Oliver Kopp ist Leiter Energiewirtschaft und Energiepolitik bei der MVV Energie.

Oliver Kopp ist Leiter Energiewirtschaft und Energiepolitik bei der MVV Energie.

Bild: © T. Mardo

Von Julian Korb

Der Mannheimer Energieversorger MVV Energie will als Unternehmen ab 2035 klimaneutral und dann sogar klimapositiv wirtschaften. Das heißt, das Unternehmen will künftig mehr Treibhausgase aus der Atmosphäre entfernen oder binden, als es selbst ausstößt. Dafür wollen die Mannheimer vor allem Emissionen vermeiden. Doch nicht überall ist das möglich, etwa in der Abfallverwertung.

"Außerdem ist es extrem teuer, die letzten Prozentpunkte bei den Emissionen zu verhindern", sagt Oliver Kopp, Leiter Energiewirtschaft und Energiepolitik beim Mannheimer Energieversorger. "Wir sind davon überzeugt, dass es insgesamt günstiger ist, dies durch Negativemissionen an anderer Stelle auszugleichen."

Ein Beispiel hierfür sind Siedlungsabfälle, die etwa zur Hälfte aus biogenen und nicht biogenen Stoffen, wie etwa Plastik, bestehen. Wird hier das Kohlendioxid (CO₂) bei der Müllverbrennung abgeschieden und gespeichert, werden bei dem nicht biogenen Teil Emissionen verhindert und bei dem biogenen Teil entstehen Negativemissionen. Denn: Organischer Abfall hat zuvor CO₂ gebunden, dieses würde ansonsten wieder in die Atmosphäre abgegeben.

Hierzu haben sich mehrere Verfahren etabliert, sagt Amanda Pleier, Expertin für Carbon Management an der Forschungsstelle für Energiewirtschaft (FfE) in München. "Nun geht es darum, die Energieeffizienz dieser Verfahren zu verbessern."

Markt lebt von wenigen Deals

Die MVV hat dazu bereits eine Anlage in Dresden in Betrieb, bei der das Unternehmen CO₂ aus der Biomasse-Verbrennung abscheidet und in Beton speichert. Bioenergy with Carbon Capture, Usage or Storage nennt sich die Technologie auf Englisch, kurz BECCUS. Das Problem: Bislang gibt es keinen finanziellen Anreiz, Negativemissionen zu erzeugen. Der Markt ist klein und lebt vom freiwilligen Engagement einzelner Unternehmen, die Zertifikate erwerben, um etwa ihre vergangenen Emissionen auszugleichen.

"Der Markt lebt von wenigen und teils nur kurz laufenden Deals", sagt Kopp. "Auch wenn die Einnahmen durch den Verkauf von Zertifikaten zwischenzeitlich hoch sein können, entsteht so kein sicherer Zahlungsstrom." Zudem fehle ein einheitliches System für diese Zertifizierungen auf EU-Ebene.

Lücke von 60 Euro die Tonne

In einer Studie hat Pleier von der FfE – gemeinsam mit dem Beratungsunternehmen Guidehouse – für MVV untersucht, wie groß die Finanzierungslücke für die BECCS-Technologie derzeit und in den kommenden Jahren ausfällt. "In der Literatur werden oft unrealistisch niedrige Kosten angenommen, deshalb haben wir für die zukünftige Kostenentwicklung einen konservativen Mittelwert angenommen."

Am Ende kam die Forscherin auf Kosten von etwa 240 Euro pro abgeschiedener und gespeicherter Tonne CO₂ pro Jahr. Selbst optimistische Schätzungen gehen davon aus, dass die Erlöse durch den Zertifikatsverkauf im europäischen Emissionshandel bis zum Jahr 2045 auf höchstens 180 Euro pro Tonne ansteigen könnten. Bliebe eine Lücke von mindestens 60 Euro.

