Das Bundeswirtschaftsministerium (BMWE) und auch die Bundesnetzagentur forderten in dieser Woche die Gashandelsunternehmen auf, mehr Gas einzuspeichern, um ihrer Verantwortung gegenüber den Kunden im nächsten Winter nachzukommen.

Die Politik verlagert damit die Verantwortung zu Unrecht in den Markt und hofft auf einen milden Winter (wie schon in der letzten Saison) und eine stabile LNG- und Pipelineversorgung im Winter. Ministerin Reiche lehnt bisher einen staatlichen Eingriff zur Wintervorsorge kategorisch ab. Das könnte sich als Fehler erweisen.

Keine Anreize für wirtschaftliche Speicherung

Wenn die Füllstände gering bleiben und ein langer und harter Winter folgt, könnte es sehr eng werden, und staatliche Eingriffe könnten dann irgendwann notwendig werden. Die Zurückhaltung des BMWE ist nicht nur falsch, sondern könnte am Ende alle sehr viel Geld kosten.

Die Marktpreise lassen derzeit keine wirtschaftliche Einspeicherung zu, daher liegen die Einspeicherungen in Deutschland zuletzt bei täglich weniger als 500 Gigawattstunden (GWh); maximal wären über 4.000 GWh pro Tag möglich.

Füllstand im Speicher Rehden bei acht Prozent

Die Gasspeicher in Deutschland sind nur zu 50 Prozent gefüllt. In den letzten fünf Jahren betrug der Füllstand zu diesem Zeitpunkt 77 Prozent; im Vorjahr lag er bei 67 Prozent.

Der größte deutsche Speicher, Rehden, ist nicht einmal zu 8 Prozent gefüllt. Das reduzierte nationale Füllstandsziel für diesen Speicher liegt für den 1. November bei 45 Prozent.

Fehlende Rahmenbedingungen

Es ist Aufgabe der Politik, Rahmenbedingungen für die Winter- und Krisenvorsorge zu schaffen, anstatt die Verantwortung auf den Markt abzuschieben. Es braucht wirtschaftliche Anreize, um den wirtschaftlichen Betrieb der Speicher zu sichern.

Diese Rahmenbedingungen kosten natürlich Geld und können auf Widerstand von Marktteilnehmern stoßen. Eine solche Auseinandersetzung scheut das BMWE bisher. Jedoch ist der rechtzeitige regulatorische Eingriff im Zweifelsfall billiger als eine echte Mangellage im Winter, die dann das Preisniveau in ganz Europa nach oben ziehen könnte.

Warnung vor Rückzug von Gasspeicher-Betreibern

Denn es geht nicht nur um die Versorgungssicherheit für den kommenden Winter, sondern auch um den Erhalt der Gasspeicherinfrastruktur. Speicherbetreiber könnten sich mittelfristig aus dem Markt zurückziehen, sollte der wirtschaftliche Betrieb dauerhaft nicht gewährleistet sein.

Gasspeicher dienen der Krisenvorsorge für kalte Winter und der Absicherung gegen Angebotsausfälle (Russland, Straße von Hormus). Auf einen milden Winter und eine stabile LNG- und Pipelineversorgung zu hoffen, ist zu kurzsichtig und birgt hohe Risiken.

Italien und die Niederlande mit wirkungsvollen Maßnahmen

Ein Blick über die Grenze in die Nachbarländer zeigt, dass es auch in der aktuellen Lage besser gehen kann. In Italien hat der Netzbetreiber Snam finanzielle Einspeicherungsanreize eingeführt, die negative Sommer-Winter-Preisspreads ausgleichen. Händler, die Gas einspeichern, erhalten die Differenz erstattet, falls der Sommerpreis nicht günstig genug gegenüber den Winterkontrakten ist.

Die Niederlande gingen im Juni 2026 als Reaktion auf die niedrigen Speicherstände noch einen Schritt weiter: Der Staat hat der staatlichen Gesellschaft EBN eine Kreditlinie von 21,6 Milliarden Euro für 2026/27 bereitgestellt, mit dem Auftrag, die Speicher notfalls selbst bis auf 80 Terawattstunden (TWh) aufzufüllen, falls der Markt dies nicht leistet – zusätzlich zu einer separaten strategischen Reserve von 5 TWh. Etwaige Verluste von EBN sollen später über eine Netzentgelt-Umlage refinanziert werden.

Blick nach Frankreich und Österreich

Frankreich arbeitet bereits seit einigen Jahren mit einem Regelwerk, mit dem garantierte Erlöse für Speicherbetreiber über einen regulierten Netzzugang gewährt und Fehlbeträge über die Transporttarife aufgefangen werden. Die Gasspeicher Frankreichs sind aktuell zu 65 Prozent gefüllt.

Österreich verwaltet über die ASGM eine strategische Reserve von 20 TWh, die auf den physischen Füllstand angerechnet wird. Die Reserve wird mit einer Vorratspflicht für Lieferanten kombiniert. Ungarn und Tschechien kombinieren strategische Reserven mit Zwischenzielen und Sanktionsmechanismen.

Polens Gasspeicher sind zu 90 Prozent gefüllt

Polen verpflichtet Importeure und Direktabnehmer, Pflichtvorräte im Umfang des durchschnittlichen Erdgasimports von 30 Tagen vorzuhalten, die im Krisenfall innerhalb von 40 Tagen ins polnische Gasnetz geliefert werden müssen. Die Kosten können über die Netzentgelte weitergegeben werden. Diese Regelungen gelten in Polen seit 2017. Die polnischen Gasspeicher sind aktuell zu 90 Prozent gefüllt.

Deutschland ist damit eines der wenigen Länder in der EU, die über große Gasspeicher verfügen und bislang ohne garantierte Erlöse, staatliche Kreditlinien, strategische Reserven oder finanzielle Spread-Ausgleiche auskommen und sich stattdessen allein auf vertragliche Kapazitätsverpflichtungen verlassen. Es ist Zeit, diese Haltung zu überdenken.

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