Würde die von Datacentern erzeugte Wärme konsequent genutzt, könnten Großstädte in Deutschland langfristig CO2 neutral geheizt werden. Erste Prognosen hierfür liefert Frankfurt am Main, Standort von mehr als 60 Data Centern und des weltweit größten Internetaustauschknotens, wie der Verband der Internetwirtschaft (Eco) mitteilt.
Bis 2030 könnten demnach rein rechnerisch sämtliche Wohn- und Büroräume durch die Abwärmenutzung eine klimaneutrale Wärmezufuhr erhalten. Gerade angesichts der drohenden Energiekrise, wäre die Abwärmenutzung damit eine interessante Alternative zu russischem Gas.
Abwärme als Toplösung
Allerdings hätten Politik und Behörden in Deutschland es versäumt, die Rahmenbedingungen zu setzen, erklärt Béla Waldhauser, Sprecher der unter dem Dach des eco Verbands gegründeten "Allianz zur Stärkung digitaler Infrastrukturen in Deutschland".
"Die Abwärmenutzung von Rechenzentren wird in den kommenden Jahren definitiv zu den Toplösungen zählen, wenn wir Energiekosten und noch dazu CO2 einsparen wollen." Doch selbst wenn die Politik jetzt den Turbogang einlege und Verfahren beschleunige, käme die Abwärme als Ersatz zu russischem Gas im Winter zu spät. "Deutschland hätte mehr und früher in Fernwärmenetze investieren müssen", so Waldhauser.
Heizungen zu alt
Bei Wärmenetzsystemen der vierten Generation sei es demnach möglich, Rechenzentren-Abwärme kostengünstig sowie effizient einzubinden und die daraus gewonnene Energie über mehrere Kilometer hinweg an Haushalte und Gewerbeanbieter zu verteilen.
"Die meiste Abwärme verpufft aktuell entweder ungenutzt in der Luft oder wird oft ins Nahwärmenetz eingespeist, kann also nur für Wohn- und Bürokomplexe in der unmittelbaren Nachbarschaft verwendet werden", so der Experte weiter. Noch dazu stamme etwa die Hälfte der Heizungssysteme deutscher Privathaushalte aus dem vergangenen Jahrhundert und sei damit mehr als 20 Jahre alt.
Dänemark viel weiter
Deshalb fordere die Datacenter-Branche nun schlankere Genehmigungsprozesse und wirtschaftliche Anreize. Unter anderem soll der Neubau sowie die Modernisierung von Rechenzentren deutlich schlanker werden. "Allein für die Baugenehmigung eines Rechenzentrums rechnen wir in Deutschland mit sechs, neun, aber auch manchmal zwölf Monaten. Das ist eindeutig zu lang, wenn wir die Digitalisierung vorantreiben und mit dessen Hebelwirkung gleichzeitig die Klima- und Energiekrise bewältigen wollen", erläutert Waldhauser.
Wie Datacenter-Abwärme schon jetzt in großem Stil genutzt werden kann, machen andere europäische Länder wie Dänemark vor: "Dänemark, aber auch andere skandinavische Länder investieren bereits seit Jahrzehnten massiv in das Fernwärmenetz, erneuerbare Energien und in die Nutzung von Abwärme und tragen in der jetzigen Energiekrise die Früchte davon", sagt Waldhauser.
40 Prozent geringere Energiekosten
Deutsche Pilotprojekte, wie etwa das aktuelle Bauprojekt Westville im Frankfurter Gallus, bei dem rund 1300 Mitwohnungen sowie Gewerbe- und Einzelhandelsflächen bis Mitte 2025 ebenfalls zum Teil durch die Abwärme von Rechenzentren abgedeckt werden sollen, seien laut Waldhauser vor allem auf Initiative der Data Center Branche entstanden.
Ein weiteres Positiv-Beispiel innerhalb der Mainmetropole stelle das Cloud-Rechenzentrum in Gebäudekomplex Eurotheum in den Räumen des ehemaligen Rechenzentrums der EZB dar: Mithilfe eines wasserbasierten Direktkühlsystems werden rund 70 Prozent der Abwärme direkt vor Ort zum Beheizen der ansässigen Büro- und Konferenzräume, Hotellerie und Gastronomie genutzt. So spare das Dresdner Unternehmen jährlich etwa 40 Prozent seiner Energiekosten ein. (jk)
