Immerhin: "Die Versorgungssicherheit in Deutschland ist im internationalen Vergleich weiterhin sehr hoch", sagte Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) anlässlich der Veröffentlichung des seit langem erwarteten Monitoringberichts. Damit will sein Haus etwaige Probleme in der Stromversorgung frühzeitig erkennen und bei Bedarf zielgenau gegensteuern. An der sehr hohen Versorgungssicherheit im Stromsektor ändere auch der geplante Kohle- und Kernausstieg nichts. Man werde auch künftig parallel zum Ausstieg aus der Stromerzeugung aus Kohle immer wieder die Auswirkungen auf die Versorgungssicherheit prüfen, so Altmaier weiter.
Grundlage des Monitorings ist ein Gutachten, dass ein Konsortium bestehend aus den Unternehmen r2b energy consulting, Consentec, Fraunhofer ISI und TEP Energy GmbH erstellte. Demnach soll sich für Deutschland von 2020 bis 2030 auf dem Strommarkt ein leichter Rückgang sowohl der Höchstlast als auch der Jahresnachfrage durch Einsparungen durch zusätzliche Energieeffizienz ergeben. Auf Verbrauchsseite zeigt sich sowohl in Szenario 1 (Deutschland) als auch in Szenario 2 (mit Berücksichtigung des Auslands), dass es einen deutlichen Zuwachs an erneuerbaren Energien und einen Rückgang an konventioneller Erzeugung geben wird.
In Zahlen heißt das: 2020 wird die Jahreshöchstlast von 90,2 bis 2030 auf 88,7 GW sinken. Bei der Jahresnachfrage (netto) fällt sie im gleichen Zeitraum von 570,2 auf 545,4 TWh. Das Gutachten geht außerdem unter anderem auf folgende Punkte ein:
Lastausgleichswahrscheinlichkeit von 100 Prozent bis 2030
Bei der Betrachtung der Lastausgleichwahrscheinlichkeit, also der Wahrscheinlichkeit, dass die Nachfrage am Strommarkt durch das verfügbare Angebot gedeckt werden kann, wird ein Wert von 100 Prozent für alle Betrachtungsjahre (2020, 2023, 2025 und 2030) erreicht. Damit wird auch der im Gutachten als effizientes Niveau zur Versorgungssicherheit berechnete Prozentsatz von 99,94 deutlich übertroffen. Der gute Wert ergibt sich daraus, dass in den betrachteten Zeiträumen in Europa weiter deutliche Überkapazitäten bestehen. Zudem sorge das Förderregime für umweltfreundliche Stromerzeugung nicht nur für mehr elektrische Arbeit, sondern auch für zusätzliche Kapazitäten im Stromsystem, heißt es.
Weiterhin sorgen die regulatorische Ausgestaltung des Ausgleichs- und Bilanzkreissystems in Deutschland, aber auch die Kapazitätsmärkte in Frankreich, Großbritannien, Italien und Polen für einen Kapazitätsaufbau. Darüber hinaus tragen Flexibilitätsoptionen wie Lastmanagement und Netzersatzanlagen, die teilweise in der Modellierung erschlossen wurden, zu dem hohen Niveau der Versorgungssicherheit bei.
Zweck der Netzreservekraftwerke
Die Kosten für Redispatch und Einspeise-Management (EinsMan) haben in den vergangenen Jahren gut zwei Prozent der Gesamtkosten der Stromversorgung ausgemacht. Dies umfasst die Stromnetze, konventionelle und erneuerbare Stromerzeugung. Diese Gesamtkosten belaufen sich laut Fraunhofer ISI, Consentec und ifeu auf etwa 60 Mrd. Euro pro Jahr. In dem Gutachten wird auch darauf hingewiesen, dass die Neztreservekraftwerke nicht wegen mangelnder Erzeugungskapazitäten benötigt werden, sondern wegen Netzengpässen bei hohem Transportbedarf für Strom und der daraus drohenden Überlastung des Übertragungsnetzes. Zudem sollen sie außergewöhnliche, systemrelevante Mehrfachfehler in den Netzen beherrschbar machen.
Weitere Maßnahmen zur Versorgungssicherheit
Neben der Kapazitätsreserve – bis 2020 sollen zwei Gigawatt durch Reservekraftwerke gebunden sein – empfiehlt das Gutachten noch weitere Maßnahmen, um das ermittelte Niveau der Versorgungssicherheit sicherzustellen. Dazu gehören Importe aus dem europäischen Stromverbund, die bis 2030 auf bis zu 20 GW anwachsen können. Die notwendigen Import-Kapazitäten dazu seien mit 35 GW bis 2030 vorhanden. Dennoch sollten "gewisse Vorbereitungen auf die künftig stärkere Rolle des grenzüberschreitenden Stromhandels" getroffen werden. Die wichtige Rolle des europäischen Stromverbunds wird ausdrücklich betont in dem Bericht.
Neben dem Netzausbau in Deutschland seien weitere Maßnahmen nötig: etwa der Einsatz von Phasenschiebertransformatoren zur besseren Steuerung der Lastflüsse, die Nutzung von Reserven wie Redispatch und Netzreserve.