Förderung umfasst keine Betriebskosten

Das Problem: Negativemissionen sind bislang nicht in den Emissionshandel einbezogen. Kopp von der MVV wirbt dafür, dies zu ändern und Negativemissionen in das Handelssystem ETS I zu integrieren. Volkswirtschaftlich sei dies sinnvoll. "Eine Studie der Boston Consulting Group hat ergeben, dass die letzten Prozentpunkte bei der Emissionsvermeidung bis zu 600 Euro kosten könnten." Die Kosten dafür, CO₂ abzuscheiden und einzuspeichern oder zu nutzen, wären dagegen deutlich niedriger.

Aus Sicht des Unternehmensvertreters sollte in der Hochlaufphase die staatliche Förderung ausgebaut werden. Es gehe darum, die großtechnische Anwendung von BECCUS zu unterstützen, um die notwendige Kostendegression zu erreichen. Bislang haben Projekte zur Abscheidung und Speicherung von CO₂ zwar die Möglichkeit, über die Bundesförderung für Industrie und Klimaschutz (BIK) Unterstützung zu erhalten.

Die Zuschüsse sind aber gedeckelt und umfassen keine Betriebskosten; daher können nur kleinere Anlagen finanziert werden. Dies sollte die neue Regierung anpassen, sodass auch großtechnische Anlagen realisiert werden können. Es brauche außerdem sogenannte Differenzverträge, um die Mehrkosten gegenüber den Markterlösen auszugleichen.

Negativemissionen erstmals im Koalitionsvertrag

Kopp sieht auch Positives in der aktuellen politischen Diskussion. "Wir haben uns gefreut, dass Negativemissionen es als Begriff in den Koalitionsvertrag geschafft haben." Im Diskurs um CO₂-Abscheidung liege der Fokus aber vor allem auf der Industrie und auf CCS in Kraftwerken. "Der biogene Teil wird bislang vernachlässigt."

Der Leiter der Abteilung Energiewirtschaft und Energiepolitik bei der MVV wünscht sich, dass die neue Bundesregierung einen Konsultierungsprozess startet, in dem aufbauend auf den avisierten Carbon Management Strategien nun konkrete Legislativvorschläge zum zukünftigen Marktdesign für Negativemissionsmärkte entwickelt werden. Dazu sollte das Wirtschaftsministerium die Stakeholder einbinden. "Das müsste allerdings schnell geschehen", mahnt Kopp. "Wir laufen bei dem legislativen Prozess locker auf das Jahr 2030 zu."

Zeit drängt bei CO₂-Netz

Expertin Pleier sieht zudem eine große Dringlichkeit, den Aufbau eines CO₂-Kernnetzes voranzutreiben. "Zwar könnte ein Teil des abgeschiedenen Kohlenstoffes auch für die Produktion synthetischer Kraftstoffe oder als Rohstoff in der Grundstoffchemie nutzen, aber der Großteil wird voraussichtlich eingespeichert werden."

Kleinere Mengen könnten noch mit LKWs oder Zügen transportiert werden, für größere Mengen brauche es sinnvollerweise Pipelines. "Planung und Bau des Kernnetzes werden lange Zeit in Anspruch nehmen", so Pleier weiter. "Die teilnehmenden Unternehmen brauchen Sicherheit, dass es gebaut wird und dass die Finanzierung regulatorisch geklärt ist."

Signale aus dem Ministerium

Immerhin hat das Bundeswirtschaftsministerium zuletzt Signale gegeben, dass das Thema Negativemissionen auf der Agenda steht. Die Parlamentarische Staatssekretärin Gitta Connemann kündigte Anfang Juli bei einer Veranstaltung an, dass das Ministerium eine Anschubfinanzierung für Projekte zur Entnahme von CO₂ aus der Atmosphäre plant und eine entsprechende Langfriststrategie erstellen möchte.

Zudem wolle sich die Regierung auf EU-Ebene dafür einsetzen, dass Negativemissionen in den europäischen Emissionshandel aufgenommen würden.

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