2023 gingen in Deutschland neue 14.000 MW an PV-Leistung ans Netz. Für das laufende Jahr sei die Prognose schwierig, sagt Claus Urbanke, Vice President Solar & Storage Development bei Statkraft. Im Interview mit der ZfK führt er das auf mehrere Faktoren zurück.
Herr Urbanke, wie realistisch ist es, dass wir im Solarbereich wieder 14.000 MW Zubauleistung sehen wie 2023?
Urbanke: Eine genaue Prognose ist schwierig. Klar ist jedoch, und das zeigt die Erfahrung der vergangenen Jahre, dass hohe Energiepreise in der Regel Investitionen in Erneuerbarenprojekte auslösen. Mit den deutlich niedrigeren Strompreisen sehen wir jetzt eine andere Situation als noch vor einem Jahr. Zuletzt haben sich die Großhandelspreise jedoch stabilisiert und sind auch wieder leicht angestiegen.
Inwiefern "eine andere Situation"?
Nun, der PV-Boom fand ja nicht nur bei den großen PV-Freiflächenanlagen statt, sondern in allen Solarbereichen, beispielsweise auch bei den Aufdachanlagen. Als die Versorger ihre Haushaltskunden-Strompreise auf bis zu 50 Cent je Kilowattstunde (kWh) angehoben haben, wollten viele Hauseigentümer eine Photovoltaikanlage auf ihren Dächern installieren.
"Bei den Freiflächenanlagen müssen wir zwischen der PPA- und der EEG-Kategorie unterscheiden."
Mittlerweile sind die Versorgungstarife wieder gesunken und der Business Case für eine Aufdachanlage sieht daher wieder anders aus. Insofern könnte es sein, dass die Nachfrage nach PV-Anlagen wieder etwas zurückgeht. Das Niveau bleibt jedoch hoch.
Bei den Freiflächenanlagen müssen wir zwischen der PPA- und der EEG-Kategorie unterscheiden. Bei der letzteren geht der Zubau entsprechend der Ausschreibungsmengen weiter. Diese Anlagen bleiben bei Investoren begehrt. Zuletzt waren die Ausschreibungen mehrfach überzeichnet.
Die Frage über die Zukunft der PPA-Projekte ist hingegen schwieriger zu beantworten. Denn langfristige PPA-Preise sind bereits bei oder sogar unter dem Niveau der EEG-Zuschlagswerte angekommen. Da die Laufzeit von PPA-Projekten häufig nicht über zehn Jahre hinausgeht, haben diese Verträge also deutlich an Attraktivität eingebüßt. Was das nun für die Zubauzahlen konkret bedeutet, wird sich zeigen.
Herr Urbanke, bei seinen Onshore-Windprojekten rechnet Statkraft mit einem Repoweringpotenzial von über 1.000 MW. Geht die Rechnung auch unter den neuen Marktbedingungen auf?
Ja, denn im Windsegment haben wir eine andere Marktsituation als im Solarbereich. Die EEG-Ausschreibungen sind chronisch unterzeichnet. Wir glauben zwar, dass es in Zukunft auch mal überzeichnete Ausschreibungen geben kann, fundamental bleibt es aber bei der Bewertung. In den kommenden Jahren bleibt eine Knappheit an Windkraftprojekten. Von dem Ziel von 10.000 MW Zubau pro Jahr sind wir weit entfernt. Für Statkraft bedeutet das, dass Windkraft ein attraktives Geschäftsfeld bleibt.
Welche Impulse sind aus Ihrer Sicht notwendig, um den Erneuerbarenzubau wieder in den Zielkorridor zu bringen?'
Auf diese Frage, die sich neben der Bundesregierung auch die Energiebranche stellt, gibt es nicht nur eine Antwort. Es ist eine Vielzahl an Bedingungen und Anreizen, die sich ändern muss, um diesem Markt mehr Volumen zu geben. Ich behaupte, das zentrale Thema ist die Flächenverfügbarkeit.
Der gesetzliche Rahmen mit dem Zwei-Prozent-Ziel für Windkraft steht zwar, doch die Umsetzung erfolgt je nach Region mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten. Die weiteren Engpässe sind soweit bekannt: langwierige Genehmigungsverfahren, Transportgenehmigungen, Lieferkettenthematik, verzögerter Netzausbau und nicht zuletzt der Fachkräftemangel.
Ist die Evaluierung von geeigneten Windflächen auch ein Flaschenhals?
Das Screening gehört zu den Kernkompetenzen in der Projektentwicklung, und dort haben wir eine sehr gute Expertise aufgebaut. Wir schauen uns fast täglich neue Standorte an, bekommen regelmäßig Flächen angeboten und betreiben eine systematische Flächensuche. Auf diesen wichtigen ersten Schritt folgen die Layout-Planung, die Netzanschlussplanung, die Ermittlung von Ausgleichsflächen, etc. Diese Faktoren gehören aber zu unseren Kernbereichen und sind in der Regel kein Flaschenhals.
Die Eignung von Flächen kann sehr unterschiedlich sein. Idealerweise verfügt die untersuchte Fläche bereits über Planungsrecht, das kommt aber selten vor. Der typische Fall ist eine Fläche, die von der Windhöffigkeit oder der Solareinstrahlung gut geeignet ist, aber kein Planungsrecht hat. Dann steht zunächst ein Dialog mit der zuständigen Gemeinde oder der Planungsbehörde an.
Das Interview führte Artjom Maksimenko



