Nach dem Brand in Reutlingen liegen verkohlte Kabel am Boden.

Nach dem Brand in Reutlingen liegen verkohlte Kabel am Boden.

Bild: © Jason Tschepljakow/dpa

Ein Brand in einem Reutlinger Umspannwerk hat die Stadt stundenlang ohne Strom gelassen. Während die Wiederherstellung der Versorgung nach Angaben von Netze BW auf der Zielgeraden ist, rückt eine grundsätzlichere Frage in den Vordergrund: Wo endet die Verantwortung der Netzbetreiber – und wo beginnt die des Staates? Denn es gibt deutliche Hinweise auf Sabotage.

In der Nacht von Sonntag auf Montag, kurz vor 2 Uhr, brannte es im Umspannwerk Reutlingen-West. Dies wiederum löste einen großflächigen Stromausfall aus. Das Umspannwerk wird gemeinsam von Netze BW – dem Netzbetreiber des Energiekonzerns EnBW – und der Fairnetz GmbH, einer Tochtergesellschaft der Stadtwerke Reutlingen, betrieben. Denn mit dem Ausfall von Reutlingen West kollabierte auch das dahinterliegende Umspannwerk Reutlingen-Mitte. Mittlerweile sind nahezu alle Haushaltskunden wieder am Netz. Die vollständige Wiederherstellung für Gewerbe- und Industriekunden stand zum Zeitpunkt einer Pressekonferenz von Netze BW am Dienstag noch aus.

Transformatoren als kritischer Engpass

Der entscheidende Flaschenhals für die vollständige Wiederversorgung liegt in Reutlingen-West: Der Brand hat beide Transformatoren der Fairnetz beschädigt. Sobald einer der beiden Transformatoren wieder betriebsbereit ist, kann Fairnetz die Vollversorgung wieder aufnehmen. Richard Huber, Leiter systemübergreifende Infrastruktur bei Netze BW und vor Ort koordinierend tätig, zeigte sich optimistisch: "Die letzten Rückmeldungen sind sehr gut." Spätestens am Mittwoch soll auch der zweite Transformator wieder laufen.

Huber machte allerdings deutlich, dass mit der Wiederherstellung der Grundversorgung die Arbeiten nicht enden. In den kommenden Wochen müssen die Mitarbeitenden Brandschäden an 110-kV-Kabeln sowie im Gebäude selbst dauerhaft sanieren. "Die Arbeiten werden Monate dauern, bis der Gesamtschaden gehoben ist", sagte Huber. Für die Kunden erwartet Huber aber keine weiteren Abschaltungen – derartige Instandhaltungsarbeiten "gehören zum normalen Betrieb eines Netzbetreibers".

Schutzverantwortung zwischen Unternehmen und Staat

Das Staatsschutzzentrum der Generalstaatsanwaltschaft Stuttgart führt das Ermittlungsverfahren. Der Grund: Es könnte eine extremistische Motivation zugrunde liegen. Das Landeskriminalamt Baden-Württemberg (LKA) hat bislang jedoch keine Hinweise auf Täter, Motiv oder einen politischen Hintergrund. Zur Tatmotivation äußerten sich auch die Unternehmensvertreter nicht.

Baden-Württembergs Ministerpräsident Cem Özdemir (Grüne) stellte klar, dass ein vollständiger Schutz solcher Anlagen illusorisch ist: "Die Vorstellung, dass wir alle Umspannwerke quasi von der Öffentlichkeit abschirmen, die ist kaum durchsetzbar." Man prüfe dennoch, was nach dem Vorfall verbessert werden könne. "Es geht darum, unsere Resilienz zu stärken, um möglichst wenig angreifbar zu sein", sagte Özdemir – mahnte aber zugleich zur Geduld: Es sei zu früh, abschließende Schlussfolgerungen zu ziehen.

Brisant ist aber die Frage, wie gut kritische Infrastruktur gegen gezielte Angriffe geschützt ist – und wer dafür die Verantwortung trägt. Reichert betonte, dass die Versorgungssicherheit und die physische wie digitale Absicherung der Anlagen grundsätzlich Aufgabe des Netzbetreibers ist. Netze BW entwickelt die Schutzkonzepte laufend weiter und passe sie an veränderte Bedrohungslagen an. Details nannte er aber nicht.

Sicherheitsdienste für hunderte Umspannwerke?

Huber machte die Dimension des Problems deutlich: Netze BW betreibt 330 Umspannwerke und mehr als 4600 Kilometer Hochspannungsleitungen im öffentlichen Raum. "Ein hundertprozentiger Schutz wird schwer realisierbar sein", räumte er ein. Die bisherigen normativen Anforderungen an die physische Sicherheit seien darauf ausgerichtet gewesen, unbeabsichtigten Zutritt zu verhindern – nicht aber einen vorbereiteten, gezielten Angriff. "Wenn jemand mit Potenzial, Gerätschaft und Vorbereitung eine Anlage angreifen möchte, dann können Sie sich vorstellen, was man dort errichten müsste", so Huber. Das sei bislang "definitiv nicht die Aufgabe der Netzbetreiber" gewesen.

Was bisher in der Verantwortung von Netzbetreibern lag, stößt angesichts einer veränderten Sicherheitslage an seine Grenzen. Huber plädierte dafür, die Schutzkonzepte gemeinsam mit den Sicherheitsbehörden weiterzuentwickeln. Offen ist die Frage, wer flächendeckende Maßnahmen – etwa Sicherheitsdienste für Hunderte Anlagen – finanziert. "Überlegen Sie mal für 330 Umspannwerke in Baden-Württemberg: Die würden auf die Netzentgelte gehen", sagte Huber. Das sei eine Frage, die politisch beantwortet werden müsse. Reichert formulierte es so: "Wenn Sicherheitsniveaus sehr stark weiter nach oben gezogen werden sollen, dann ist immer die Frage, wie weit kann ein Unternehmen dort gehen, und wo entstehen dann hoheitliche Aufgaben, die von staatlicher Stelle übernommen werden müssen."

Die Branche spricht miteinander

Positiv hervorgehoben wurde die Zusammenarbeit innerhalb der Branche: Netze BW und Fairnetz koordinierten die Wiederherstellung eng, auch Unterstützungsangebote anderer großer Netzbetreiber seien eingegangen. Reichert lobte den "wirklich guten Austausch" – sowohl über Verbandsstrukturen als auch auf Unternehmensebene.

Reichert sprach von einem notwendigen "Paradigmenwechsel" beim Umgang mit Veröffentlichungspflichten zu Infrastrukturdaten: Das Schutzbedürfnis müsse stärker gegenüber dem Transparenzanspruch abgewogen werden. (mit Material der dpa)

Lesen Sie weiter mit Ihrem ZFK-Abonnement

Erhalten Sie uneingeschränkten Zugang zu allen Inhalten der ZFK!

✓ Vollzugriff auf alle ZFK-Artikel und das digitale ePaper
✓ Exklusive Analysen, Hintergründe und Interviews aus der Branche
✓ Tägliche Branchen-Briefings mit den wichtigsten Entwicklungen

Ihr Abonnement auswählen

Haben Sie Fehler entdeckt? Wollen Sie uns Ihre Meinung mitteilen? Dann kontaktieren Sie unsere Redaktion gerne unter redaktion@zfk.de.

Home
E-Paper