Der Stau beim Netzanschluss neuer PV-Anlagen spitzt sich weiter zu. In Extremfällen warten Anlagenbetreiber mittlerweile mehrere Monate (die ZfK berichtete). Doch nicht nur die Netzbetreiber, sondern auch die zuständigen Zertifizierungsstellen sind zunehmend überlastet. Das Berliner Start-up Certflow setzt hier an und stellt eine Plattform zur Verfügung, um die Zertifizierung von so genannten Typ-B-Anlagen mit einer Anschlussleistung ab 135 kW in vier Wochen zu ermöglichen. Der Prozess dauert bislang durchschnittlich 32 Wochen.
"Wir reden also über eine Zeitersparnis von 85 Prozent und eine immensen Kosteneinsparung", sagt Gründerin Jelena Mrvelj. "Jeder vergeudete Monat kostet pro Anlage im Schnitt 1500 Euro." Zugrunde gelegt sind Zahlen des Branchenverbandes BSW Solar. Anlagen, die durch das beschleunigte Zertifizierungsverfahren sieben Monate früher ans Netz gehen, könnten demnach fast 240.000 kWh Strom zusätzlich erzeugen.
Transparenz für Beteiligte
Das Berliner Unternehmen hat daher eine Plattform entwickelt, die als Drehscheibe zwischen Planern, Fachbetrieben, Zertifizierungsstellen und Netzbetreibern sowie Herstellern dienen soll. Alle Parteien können sich dort austauschen und offene Fragen klären. Außerdem macht die Lösung für alle Parteien einsehbar, an welcher Stelle sich der Zertifizierungsprozess nach VDE 4110 derzeit befindet.
"Es hat sich gezeigt, dass bei der Zertifizierung viel Unwissen herrscht", erklärt die Certflow-Gründerin. "Die Gesetze ändern sich schnell, die Fachkräfte wechseln die Unternehmen. Und nicht zuletzt gibt es zahlreiche unterschiedliche Netzbetreiber mit unterschiedlichen Anforderungen."
Deshalb navigiert die Plattform von Certflow Schritt für Schritt durch den komplexen Prozess und informiert alle Beteiligten, welche Aufgaben zu erledigen sind, wer über notwendige Daten verfügt und in welcher Qualität diese geliefert werden können. Zusätzlich beinhaltet die Plattform auch eine Datenbank für wichtige Dokumente wie Datenblätter, Einheitenzertifikate oder auch Komponentenzertifikate. Am Ende prüft eine künstliche Intelligenz nochmal alle Unterlagen auf Plausibilität, bevor diese an die Zertifizierungsstelle gehen.
Pilotprojekt mit Netzbetreibern
Derzeit plant das Start-up zudem ein Pilotprojekt mit Netzbetreibern, um diese ebenfalls in die Plattform einzubinden. "Wir sehen hier einen großen Mehrwert", sagt Mrvelj. "Häufig gelingt es Netzbetreibern derzeit nicht, eine Rückmeldung innerhalb der Acht-Wochen-Frist zu geben. Mit unserer Plattform wäre dies möglich, weil wir ihnen korrekte und qualitativ hochwertige Daten liefern. Das ist derzeit oft nicht der Fall."
Mit ihrem Start-up hat Mrvelj zudem nicht nur Solaranlagen ab 135 kW im Visier, sondern auch Windanlagen. "Auch hier rechnen wir mit einem deutlichen Anstieg der Zertifizierungsanfragen in den kommenden Jahren", erklärt die Gründerin.
Eine Million Umsatz
Gegründet wurde Certflow im Jahr 2022, damals unter dem Namen "nue". Mrvelj war zuvor bei Enpulse Ventures tätig, einer hundertprozentigen Tochter von EnBW. Das Unternehmen ist als Venture Builder für das frühphasige Innovationsgeschäft des Energiekonzerns verantwortlich.
Die Certflow-Gründer haben derweil große Pläne: 2024 will das junge Unternehmen die Eine-Million-Marke im Umsatz knacken. (jk)



