Mit dem Netzanschlusspaket – kurz: Netzpaket – will die Bundesregierung den Zugang zu Deutschlands Stromnetzen neu regeln. In der Erneuerbaren- und Speicherbranche sorgt das für Wirbel. Bei Netzbetreibern ist die Zustimmung grundsätzlich groß. Doch es kommt auf die Details an.
Thorsten Gross, Leiter Bereich Netzentwicklung bei Westfalen Weser Netz (WNN), begrüßt etwa die geplanten Transparenz- und Digitalisierungsmaßnahmen im Netzanschlussverfahren. Allerdings findet auch er, die Regelungen dürften den weiteren Ausbau erneuerbarer Energien nicht bremsen, es brauche maßvoll gesetzte Vorgaben.
Wo Digitalisierung sinnvoll ist
Das Netzpaket sollte vor allem die Schritte vor und nach den technischen Kernprozessen weiter digitalisieren: unverbindliche Anschlussvoranfrage, Antragstellung, Datenerfassung, Statusinformationen, Dokumentenmanagement. "Diese Vorgänge sind wiederkehrend, datengetrieben sowie standardisier- und automatisierbar. Hier ist Digitalisierung sinnvoll", so Gross.
Beispiel Statusinformationen: WNN erhalte viele Rückfragen zum Bearbeitungsstand, die von Mitarbeitern beantwortet werden. Ein modernes Netzanschlussportal könnte solche Informationen künftig genauso bereitstellen – in Echtzeit, automatisiert und transparent.
Keine neuen Sicherheitsrisiken schaffen
Das Netzpaket müsse einheitliche Rahmenbedingungen schaffen. "Arbeiten alle Marktteilnehmer mit vergleichbaren Standards, lassen sich digitale Lösungen einfacher etablieren, anwenden und weiterentwickeln." Für die Implementierung der Pflichten müsse den Netzbetreibern zudem genug Zeit gegeben werden, abhängig vom konkreten Fall 12 bis 36 Monate.
Auch Netzsteuerungsmaßnahmen sind ein Aspekt – regelbare Transformatoren, fernsteuerbare Schaltanlagen oder Sensoren, die Netzzustandsdaten erfassen und mögliche Engpässe sichtbar machen. Die Digitalisierung sei "der größte Hebel" zu ihrer Optimierung, findet Gross.
WNN installiere solche Technik bereits, weitere Klarheit durch das Netzpaket könnte den Ausbau nochmal beschleunigen. Ein weiterer Punkt: das ausgewogene Verhältnis von Aufwand und Nutzen bei den Transparenz- und Dokumentationspflichten. "Wir sind Betreiber kritischer Infrastruktur und müssen digitale Lösungen immer auch unter Sicherheitsaspekten bewerten." Transparenz müsse so ausgestaltet sein, dass sie keine neuen Sicherheitsrisiken schafft – etwa indem es Angreifern zu leicht gemacht wird, besonders systemkritische Knotenpunkte zu identifizieren.
Pauschale Digitalisierung bremst
Wo sonst noch regulatorische Zurückhaltung geboten ist? Gross warnt vor einem "pauschalen Digitalisierungsansatz". Komplexe technische Entscheidungen, die von Fachleuten getroffen werden müssen, dürften nicht in eine "zu einfache Logik" gepresst werden.

Komplexe technische Entscheidungen dürfen nicht in eine zu einfache Logik gepresst werden.
Thorsten Gross
Leiter Netzentwicklung, Westfalen Weser Netz
Beispiel Netzberechnung: Hier wird analysiert, ob das bestehende Netz beantragte Einspeise- oder Bezugsleistungen technisch sicher aufnehmen kann. Dazu führen Experten Lastfluss- und Netzsimulationen durch. "Ihre eigentliche Leistung geht über die reine Berechnung hinaus. Sie bewerten die Ergebnisse, prüfen Plausibilitäten, berücksichtigen lokale Randbedingungen und entscheiden, welche Lösung rechtlich zulässig, technisch sinnvoll und wirtschaftlich vertretbar ist." Da brauche es kreative und wirtschaftliche Lösungen für komplexe Netzsituationen.
Auf der Netzberechnung baue dann die Netzausbauplanung auf. Ziel es ist, belastbare Zielnetze zu definieren und Entwicklungspfade festzulegen, die künftige Lasten, Erzeugungsanlagen, Speicher zuverlässig einbinden können. "Diese beiden Prozesse laufen heute zwar bereits digital unterstützt ab, sie sind aber nicht vollständig standardisierbar und lassen sich nicht in eine Vollautomatisierung drängen. Es bleiben im Kern komplexe Ingenieursaufgaben." Hier eine Digitalisierung zu erzwingen, wäre unnötig. Weder Kunden noch Netzbetreiber würden profitieren.
Mehr Freiheiten in der Umsetzung
Auch vom ostdeutschen Stromnetzbetreiber Mitnetz Strom werden digitale Standards für Genehmigungs- und Anschlussprozesse ausdrücklich begrüßt, da sie helfen, Anfragen schneller zu bearbeiten, Medienbrüche zu vermeiden und Fachkräfte von administrativen Tätigkeiten zu entlasten. Vorgaben dürfe es nur an den Stellen geben, wo sie sinnvoll sind. Besonders dort, wo hohe Fallzahlen auf standardisierbare Prozesse treffen, etwa beim Austausch technischer Daten zwischen Installateur und Netzbetreiber.
Berücksichtigt werden müssten zudem die Unterschiede zwischen Netzbetreibern hinsichtlich Netzstruktur, Systemlandschaft und regionalen Anforderungen. Mitnetz Strom plädiert hier für einen technologieoffenen Ansatz. Das Netzpaket sollte klare Ziele formulieren, aber ausreichend Freiheit bei der Umsetzung lassen.
Auch Mitnetz Strom ist der Ansicht: Bestimmte Prozesse sind nicht vollständig digitalisierbar und dürfen nicht unter Zwang gestellt werden. Dazu gehören individuelle Netzverträglichkeitsprüfungen, komplexe Netzanschlussprojekte im Mittel- und Hochspannungsbereich, technische Sonderfälle, sicherheitsrelevante Prozesse, die Abstimmung mit Kommunen, Behörden oder Grundstückseigentümern.
Bei komplexen Einzelfällen wäre mit höheren Kosten und längeren Umsetzungszeiten zu rechnen. Zu starre Vorgaben erstickten Innovation und führten sogar dazu, dass bestehende funktionierende Lösungen ersetzt werden müssen.


