Das Landratsamt Heidenheim hatte noch eine Wochenendschicht eingelegt, um eine Teilnahme an der dritten Ausschreibungsrunde für Onshore-Wind zu ermöglichen. Dort hat das Windparkprojekt Nattheim der Stadtwerke Heidenheim AG und des Windenergieanlagenherstellers Enercon vor kurzem den Zuschlag erhalten. Bis 2020 soll an der Autobahn A 7 einer der größten Windparks in Baden-Württemberg, bestehend aus neun Enercon-Anlagen des Typs E 141 EP4 mit je 4,2 MW, entstehen. "Wir haben 2012 angefangen mit der Projektierung, uns mit 30 anderen Mitbietern an der Ausschreibung der Pachtflächen beim Landesbetrieb ForstBW beworben. Jetzt sind wir sehr glücklich, dass wir den Zuschlag bekommen haben. Hier haben viele Partner zusammen einen guten Job gemacht", sagt Dieter Brünner, Vorstand der Stadtwerke Heidenheim AG. Besonders hebt er dabei die konstruktive und effektive Arbeit des Landratsamtes hervor.
Stadtwerke Heidenheim können Mehrheit an Windpark Nattheim zurückkaufen
Im Winter diesen Jahres sollen die Rodungsarbeiten auf dem Area starten. 2020 sollen die Anlagen voraussichtlich in Betrieb gehen. Da sich der Windpark in direkter Nähe zu Gasleitungen der Stadtwerke Heidenheim befindet, biete das Projekt auch Potenzial für Sektorenkopplung, konkret für Power to Gas. „Bei diesem Thema ist Enercon ja schon sehr weit“, sagt Brünner. Die Stadtwerke Heidenheim haben das Recht, nach Fertigstellung 74,9 Prozent der Anteile an dem Park zurückzukaufen. "Das werden wir sehr wahrscheinlich auch tun. Wir sind aber auch froh, dass Enercon dauerhaft 25,1 Prozent der Anteile halten wird", so der Vorstand der Stadtwerke Heidenheim. Die Zusammenarbeit mit dem Windenergieanlagenhersteller aus Norddeutschland verlaufe sehr gut.
PV-Projekt in Rothenburg
Weitere eigene Windprojekte hat der zu 100 Prozent kommunale Versorger aktuell nicht in der Pipeline. Anders im PV-Bereich, hier ist auf einer eingeebneten Bauschuttdeponie in Rothenburg ob der Tauber ein Solarpark mit einer Leistung von vier MW geplant. Die Stadtwerke Heidenheim haben seit 2015 die Betriebs- und Geschäftsführung bei der Stadtwerke Rothenburg o. d .T inne. Trotz des Zuschlags im Ausschreibungsverfahren für Windenergie-Anlagen an Land ist Brünner bewusst, dass man die Ausschreibung nur gewonnen habe, weil sie unterzeichnet war. "Es gibt in Baden-Württemberg einfach zu wenig Projekte. Wir haben bundesweit eine Delle in der Projektierung, das muss sich wieder ändern". Gerade mit Blick auf Kernkraft- und Kohleausstieg sei es erforderlich, dass der Ausbau Erneuerbarer Energien im industriestarken Süden forciert werde.
Als AG kann man schnell entscheiden
Neben dem Erfolg bei der jüngsten Ausschreibungsrunde machten die Stadtwerke Heidenheim im vergangenen Monat auch durch den Kauf des Windparks Grebbin (16,1 MW) in Mecklenburg-Vorpommern vom Projektierer wpd Schlagzeilen. Dieser Park liegt nur wenige Kilometer von drei weiteren Windparks entfernt, an denen der Kommunalversorger beteiligt ist. "Wir sind mittlerweile ganz gut im Geschäft. Die Windenergiebranche ist vergleichsweise klein. Uns werden viele Bestandsparks angeboten, weil wir schon viele Deals erfolgreich abgeschlossen haben", sagt Stadtwerke-Chef Brünner. Als Aktiengesellschaft sei das Unternehmen in der Lage schnell und ohne Gremienbeschlüsse zu entscheiden, das zahle sich aus. Die Käuferseite in dem Markt habe sich durch Versicherungsfirmen, Banken und Family Offices deutlich verbreitert, es seien aber erstaunlich wenige Stadtwerke in dem Markt unterwegs.
Bündler für andere Stadtwerke
Die Stadtwerke Heidenheim sehen sich beim Thema Windenergie auch als Bündler für andere Stadtwerke. "In der Regel fahren wir einen Park ein Jahr lang allein und optimieren ihn. Dann veräußern wir bis zu 74,9 Prozent der Anteile an Stadtwerke aus unserem Netzwerk", so der Vorstand. In der Regel erfolgt das aus steuerlichen Gründen in sieben Tranchen à 10,7 Prozent. Die Stadtwerke Heidenheim verfügen über ein Netzwerk von rund 30 Stadtwerken, aus dem im Regelfall die Käufer stammen. Für die Optimierung der Anlagen, sei es für die technische oder die kaufmännische Betriebsführung oder Abregelungsthemen, hat die Stadtwerke Heidenheim AG eine eigene Fachabteilung.
Due Dilligence in nur vier Monaten
Die obligatorischen Risikoprüfungen vor dem Kauf (Due Dilligence) des Windparks Grebbin dauerten gerade einmal vier Monate. "Die Gespräche mit wpd verliefen außerordentlich konstruktiv, die Unterlagen waren hervorragend aufbereitet. So konnten wir das in dieser kurzen Zeit über die Bühne bringen", so Brünner. Aktuell habe man weitere Projekte in der Prüfung, weitere Zukäufe in diesem Jahr seien nicht auszuschließen. Das Erneuerbare-Energien-Portfolio der Stadtwerke Heidenheim AG umfasst mittlerweile eine Leistung von 94 MW. (hoe)



