Wer von grünem Wasserstoff spricht, denkt meist an Industrie im Gigawattmaßstab. Stadtwerke sehen sich in anderer Rolle. Das zeigt eine Analyse des Fraunhofer-Instituts für System- und Innovationsforschung (ISI) in Karlsruhe. Sie gehört zum Projekt "H2 Companion", das zwei Modellregionen für grünen Wasserstoff in Baden-Württemberg begleitet.
Die Forschenden haben zunächst rund 825 Stadtwerke identifiziert. Ende 2025 zählte das Institut dabei 64 Elektrolyseprojekte mit Stadtwerke-Bezug seit 2015. Daran beteiligt sind 57 Stadtwerke, 17 regionale Energieversorger, mehrere große Energiekonzerne und verschiedene Kooperationen. Das entspricht rund neun Prozent der Kommunalunternehmen. Anfang 2023 waren es erst etwa vier Prozent.
Manche Projekte werden vorzeitig abgebrochen
Der Blick auf den Projektstatus relativiert den Aufschwung aber zum Teil. Rund ein Drittel der Vorhaben steckt in der Konzept- oder Genehmigungsphase, etwa ein Viertel in Detailplanung oder im Bau. Nur 17 Prozent laufen bereits im Test- oder Regelbetrieb. Von der ersten Idee bis zur Inbetriebnahme vergehen im Schnitt dreieinhalb Jahre.
15 Prozent der Projekte brachen die Beteiligten vorzeitig ab. Als Ursachen nennt das ISI wirtschaftliche Unsicherheiten, hohe Investitionskosten und fehlende Abnehmer für den Wasserstoff. Hinzu kommen regulatorische Anforderungen und Insolvenzen von Projektpartnern.
Die öffentlich bekannten Vorhaben summieren sich auf rund 3,2 Gigawatt (GW) geplante Elektrolyseleistung. Die Protonenaustauschmembran-Elektrolyse (PEM) dominiert deutlich. Sie passt gut zu schwankendem Strom aus Wind und Sonne.
Betreiber statt Großproduzent
Die zentrale Erkenntnis betrifft das Selbstbild der Branche: Stadtwerke sehen sich laut Analyse weniger als Produzenten großer Wasserstoffmengen. Sie wollen dezentrale Elektrolyseanlagen, regionale Wasserstoffinfrastrukturen und lokale Wertschöpfungsnetzwerke betreiben. Ihre Stärke liege in der Verbindung von Energieversorgung, kommunaler Infrastruktur und regionalen Verbrauchern. Große Versorger setzen dagegen oft auf industrielle Großprojekte.
Stadtwerke konzentrieren sich auf Mobilität, Wärme oder die Einspeisung ins Gasnetz. Wegen begrenzter Finanzmittel handeln sie vorsichtiger und sind stärker auf verlässliche Politik angewiesen. Drei Voraussetzungen für den Markthochlauf nennt das ISI: verlässliche Regulierung, schnelleren Infrastrukturausbau und mehr Einbindung kommunaler Akteure in Förderprogramme.
Baden-Württemberg: Ohne Förderung läuft nichts
Wie das im Alltag aussieht, zeigen die Modellregionen "H2-Wandel" und "H2-GeNeSiS" in Baden-Württemberg. Das ISI sprach mit acht beteiligten Stadtwerken. Das Ergebnis ist eindeutig: Ohne öffentliche Förderung ließen sich die Projekte nicht verwirklichen.
Die Befragten nennen als größte Hürden: hohen bürokratischen Aufwand, unzureichende Regulierung und fehlende Wasserstoffinfrastruktur. Hinzu kommen Unsicherheiten bei Strommarktdesign, RFNBO-Vorgaben und der Wirtschaftlichkeit kleiner Anlagen. RFNBO steht für "Renewable Fuels of Non-Biological Origin" – die EU-Vorgaben dafür, wann Wasserstoff als erneuerbarer Kraftstoff nicht biologischen Ursprungs gilt. Zugleich sehen die Stadtwerke großes Potenzial in regionalen Kooperationen.
Henning Döscher, der die Forschungsarbeiten im Projekt koordiniert, sieht den Übergang zu einem tragfähigen Massenmarkt noch nicht abgeschlossen. Es brauche "verlässliche regulatorische Rahmenbedingungen, planbare Förderung und konkrete Abnehmer für grünen Wasserstoff", sagt er.
Offen bleibt dabei noch, ob kleine Anlagen auch ohne Zuschuss langfristig wirtschaftlich laufen. Die Analyse zeigt: Die Bereitschaft wächst, das Risiko bleibt.