Nach dem Corona-Jahr 2020 sind Braun- und Steinkohle dieses Jahr wieder deutlich gefragter. Und der Trend könnte anhalten, wenn Ende dieses Jahres drei Atomkraftwerke vom Netz gehen und die Gaspreise auf Rekordniveau bleiben. Dabei sind auch die Preise für Steinkohle dramatisch gestiegen, ehe sie seit Mitte Oktober wieder abflachten, wie die Steinkohle-Grafik des ZfK-Datenraums zeigt. Zudem trieben stark gestiegene CO2-Preise im ersten Halbjahr die Produktionskosten nach oben. Wie also steht es um die Steinkohle in Deutschland? Wir haben bei Manfred Müller, Geschäftsführer des Vereins der Kohlenimporteure, nachgefragt:
Herr Müller, nach einem schwierigen Corona-Jahr 2020 scheint die Steinkohle wieder zurückgekommen zu sein. Warum?
Die Wirtschaft hat sich nach dem Einbruch im vergangenen Jahr erholt, der Strombedarf ist gestiegen. Gleichzeitig ging dieses Jahr bislang der Anteil der erneuerbaren Energien an der Stromerzeugung deutlich zurück. Die Steinkohle hat diese Lücke zu einem großen Teil geschlossen. Allein in den ersten drei Quartalen erhöhte sich die aus Steinkohle produzierte Strommenge um 35 Prozent.
Dabei erlebte im ersten Halbjahr auch Gas einen Höhenflug, schienen sich Gaskraftwerke dank steigender CO2-Preise in der Merit-Order nach und nach vor Steinkohlemeiler zu schieben.
Dann aber sind die Gaspreise über den Sommer bis in den Herbst hinein exponentiell gestiegen. Und obwohl die Preise für Steinkohle nachzogen und sich aktuell auf Rekordniveau befinden, ist die Verstromung von Steinkohle dank ebenfalls sehr hoher Strompreise zurzeit wirtschaftlich attraktiv.
Die Tonne Steinkohle kostete im Oktober für den Frontmonat bis zu 273 Euro (Liefergebiet ARA) – ein Allzeithoch. Woran liegt das?
Die hohen Gaspreise als wichtigen Faktor habe ich schon genannt. Dazu kommt eine verstärkte Kohlenachfrage in China, dessen Wirtschaft nun wieder dynamisch wächst. Im Vorfeld der Feierlichkeiten zum 100-jährigen Bestehen der Kommunistischen Partei wurden dort zudem aus Arbeitsschutzgründen Kohleminen gedrosselt oder komplett stillgelegt. Ferner befinden sich China und sein wichtiger Kohlelieferant Australien in einem Handelsstreit.
In der Folge bleibt aktuell für die Volksrepublik bestimmte Kohle in australischen Häfen liegen. Darüber hinaus hat auch Europas Hauptlieferant Russland Probleme, seine Exportsteinkohle über die langen russischen Bahnstrecken zu den Exporthäfen zu liefern. Deshalb hat Europa nun vermehrt Kohle aus Südafrika gekauft.
Kommt ein strenger Winter, könnten die Gaspreise noch weiter nach oben schnellen, auch weil die Gasspeicher hierzulande noch nicht wie gewohnt gefüllt sind. Eine Chance für Steinkohle. Doch wie steht es um die Steinkohlevorräte?
Es gibt keine Instanz, die Steinkohlebestände in Deutschland regelmäßig zählt. Was man aber sagen kann: Hielten die Märkte Amsterdam, Rotterdam und Antwerpen im vergangenen Jahr noch Kohlenbestände von knapp sechs Millionen Tonnen vor, waren es Mitte Oktober nur noch 3,8 Millionen Tonnen. Das heißt nicht, dass uns die Kohle im Winter ausgehen wird. Vielmehr zeigt das, wie groß gerade die Nachfrage nach dem Rohstoff weltweit ist.
Wann wird sich die Lage an den Steinkohlemärkten entspannen?
Das ist schwer zu beurteilen. Aktuell rechnen wir aber damit, dass die Lage zumindest in den kommenden fünf Monaten angespannt bleibt. Ob wir uns aber weiterhin auf einem so hohen Preisniveau bewegen werden wie Mitte Oktober, ist schwer zu sagen.
Das Interview führte Andreas Baumer



