Skeptisch in Hinsicht auf einen „zu hektischen“ Ausbau einer Wasserstoffinfrastruktur bzw. der Umrüstung bestehender Gasnetze positionierte sich Markus Doll, Leiter Anlagen und Netzbetrieb bei der Bundesnetzagentur. „Bevor wir jetzt schnell losrennen, müssen wir erst einmal überlegen, wohin wir wollen“, betonte er. „Die Infrastruktur hat eine dienende Funktion und da müssen wir erst einmal sehen, wie der Markt aussieht“, sagte Doll bei einem Panel der Fachtagung „Gas 2020“ des Handelsblatts in Berlin.
Als Anwendungsbereiche für möglichst grünen Wasserstoff sieht Doll „auf alle Fälle“ die Industrie, „wahrscheinlich“ den Verkehr und eventuell den Wärmesektor. Erst wenn dies klar sei, müsse man sich konkrete Gedanken machen über eine Marktanschubfinanzierung, Infrastruktur und eine integrierte Planung.
Bundesnetzagentur: Schrittweise vorgehen
Andererseits sei es schon sinnvoll, Schritt für Schritt beim Ausbau der Infrastruktur vorzugehen, Die Grüngasvariante, welche die FNB Gas mit in den Netzentwicklungsplan eingebracht haben, sei sicherlich „eine naheliegende Möglichkeit“. Doch ob man alle vorgeschlagenen Gaspipelines für eine Wasserstoff-Infrastruktur brauche, sei derzeit noch offen, so Doll.
Daniel Muthmann, Bereichsleiter Unternehmensentwicklung, Kommunikation und Politik beim Ferngasnetzbetreiber Open Grid Europe (OGE) wies darauf hin, dass Infrastrukturentscheidungen immer langfristiger Natur seien und man insofern rechtzeitig planen können müsse.
OGE: Vernetzt denken
Die drei zentralen Fragestellungen bei der Infrastruktur seien ein diskriminierungsfreier Netzzugang, die Regelung der Finanzierung und eine integrierte Infrastrukturplanung. Es sei zu kurz gegriffen an dem einen oder anderen Industriestandort Elektrolyseure für die Wasserstoffproduktion zu installieren, ohne an die nötigen Netze zu denken.
„Wir müssen vernetzt denken“, unterstrich Muthmann. Wichtig sei jedenfalls, dass in punkto Infrastrukturausbau bald etwas geschehe und die Dinge „in die richtige Richtung“ gingen und gleichzeitig Anreize für eine verstärkte Nachfrage gesetzt werden.
Greenpeace: Beitrag zur CO2-Reduzierung entscheidend
Marcel Keiffenheim, Leiter Politik und Kommunikation bei Greenpeace Energy, hält den Aspekt, inwieweit die verstärkte Wasserstoffverwendung tatsächlich zum Klimaschutz beiträgt, für die entscheidende Frage. Deshalb müsse es vor allem darum gehen, die erneuerbaren Energien verstärkt auszubauen, hierzulande und weltweit.
„Wir sind davon überzeugt, dass die Energiewende nur mit Wasserstoff funktioniert, doch entscheidend ist, dass wir das so angeschoben bekommen, dass Wasserstoff tatsächlich einen Beitrag zur CO2-Minderung leistet“, unterstrich er. An einem stufenweisen Übergang zu erneuerbarem Wasserstoff komme man jedoch nicht vorbei.
Salzgitter Mannesmann: Stufenweise möglichst grüner Wasserstoff
Insofern sei auch ein Mix aus einem kleinen Anteil grünem Wasserstoff plus Erdgas, wie ihn Greenpeace Energy unter anderem in Zusammenarbeit mit den Stadtwerken Haßfurth anbietet, sinnvoll, ergänzte er. Doch Ziel müsse ein 100 % erneuerbares System sein. Den Infrastrukturaspekt hält auch Keiffenheim für wichtig, so auch die Ermöglichung einer höheren Beimischungsquote von Wasserstoff ins Erdgasnetz.
Alexander Redenius, Hauptabteilungsleiter Ressourceneffizienz bei Salzgitter Mannesmann Forschung, schlug ebenfalls eine Bresche für eine integrierte Sichtweise für den stufenweiser Markthochlauf von möglichst grünem Wasserstoff. Doch verwies er darauf, dass in einem ersten Schritt auch die Nutzung von Erdgas für die Wasserstoffverwendung in der Industrie erhebliche CO2-Einsparungen bringen könne. (hcn)



