawattstunde erreicht. Zuvor waren die Gaspreise mit Perspektive auf den Friedensprozess auf bis zu 40 Euro je Megawattstunde gefallen.
Zeichnet sich in den nächsten Wochen tatsächlich eine Verzögerung gegenüber der oben genannten Arbeitshypothese der Händler ab, dann könnten sich die Gaspreise deutlich über 50 Euro je Megawattstunde einpendeln.
Reduziertes Angebot belastet Winterversorgung
Das reduzierte LNG-Angebot ist in Europa konkret spürbar. Die LNG-Importe im Juni waren auf den tiefsten Stand seit knapp zwei Jahren gefallen und die schwachen Importe setzten sich bisher auch im Juli fort.
In der ersten Juliwoche wurden nur 20 LNG-Lieferungen an europäischen Terminals importiert. Setzt sich dieser Trend fort, so könnten auch im Juli die LNG-Importe unter 100 LNG-Tankerlieferungen bleiben.
Dementsprechend schlecht verlaufen die Einspeicherungen in die Gasspeicher. Die EU-Gasspeicher sind nur zu 51 Prozent gefüllt, in Deutschland nur zu 43 Prozent. Verlaufen die Einspeicherungen in Deutschland von nun an wie im letzten Jahr, so wären die deutschen Gasspeicher zum 1. November nur zu 66 Prozent gefüllt.
Gasimporte der Ukraine könnten steigen
Dazu könnte die Ukraine im nächsten Winter gezwungen sein, seine Importe aus den europäischen Nachländern zu erhöhen. Dies würde die gesamteuropäische Gasversorgung zusätzlich stressen. Grund sind die nahezu ohne Unterbrechung laufenden Angriffe Russlands auf die Energieversorgungsstruktur der Ukraine.
Anfang Januar 2026 wurde beispielsweise die Anlage Bilche-Volytsko-Uherske – die größte in Europa mit einer Kapazität von 17,05 Milliarden Kubikmetern – durch einen russischen Angriff außer Betrieb gesetzt. Zerstört wird bei solchen Angriffen meist nicht der Gasspeicher selbst – da produktive Schichten mindestens 400 Meter unter der Erde liegen – sondern die oberirdische Infrastruktur: Kompressoren sowie Einspeise- und Entnahme-Equipment.
Ungarn und Polen größte Importeure in der Ukraine
Die Ukraine hat im letzten Jahr insgesamt rund 70 Terawattstunden Erdgas von seinen europäischen Nachbarn netto importiert. Größter Importeur war Ungarn mit rund 32 Terawattstunden, gefolgt von Polen mit 23 Terawattstunden und der Slowakei mit knapp 14 Terawattstunden.
Für die Importe aus Polen zeichnet sich eine deutliche Steigerung für dieses Jahr ab. Einerseits wurden bereits bis Ende Juni rund 11 Terawattstunden netto importiert. Dazu wurde die Importkapazität aus Polen von 70 Gigawattstunden pro Tag auf zuletzt rund 200 Gigawattstunden pro Tag angehoben. Damit sichert sich die Ukraine den Zugang zu LNG-Importen und norwegischen Pipeline-Lieferungen.