Für das Gelingen der Energiewende wird in Deutschland – je nach Szenario – ein Photovoltaik-Ausbau von bis zu 500 Gigawatt benötigt. In Anbetracht von landwirtschaftlichen Nutzungskonflikten, könnten schwimmende PV-Anlagen eine Alternative zu Freiflächenanlagen bieten. Im Auftrag der BayWa r.e. hat das Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme (ISE) nun eine Potenzialabschätzung für Floating-PV-Kraftwerke auf Braunkohle-Tagebauseen erstellt.
Platz gäbe es laut Untersuchung theoretisch genug. Immerhin 56 GWp könnten auf deutschen Baggerseen in Post-Kohle-Zeiten installiert werden, wenn allerdings alle relevanten Flächen für Freizeitaktivitäten, Tourismus, Natur- und Landschaftsschutz abgezogen würden, reduziert sich das Potenzial auf 2,74 GW. Aber selbst dann erreichen Floating-PV-Systeme (FPV) immerhin noch einen Flächennutzungsgrad von circa 1,33 MWp pro Hektar. Hinzu kommen Ertragsvorteile durch den Kühleffekt des Wassers und der damit geringeren Betriebstemperatur der Module.
Nicht nur im Tagebau schlummert Potenzial
Die größten Potenziale attestieren die Forscher dem Mitteldeutschen Revier und der Lausitz. Würden nicht nur Seen die durch den Braunkohleabbau entstanden sind in die Berechnung einbezogen wäre noch weitaus mehr Zubau möglich, so das ISE. Immerhin machen die durch Braunkohletagebaue entstandenen Seen nur rund 12,9 Prozent der Baggerseen aus. So vielversprechend diese Daten für die Energiewende und den Strukturwandel klingen mögen, so wenig ist bisher in der Praxis passiert.
In Deutschland ist aktuell gerade einmal eine schwimmende PV-Anlage mit einer Leistung von 750 kW in Betrieb. Gründe hierfür sieht die BayWa r.e., die in den Niederlanden bereits drei schwimmende Solarparks betreibt und gerade an einem 25-MWp-Projekt arbeitet, in den schwierigen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen hierzulande.
Bürokratie abschaffen
"Die Studie des Fraunhofer ISE zeigt eindrucksvoll, dass in Deutschland ein immenses Potenzial für Floating PV besteht. Jetzt gilt es, die richtigen Rahmenbedingungen zu schaffen und die Genehmigungspraxis zu vereinfachen, um dieses Potenzial heben zu können", erklärt Edgar Gimbel, Head of Power Plant Engineering bei der BayWa r.e. Weil die Investitionskosten für FPV etwas höher liegen als bei herkömmlichen PV-Freiflächenanlagen (FFA), kommen sie bisher in Ausschreibungen nicht zum Zug. "Sinnvoll wären deshalb Innovationsausschreibungen speziell für FPV und andere flächenneutrale PV-Kraftwerke, die noch einen Marktanschub benötigen. Um aufwändige Änderungsverfahren des Flächennutzungsplans zu vermeiden, sollte die flächenneutrale FPV privilegiert werden, ähnlich wie es heute schon für die Nutzung von Flächen für Windkraft und Kernkraft vorgesehen ist", ergänzt Harry Wirth, Bereichsleiter Photovoltaik Module und Kraftwerke am Fraunhofer ISE.
Zudem empfehlen die Wissenschaftler, Tagebau-Seen im EEG als Konversionsfläche einzuordnen, weil sich künstliche Standgewässer oft in Rohstoffabbaugebieten befinden. So könnten FPV-Projekte an Ausschreibungen der Bundesnetzagentur teilnehmen. Um FPV auf Tagebauseen zu installieren, könnte es auch sinnvoll sein, diese Nutzungsform in die Sanierungsrahmenpläne der ehemaligen Tagebaue mit aufzunehmen. (ls)
