Die deutschen Gasspeicherfüllstände sind längst zu einem Politikum und damit zu einem sehr sensiblen Thema geworden. Am Donnerstag wurde auf der europäischen Transparenzplattform AGSI ein fehlerhafter Füllstand für die deutschen Gasspeicher angezeigt. Ursache ist eine fehlerhafte Datenmeldung, die aktuell zu einer offensichtlich unplausiblen Anzeige von über 40.000 Prozent führt. Der tatsächliche Füllstand der deutschen Gasspeicher liegt aktuell bei 53,6 Prozent (im Vorjahr waren es zum jetzigen Zeitpunkt über 73 Prozent), teilte die Initiative Energien Speichern e. V. (INES), die Interessenvertretung von 17 Gasspeicherbetreibern, mit, um Missverständnissen vorzubeugen.
Angesichts niedriger Füllstände in Gasspeichern fordern die Betreiber der Anlagen jetzt Regeländerungen, damit ihre Speicher voller werden. Der Branchenverband INES legte ein Papier vor, in dem er etwa günstigere staatliche Kredite einfordert. Außerdem sollten längerfristige, staatlich organisierte Anreize – sogenannte Long-Term-Options (LTO) – dafür sorgen, dass Gashändler trotz aktuell ungünstiger Marktbedingungen Gas für den Winter einspeichern.

Wir brauchen Rahmenbedingungen, die verhindern, dass Versorgungssicherheit kein marktwirtschaftliches Zufallsprodukt ist.
Sebastian Heinermann,
Geschäftsführer des Gasspeicherbetreiber-Verbands INES
Des Weiteren sprechen sich die Betreiber für ein Umdenken bei bestimmten Kostenblöcken aus: Netzentgelte sollen für das Einspeichern von Gas sinken und für andere Netzpunkte steigen. Dadurch soll das Speichern attraktiver gemacht werden. Ähnliche Vorschläge hatte BDEW-Präsidentin Kerstin Andreae vor knapp zwei Wochen in einer Pressemitteilung formuliert.
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"Für eine verlässliche Gasversorgung in Deutschland brauchen wir im Winter gut gefüllte Gasspeicher", sagt INES-Geschäftsführer Sebastian Heinermann. Deshalb sollten vermeidbare Kosten gesenkt und gezielt Anreize für zusätzliche Befüllung geschaffen werden. "Der Speichermarkt braucht Rahmenbedingungen, die verhindern, dass Versorgungssicherheit ein marktwirtschaftliches Zufallsprodukt ist."
Kapazitätsbuchungen liegen bei 80 Prozent, aber ...
Normalerweise ist Gas im Sommer recht billig zu haben; derzeit ist es aber ungewöhnlich teuer – das liegt unter anderem an den Folgen des Iran-Kriegs. Dadurch lohnt es sich für Gasfirmen kaum oder gar nicht, jetzt Gas einzukaufen und im Speicher für den Winter zwischenzulagern. Die gebuchten Speicherkapazitäten liegen im Bereich von knapp 80 Prozent, der aktuelle Füllstand aber weit darunter.
Auch die zwei Kapazitätsauktionen des größten deutschen Speichers Rehden in einem Gesamtumfang von 11,3 Terawattstunden waren im August komplett ausverkauft. "Das heißt, es besteht marktseitig Interesse an Kapazitäten für potenzielle Einspeicherungen im September und Oktober. Ob die Kapazitäten dann auch genutzt werden, hängt von den THE-Marktpreisen ab", erklärt Analyst Andreas Schröder vom Preisinformationsdienst ICIS.
Der dem staatlichen Betreiber SEFE gehörende Speicher ist aktuell aber immer noch nur mit rund 8,5 Prozent gefüllt.
Analysten von ICIS senken Prognose für den Winter
Da die Zeit bis zum Beginn der Heizperiode immer knapper wird und ein Ende des Iran-Kriegs nicht absehbar ist, halten die ICIS-Analysten bis zum 1. Dezember nur noch einen durchschnittlichen Füllstand der deutschen Gasspeicher von 64 Prozent für möglich; bisher hatte man 72 Prozent für realistisch gehalten. Laut einer Verordnung sollte der Füllstand bis zum Beginn des Winters bei durchschnittlich 70 Prozent liegen.
"Unsere Referenzerwartung hinsichtlich der Dauer des Konflikts hat sich inzwischen deutlich nach hinten verschoben", schreibt Florian Böhnke, Senior Analyst für den Gas- und LNG-Markt beim Preisinformationsdienst ICIS. Dadurch seien sowohl die Risiken für die rechtzeitige Befüllung der Gasspeicher als auch die Preisrisiken am europäischen Gasmarkt gestiegen. Der Preis für Erdgas am Handelspunkt TTF in Amsterdam stieg in dieser Woche zeitweilig auf bis zu 75 Euro pro Megawattstunde.
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Mehr ein Preis- als ein Versorgungsrisiko?
Die Versorgungssicherheit schätzt ICIS auch für den kommenden Winter weiterhin als grundsätzlich gewährleistet ein, ergänzt Andreas Schröder, Head of Energy Analytics (Gas, LNG) bei ICIS. Deutschland beziehe nach wie vor große Mengen Gas aus Norwegen, und auch wenn LNG-Lieferungen aus Katar derzeit nicht verfügbar seien, liefen die übrigen Bezugsquellen auf hohem Niveau.
Zudem sei die globale LNG-Infrastruktur vergleichsweise breit diversifiziert, sodass einzelne Ausfälle in der Regel kompensiert werden könnten. "Aus unserer Sicht handelt es sich deshalb derzeit primär um ein Preisrisiko und weniger um ein unmittelbares Versorgungsrisiko", so Schröder.
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Reicht das Gas für den Winter?
Die Frage, ob die bis zur Heizperiode im Herbst eingespeicherten Gasmengen reichen, wenn der Winter sehr kalt werden sollte, sorgt für Unruhe in Politik und Wirtschaft.
Allerdings kann ein Vergleich zu den Vorjahren etwas in die Irre führen, da Industrie und Haushalte längst nicht mehr so stark auf die Speicher angewiesen sind wie früher. Über neue Flüssigerdgas-Terminals (LNG) an Deutschlands Küsten, die als Folge des russischen Angriffs auf die Ukraine installiert wurden, können recht zügig Extra-Kapazitäten vom Weltmarkt beschafft werden. Außerdem bekommt Deutschland Gas über Pipelines, etwa aus Norwegen. Das Bundeswirtschaftsministerium ist der Ansicht, dass der Markt die Gasversorgung regeln sollte. Branchenexperten zufolge würde ein staatlich angeordneter Gaseinkauf eine teure Sache werden.