Seit Jahren wartet die Windbranche darauf, dass von Seiten des deutschen Platzhirsches unter den deutschen Windanlageherstellern, Enercon, eine Veröffentlichung kommt, wie es um das Unternehmen steht. Gestern hat nun das als sehr verschwiegen geltende Unternehmen eine Pressemitteilung herausgegeben, bei dem angekündigt wurde, etliche Verträge mit Zulieferern aufzukündigen. Diese Zulieferer sind nach Recherchen der ZfK in der Mehrzahl Enercon-Töchter. Enercon selbst war zu Stellungnahmen nicht zu erreichen. Dies bedeutet in der Summe einen Stellenabbau von mehr als 800 Mitarbeitern bei den Zulieferern.
Zu Zeiten, als noch feste Vergütung bei Windkraftanlagen herrschte, hatte das Auricher Unternehmen den deutschen Windmarkt fest im Griff. An die 40 Prozent Marktanteil konnte Enercon noch im Jahr 2016 verbuchen. Doch mit dem Ausschreibungsverfahren erhöhte sich der Druck auf die Preise und die als hochpreislich geltenden getriebelose Maschinen von Enercon mussten sich dem scharfen Preiswettbewerb stellen. Vielfach wurden dann billigere Maschinen gewählt, war in der Branche zu hören.
Kaum Chancen in Sicht
Die nun angekündigten Aufhebungen der Verträge mit Zulieferern zeigen, dass Enercon in Zukunft weniger Chancen im deutschen Markt sieht. Genaue Absatzzahlen von Enercon zu den Jahren 2017 oder 2018 konnte die ZfK nicht ausfindig machen.
Die Zukunft von Enercon sieht das Unternehmen nun im Ausland. „Unsere Wachstumsperspektiven liegen einerseits klar in internationalen Märkten“, erklärt Hans-Dieter Kettwig, Geschäftsführer der Enercon. Und bei einem Engagement in anderen Ländern gelten meist Local-Content-Anforderungen, die bedient werden müssen.
Hersteller von Betontürmen trifft es hart
Und die Komponenten-Hersteller in Deutschland haben den Kürzeren gezogen. Gerade die Hersteller von Betontürmen trifft es hart. Zum einen fehlen die Aufträge im eigenen Land, zum anderen kommt es zu einem Wechsel von Betontürmen hin zu Stahltürmen, da diese von der Logistik her einfacher zu transportieren sind, erklärte Enercon.
Enercon reduziert die Verträge mit diesen Zulieferern:
- WEC Turmbau Emden GmbH und der WEC Turmbau GmbH in Magdeburg, die Betonturmsegmente für Windenergieanlagen produzieren. Etwa 190 Mitarbeiter in Emden sowie 130 Mitarbeiter in Magdeburg sind von Entlassungen betroffen. Diese Werke gelten als die Hauptproduktionsstandorte für Türme von Enercon.
- WEC Site Services GmbH in Westerstede, die – überwiegend in Deutschland – Betontürme errichtet. Das Unternehmen beschäftigt derzeit 150 Mitarbeiter und wird ihren Betrieb nach dem dritten Quartal 2018 einstellen, heißt es in der Mitteilung.
- AERO Ems GmbH in Haren, die Rotorblätter herstellt. Bis Ende des dritten Quartals sind die Aufträge sichergestellt. Danach wird sich das Unternehmen wesentlich verkleinern. Es wird mit einem Stellenabbau von bis zu 235 Mitarbeitern gerechnet.
- Darüber hinaus haben die Auricher Rotorblattzulieferer KTA Kunststofftechnologie Aurich GmbH, RBO Rotorblattoberflächen GmbH, Composite Material Supply GmbH sowie Aero Rotorblattfertigung GmbH mitgeteilt, ihre Produktionsabläufe künftig besser aufeinander abstimmen zu wollen. Dabei werden auch in diesen Betrieben aufgrund des Auftragsrückgangs insgesamt etwa 130 Stellen entfallen.
Außerhalb Deutschlands hat Enercon bereits über 14 000 Windenergieanlagen installiert und ist in 45 Ländern aktiv. Aktuell besonders erfolgreich ist das Unternehmen in Frankreich, Südamerika, Schweden und der Türkei, erklärte das Unternehmen. Zu den anvisierten neuen Zielmärkten gehören unter anderem Mexiko, Vietnam und Südafrika, die jedoch zum Teil eine lokale Wertschöpfung vorschreiben.
IG Metall reagiert mit scharfer Kritik
Die Reaktionen auf die Schließungen sind fatal: Die Gewerkschaft IG Metall zeigte sich überrascht und reagierte mit scharfer Kritik auf den Stellenabbau. Das sei ein harter Schlag für den Nordwesten, wo 700 Stellen wegfielen, sagte ein Sprecher. Das Unternehmen stehe in Verantwortung für die Arbeitsplätze. Jetzt sei auch das Land gefordert.
Julia Verlinden, Sprecherin für Energiepolitik und niedersächsische Grünen-Abgeordnete: "Während Wirtschaftsminister Altmaier immer wieder betont, wie wichtig ihm jeder einzelne Kohlearbeitsplatz ist, sind ihm die vielen Beschäftigten in der Windindustrie offenbar egal. Hunderte wegfallende Arbeitsplätze allein in Norddeutschland sind das dramatische Ergebnis der falschen Energiepolitik dieser Bundesregierung."
"Unverantwortlicher Bremserkurs" der Regierung
Der unverantwortliche Bremserkurs gegen Erneuerbare Energien schade nicht nur dem Klimaschutz. Auch die innovativen Unternehmen der Erneuerbaren-Branche haben in Deutschland immer schlechtere Aussichten. Dies zeigten die drastischen Entscheidungen der Firma Enercon exemplarisch. "Ich fordere die Union auf, ihren Widerstand gegen die im Koalitionsvertrag versprochenen Zusatzausschreibungen für Wind- und Solarenergie aufzugeben und endlich wieder Perspektiven für die Erneuerbaren-Branche in Deutschland zu schaffen. Ohne erfolgreiche Unternehmen, die saubere Technologien entwickeln und in den Markt bringen, sind der Umbau unserer Energieversorgung und dauerhafter Klimaschutz nicht zu machen." (al, mit Material von dpa)
