Der jüngste Blackout auf der Iberischen Halbinsel im Frühjahr 2025 hat gezeigt, wie schnell kritische Infrastrukturen an ihre Grenzen geraten: Binnen Sekunden stand das öffentliche Leben still, Kommunikationsnetze brachen zusammen, Verkehrssysteme fielen aus. Um auf ein solches Szenario vorbereitet zu sein, hat der Infrastrukturdienstleister Eins seit 2022 ein umfassendes Schwarzstartkonzept entwickelt.
Inselnetz für 230.000 Einwohnerinnen und Einwohner
Das Schwarzstartkonzept von Eins basiert auf der Idee, die Kernstadt von Chemnitz im Notfall als sogenanntes Inselnetz zu betreiben. Konkret betrifft dies rund 230.000 der insgesamt 250.000 Einwohner*innen. Ausgenommen sind lediglich die nach 1990 eingemeindeten Stadtteile wie Röhrsdorf, Grüna oder Wittgensdorf, die außerhalb des Netzgebiets der Eins-Tochter Inetz liegen.
Kernstück des Konzepts ist eine neue Netzersatzanlage, die seit Mai 2025 einsatzbereit ist. Sie stellt zunächst die Spannungsversorgung eines Motorenheizkraftwerks sicher, um dessen Gasmotoren hochzufahren. Diese übernehmen dann schrittweise den Wiederaufbau des Stromnetzes – unabhängig vom überregionalen Netzverbund.
Neuer Standard bei der Notstromversorgung
Ein Schwarzstartkonzept dieser Art gab es in Chemnitz bislang nicht. Zwar existierten Notfallpläne für Stromausfälle, doch das frühere Braunkohleheizkraftwerk – bis Ende 2023 in Betrieb – war nicht schwarzstartfähig. Es hätte sich unter günstigen Bedingungen zwar selbst versorgen und ein Inselnetz aufbauen können, doch dieser Prozess wäre mit Unsicherheiten verbunden. Mit den neuen Motorenheizkraftwerken stehen nun Anlagen zur Verfügung, die gezielt ohne externe Stromzufuhr hochgefahren werden können und eine verlässlichere Grundlage für die Notstromversorgung bieten.
Unabhängigkeit vom zentralen Netzwiederaufbau
Besonders an dem Konzept ist, dass Chemnitz im Ernstfall unabhängig vom Wiederanlaufplan des Übertragungsnetzbetreibers agieren kann. Normalerweise wird das Stromnetz nach einem flächendeckenden Ausfall zentral durch einen der vier deutschen Übertragungsnetzbetreiber wieder aufgebaut. Diese entscheiden, welche netzbildenden Kraftwerke zuerst hochgefahren werden – lokale Prioritäten spielen dabei nur eine untergeordnete Rolle. Selbst wenn vor Ort ausreichend Erzeugungskapazität vorhanden ist, kann es Stunden oder Tage dauern, bis eine Stadt wieder ans Netz geht.
Ein kommunales Schwarzstartkonzept schafft hier Abhilfe: Es ermöglicht, zumindest kritische Infrastrukturen wie Krankenhäuser, Wärme- und Wasserversorgung, Feuerwehr, Polizei oder Kommunikationsknoten in Eigenregie wieder mit Strom zu versorgen. Städte gewinnen damit an Krisenresilienz und dienen als lokaler Schild gegen die Folgen eines Stromkollapses.
Technik und Training für den Ernstfall
Die Investitionskosten für das Projekt beliefen sich auf rund 1,9 Millionen Euro. 70 Prozent davon wurden über den Just Transition Fonds (JTF) finanziert, mit dem die EU den Strukturwandel in ehemaligen Kohleregionen unterstützt.
Neben der technischen Umsetzung stand auch die betriebliche Vorbereitung im Fokus. Die Mitarbeitenden wurden intensiv geschult, unter anderem in einer eigens eingerichteten virtuellen Leitwarte. In dieser konnten reale Szenarien simuliert und Abläufe trainiert werden – eine wichtige Voraussetzung, um im Ernstfall schnell und sicher zu handeln.
"Mit dem Schwarzstartkonzept ist Eins für den Ernstfall gewappnet und trägt entscheidend zur Krisenfestigkeit des Stromnetzes der Stadt Chemnitz bei", sagt Roland Warner, Vorsitzender der Eins-Geschäftsführung.



