Ulf Kämpfer ist seit 2014 Oberbürgermeister der schleswig-holsteinischen Landeshauptstadt Kiel

Ulf Kämpfer ist seit 2014 Oberbürgermeister der schleswig-holsteinischen Landeshauptstadt Kiel

Bild: © Landeshauptstadt Kiel/Pepe Lange

Noch im August hieß es, dass der Standort Kiel und das Küstenkraftwerk Teil des Wasserstoff-Kernnetzes werden. Doch auf einmal machte der Netzbetreiber einen Rückzieher - sehr zum Ärger von Kiels Oberbürgermeister Ulf Kämpfer, der nun das Land Schleswig-Holstein in der Pflicht sieht. 

Herr Kämpfer, das Kieler Küstenkraftwerk soll nun doch nicht an das Wasserstoff-Kernnetz angebunden werden. Was bedeutet das für die Dekarbonisierungsstrategie der Stadt Kiel? 

Die Nicht-Anbindung ist für uns überraschend und auch sehr ärgerlich. Die Umrüstung des Kraftwerks auf Wasserstoff ist schließlich ein elementarer Baustein unserer Dekarbonisierungsstrategie. Wir sind zwingend auf Wasserstofflieferungen angewiesen. Ohne Wasserstoff werden wir unsere ambitionierten Klimaziele für unser Küstenkraftwerk nicht erreichen. Eine Anbindung an das Wasserstoff-Kernnetz ist daher für uns essenziell.

Sehen Sie keine anderen Optionen?

Natürlich kann man sich den Wasserstoff auch mit dem Schiff liefern lassen oder selbst vor Ort eine Elektrolyse aufbauen. Da würde sich aber sofort die Frage der Wirtschaftlichkeit stellen, die beim Thema Wasserstoff ja ohnehin schwierig ist. Der für uns überraschende Rückzieher des Netzbetreibers stellt uns also vor große Herausforderungen.

Was ist mit einer Anbindung über das Verteilnetz?

Das Küstenkraftwerk über das Verteilnetz mit Wasserstoff zu versorgen ist die zweitbeste Lösung, aber für uns mit vielen Fragezeichen versehen. Zum einen haben wir für die Umrüstung des Küstenkraftwerks einen ambitionierten Zeitplan, es ist ein absolutes Leuchtturmprojekt für die Energiewende in Deutschland. Zum anderen ist die vage Hoffnung, dass es irgendwann mit dem Verteilnetz klappen könnte, ein enormer Unsicherheitsfaktor. Auf einer solchen Grundlage lassen sich keine Investitionsentscheidungen treffen. Insofern sehen wir unseren Plan, ab 2035 mit der Strom- und Wärmeerzeugung klimaneutral zu sein, nun in Frage gestellt.

Wie gut fühlen Sie sich vom Land Schleswig-Holstein unterstützt?

Wir sind schon etwas enttäuscht, auch weil unsere Stadtwerke mit dem Land gerade erst eine Vereinbarung getroffen haben und das Land darin versprochen hat, uns bei der Umsetzung unserer ambitionierten Klimaziele zur Seite zu stehen. Vor allem ist für uns nicht nachvollziehbar, dass das Land sich aktuell sehr bemüht, andere Regionen an das Kernnetz anzubinden. Um etwa Brunsbüttel und Heide mit Wasserstoff zu versorgen, gründet das Land sogar eine Wasserstoff-Netzgesellschaft. Natürlich ist es wichtig, die Industrieregionen an das Kernnetz anzubinden, aber auch das Küstenkraftwerk braucht zeitnah eine Perspektive. Die große Aufgabe, vor der wir mit der Umrüstung stehen, kann nicht auf den Sankt Nimmerleinstag verschoben werden.

Wie geht es nun konkret weiter?

Im Dezember findet zu diesem wichtigen Thema ein Spitzengespräch mit dem Land statt. Ich hoffe, dass wir gemeinsam eine gute Lösung finden. Fest steht: Wir brauchen eine schnelle und verlässliche Anbindung über das Verteilnetz, um planen und investieren zu können. Die Stadtwerke haben im Zuge der Energiewende Investitionen von über 1,5 Milliarden Euro vor der Brust. Investitionssicherheit ist das A und O, auch weil die Stadtwerke das alles nicht aus eigener Kraft werden stemmen können. Ohne Fremdkapital wird es nicht gehen.

Was erwarten Sie vom Land?

Das Land muss schnell für Verbindlichkeit sorgen. Wenn das Küstenkraftwerk schon nicht an das Kernnetz angebunden wird, brauchen wir eine zügige Anbindung über das Verteilnetz. Zudem erwarten wir, dass das Land in die Bresche springt, falls sich kein privates Unternehmen finden sollte, das die Anbindung übernimmt. Wenn das Land bis 2040 klimaneutral sein will, muss man die Kommunen und kommunalen Unternehmen eben auch dabei unterstützen und es nicht nur bei Ankündigungen belassen.

Wir haben ein technisch ausgereiftes und gut umsetzbares Konzept für die Umrüstung des Kraftwerks vorgelegt. Der Hersteller der Gasmotoren sieht es als Referenzprojekt, von dem andere Stadtwerke profitieren können. Es handelt sich um ein Leuchtturmprojekt, das als Best-Practice-Beispiel weit über Kiel und Schleswig-Holstein hinaus von Bedeutung sein könnte. Ich bin davon überzeugt, dass es sich für das Land lohnen würde, für ein solches Vorhaben in Vorleistung zu gehen.

Das Interview führte Ariane Mohl

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