Internationale Abstimmung
Abstimmungsbedarf sieht das Gutachten zudem bei der internationalen Koordination der Markt- und Betriebsregeln. Empfohlen werden zusätzliche Regeln für seltene Extremfälle, in denen die Nachfrage an den Strommärkten in Europa ausnahmsweise nicht überall gedeckt werden könne. Dies könne laut Bundeswirtschaftsministerium nur auf europäischer Ebene umgesetzt werden. Maßnahmen seien bereits über die Risikovorsorge des Energiepakets getroffen worden.
Zustand der Netze
Allgemein heißt es zum Zustand der Netzinfrastruktur: "Es gebe keine Anzeichen, dass Betriebsmittel wie Leitungen, Transformatoren, Leistungsschalter des deutschen Übertragungsnetzes überaltert oder in einem nicht funktionsgerechtem Zustand sein könnten. Von den insgesamt 1800 Leitungskilometern nach dem Energieleitungsausbaugesetz seien knapp 45 Prozent der Gesamtlänge genehmigt oder sogar schon realisiert. Bis 2022 sollen gut 80 Prozent der Leitungskilometer fertiggestellt sein. Von den Pilotstrecken für Erdkabel sei noch keine vollständig in Betrieb. Aktuell läuft der Testbetrieb für das erste 380-kV-Erdkabel-Pilotprojekt in der Gemeinde Raesfeld.
Stimmen zum Bericht:
Das seit langem erwartete Papier enthalte nach wie vor wenig Aussagekraft, kritisiert Katherina Reiche, VKU-Hauptgeschäftsführerin. "Das bestehende, auf Wahrscheinlichkeiten basierende Monitoring, reicht für die Herausforderungen der anstehenden Transformation nicht aus. Sinnvoll ist eine Erweiterung um einen risikoorientierten Ansatz in Form eines Stresstests, der auch Ausnahmesituationen simuliert", so Reiche.
Das künftige Monitoring solle zudem genauere Erkenntnisse über den zu erwartenden Zubau von Erzeugungskapazitäten, die mögliche Zunahme der Spitzenlast aufgrund neuer elektrischer Verbraucher sowie eine Messung der Versorgungsqualität enthalten. "Die Weiterentwicklung des Monitorings muss im Energiewirtschaftsrecht verankert werden. Eine gesetzliche Festlegung des Kohleausstiegs, ohne gleichzeitig eine risikoorientierte Überwachung der Versorgungssicherheit festzuschreiben, ist ein Drahtseilakt ohne Sicherungsnetz", betont die VKU-Chefin.
"Nicht zu sehr auf Stromimporte setzen"
Stefan Kapferer, Vorsitzender der BDEW-Hauptgeschäftsführung, sieht in dem Bericht deutlich aufgezeigt, dass die Bundesregierung weiterhin zur Absicherung der Versorgungssicherheit zunehmend auf Stromimporte setze. Auch der BDEW sehe im EU-Binnenmarkt für Strom hier einen wichtigen Pfeiler. "Wir sollten uns jedoch nicht darauf verlassen, dass wir künftig in bestimmten Zeiten hoher Stromnachfrage immer Strom aus anderen EU-Ländern importieren können: Fast überall in Europa sollen gesicherte Stromerzeugungskapazitäten vom Netz genommen werden, wie eine BDEW-Analyse im vergangenen Jahr gezeigt habe. Die Zeiten, in denen sehr viel Strom nachgefragt werde, seien in Mitteleuropa zudem nahezu deckungslgeich", kritisiert Kapferer.
Er plädiert für Erzeugungskapazitäten auf Basis von Gas. Zudem müssten sich die Bedingungen für Energiespeicher und Kraft-Wärme-Kopplung verbessern sowie alle Optionen zur Nachfrageflexbilisierung ergriffen werden. Der Netzausbau sei deutlich zu beschleunigen.
"Chaos bei energiepolitischen Richtungsfragen"
Ingrid Nestle, Sprecherin für Energiewirtschaft bei den Grünen, sieht in dem Bericht die Untätigkeit der Bundesregierung beim Umbau des Energiesystems entlarvt. Es sei unglaublich, dass die Veröffentlichung des Berichts elf Monate später geschehen sei. Dies verdeutliche das Chaos im Ministerium für Wirtschaft und Energie um energiepoltische Richtungsfragen. Nun müssten die richtigen Schlüsse aus den Ergebnissen gezogen werden. An erster Stelle sieht Nestle hier den Ausbau erneuerbarer Energien. Positiv bewertet die Grüne, dass sich die grenzüberschreitende Kooperation in der Stromversorgung Europas verbessert.
Eon Umfrage zeigt wahrgenommene Versorgungssicherheit in Europa
In Deutschland sehen 63 Prozent der Teilnehmer einer europaweiten Umfrage von E.ON und KantarEMNID die Versorgungsicherheit mit Strom als hoch oder sehr hoch an. Schlusslicht ist Italien. Hier sind nur 30 Prozent der Befragten der Meinung, dass an ihrem Wohnort die Versorgungssicherheit hoch oder sehr hoch ist. Insgesamt nahmen europaweit 10.000 Menschen an der Umfrage teil.
Deutschland liegt mit seinen Zustimmungswerten weit über dem europäischen Durchschnitt von 48 Prozent. Aber auch in Dänemark, Tschechien und Ungarn bezeichnen die Menschen die Versorgungssicherheit mit jeweils 61 Prozent als gut oder sehr gut. Deutlich weniger Zustimmung ernten die Länder am anderen Ende des Rankings, die Türkei (41 Prozent), Frankreich (34 Prozent) und wie erwähnt Italien (30 Prozent). (sg)
