Die Stadtwerke Landsberg am Lech (Bayern) erweitern ihr Strom-Portfolio um ein Lokalprodukt. Dabei kooperieren sie mit dem Bürgerenergieverein Renergie Allgäu, der den Online-Marktplatz Cells Energy betreibt.
Ein Doppelinterview mit Christian Eichberger, Vertriebs- und Marketingleiter bei den Stadtwerken, und Renergie-Geschäftsführer Florian Weh.
Herr Weh, Herr Eichberger, wie kam es zur Zusammenarbeit zwischen einem Bürgerenergieverein wie Renergie Allgäu und den Stadtwerken Landsberg am Lech?
Florian Weh: Wir wollen beide die dezentrale Energiewende in unserer Region vorantreiben und glauben fest daran, dass wir auf diesem Weg unsere Bürger mitnehmen und einbinden müssen. Die nächsten Jahre werden entscheidend sein, denn dann fallen Zehntausende Erneuerbare-Energien-Anlagen aus der EEG-Förderung. Dann müssen sich Betreiber mit der Komplexität des Energiemarktes auseinandersetzen. Wichtig ist, dass wir möglichst viele dieser Anlagen weiter am Markt halten. Um den Betreibern diesen Schritt zu erleichtern, haben wir den Online-Marktplatz Cells Energy aufgesetzt. Dort können Produzenten ihre nachhaltigen Anlagen vermarkten. Jetzt wollen wir die Plattform in Kooperation mit kommunalen Versorgern Stück für Stück erweitern.
Herr Eichberger, die Stadtwerke Landsberg sind bereits Partner des Projekts. Was hat Sie am meisten überzeugt?
Christian Eichberger: Unsere Vision ist es, immer mehr vom klassischen Energielieferanten zum Energiemanager zu werden. Auch wollten wir das Produkt Strom emotionaler an uns binden. Da bot sich eine regionale Stromplattform hervorragend an. Mit Renergie haben wir einen kompetenten Partner an der Seite.
Wie groß fällt derzeit die Auswahl für Stromkunden aus?
Weh: Aktuell sind etwa 120 Erneuerbare-Energien-Anlagen auf unserer Plattform angemeldet. Rund 100 davon sind auch schon live. Die Mehrheit davon sind Biomasse- und Biogas-Anlagen. Wir haben aber auch Photovoltaik- und Windkraftanlagen im Angebot. Und selbst ein Wasserkraftwerk ist dabei.
Können auch Betreiber von Kleinanlagen teilnehmen?
Weh: Prinzipiell schon. Allerdings benötigen Anlagen mit einer Leistung von weniger als 100 kWp ein technisches Update, was den Eintritt erschwert. Wirtschaftlich lässt sich das aktuell für Anlagen von 30 kWp aufwärts noch gut darstellen. Bei noch kleineren Anlagen ist es da schon schwieriger. Das sollte sich aber ändern, wenn dies wie von der EU vorgegeben staatlich gefördert wird. Wir würden uns jedenfalls freuen, auch kleine regionale Anlagen auf unserer Plattform zu haben.
Wie schwer ist es für Betreiber, an Ihrem Marktplatz teilzunehmen?
Weh: Wir wollten es möglichst einfach halten. Betreiber müssen sich registrieren, Daten über ihre Anlage eintragen, die Vertragsbestimmungen bestätigen und am besten auch Bilder von ihrer Anlage hochladen. Das Einzige, was wir dann noch benötigen, ist der Name des Direktvermarkters. Wenn sich die Anlage noch nicht in der Direktvermarktung befindet, sind wir bei der Auswahl eines Direktvermarkters gerne behilflich.
Eichberger: Über den Strommarktplatz erhalten die Anlagenbetreiber nicht nur Zugang zur Direktvermarktung. Wir bringen Stromerzeuger und Verbraucher zusammen. Dadurch bekommen lokale Anlagenbetreiber, die in unserer Region Strom aus erneuerbaren Energien erzeugen, ein Gesicht. Die Stromverkäufer erhalten außerdem einen Betreiberzuschuss. Dieser wird den Kunden berechnet und soll als zusätzlicher Anreiz dienen, Anlagen auch nach Ablauf der EEG-Förderung am Markt zu halten.
Im Zuge des Projekts bieten die Stadtwerke Landsberg am Lech nun auch ein neues Lokalstromprodukt an. Wie vermarkten Sie dies?
Eichberger: Wir setzen vor allem auf die Originalität, Regionalität und Klimafreundlichkeit des Produkts, nennen den Tarif deshalb auch „Pionierstrom“. Wir verweisen auf die Chance der Kunden, sich bewusst an der Energiewende zu beteiligen. Mit der Auswahl eines Wunsch-Anlagen-Mix legt der Kunde selbst fest, welche Erzeuger er mit einem Betreiberzuschuss für die Zukunft stärken möchte. Diese machen mit dem Zuschuss, was sie am besten können – neue Anlagen bauen und die bestehenden Anlagen dauerhaft fit halten. Zudem erhalten Kunden bei Vertragsabschluss einen Einkaufsgutschein des Landsberger Einzelhandels in Höhe von 30 Euro.
Und das kommt an?
Eichberger: Wir vertreiben das Produkt erst seit Kurzem. Schon jetzt ist großes Interesse vorhanden sowohl bei klassischen Tarifkunden als auch im Gewerbe. Auch wenn unser "Pionierstrom" erklärungsbedürftiger als klassische Stromprodukte ist. Wir glauben, dass sich der Aufwand auszahlt, dass die Nachfrage steigt, je mehr Erneuerbare-Energien-Anlagen aus der EEG-Förderung fallen. Insgesamt sehen wir, dass immer mehr unserer Kunden wissen wollen, woher genau ihr Strom kommt. Da passt unser Produkt wie die Faust aufs Auge.
Weh: Da mögen auch unsere Erfahrungen bei der Renergie helfen. Wir vermarkten seit 2019 in unserem Einzugsgebiet im Allgäu. Seitdem haben wir mehr als 600 Kunden gewonnen. Vor allem bei direkter Kundenansprache haben wir eine extrem hohe Rückmeldungsquote. Bei Erstkontakten zählten wir mehr als 80 Prozent positive Rückmeldungen.
Inwiefern können auch andere Stadtwerke von Ihrer Zusammenarbeit profitieren?
Eichberger: Wir haben technisch und rechtlich viel Vorarbeit geleistet. Darauf können andere Stadtwerke aufbauen. So gehen wir gemeinsam einen großen Schritt Richtung Energiewende und Klimaschutz.
Weh: Insgesamt liegt unsere Stärke in der Kooperation. Wir möchten natürlich gern noch mehr Partner an Bord holen. Die Stadtwerke Landsberg haben sich bereit erklärt, dann auch eine koordinierende Rolle zu übernehmen. So kann unser Marktplatz bundesweit weiterwachsen und unser Erneuerbare-Energien-Angebot noch vielfältiger werden.
Die Fragen stellte Andreas Baumer
